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Kein eindeutiger Nachweis zur Wirksamkeit der Men-B-Impfung gegen Gonorrhoe
Seit Oktober 2025 gilt die MenACWY-Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren. Die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung (ÄFI) haben damals auf die schwache Evidenz dieser Entscheidung hingewiesen. Zugleich wurde die Meningokokken-Impfung gegen den Serotyp C für Kleinkinder (außer als Indikationsimpfung) gestrichen. Dieser Schritt bedeutete erfreulicherweise eine Verringerung der Aluminiumbelastung für Kleinkinder.
Für die Aktualisierung des Impf-Fachbeitrags zu Meningokokken hat ÄFI nun eine australische prospektive Multicenter-Studie aufgenommen. Dort zeigte sich, dass geimpfte Kinder deutlich seltener unter den invasiven Fällen waren. 93 Prozent der Meningokokken-B-Fälle waren ungeimpfte Kinder. Es gab nur einen invasiven Fall mit Meningokokken C, für das in Australien eine Impfempfehlung besteht, im Gegensatz zu 76 Fällen durch Meningokokken B, für das keine Impfempfehlung in Australien im untersuchten Zeitraum bestand.
Trotz einiger Limitationen zeigt die Studie, dass invasive Erkrankungen in Australien sehr selten sind und in bestimmten ethnischen Gruppen sowie unter ungeimpften Menschen häufiger vorkommen.
Generell gilt für Meningokokken-Erkrankungen, dass sie in allen Altersgruppen (selbst bei Säuglingen unter einem Jahr) so selten sind, dass wahrscheinlich viele, auch schwerere Impfnebenwirkungen häufiger auftreten als die Erkrankung selbst.
Wenig belastbare Evidenz
Zahlreiche Modellierungsstudien kommen zu dem Ergebnis, dass die Men-ACWY-Impfung die invasiven Fälle effektiv senkt, die Mortalität verringert und ein gutes Preis-Nutzen-Verhältnis bietet. Diese Studien wurden jedoch wie üblich nach ÄFI-Vorgehensweise ausgeschlossen, da sie keine direkte Evidenz beitragen und hochgradig anfällig für die Annahmen des Modells sind. Weitere Studien zum Effekt der Meningokokken-ACWY-Impfung wurden ausgeschlossen, u. a. weil sie nicht auf Deutschland übertragbar sind.
Wesentliche Neuerung des Fachbeitrags ist die Auswertung von Studien, die einen Effekt der Men-B-Impfung auf die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe untersucht haben. Sie zeigen einen moderaten Effekt der Meningokokken-B-Impfung gegen Gonorrhoe (Neisseria gonorrhoeae). Meist liegt die berichtete relative Wirksamkeit in systematischen Reviews im Bereich von 20-50 Prozent.
Dass die Meningokokken-B-Impfung überhaupt eine Wirksamkeit gegen Gonorrhoe entfalten könnte, liegt laut Theorie an der Kreuzschutzwirkung: Die Bakterien, die Meningitis B auslösen, ähneln denen, die Gonorrhoe verursachen.
Die ÄFI haben vier aktuelle systematische Reviews zu dem Thema analysiert und ihre Vertrauenswürdigkeit durch die Checkliste AMSTAR-2 zur Bewertung der Berichtsqualität von Übersichtsarbeiten überprüft. Alle vier systematischen Reviews wiesen eine kritische niedrige Vertrauenswürdigkeit auf. Bei allen vier Übersichtsarbeiten bestand das Problem, dass keine Liste mit Begründungen über die ausgeschlossenen Studien angegeben wurde. Das ist wichtig, um zu beurteilen, ob auch wirklich die relevanten Studien inkludiert wurden. Weitere kritische Probleme lagen darin, dass entweder der Publikationsbias nicht untersucht wurde (2x), die systematische Suche nicht umfassend genug (1x) war oder kein Studienprotokoll vorab veröffentlicht wurde (1x). Der Publikationsbias besagt, dass Fachjournale eher Studien mit positiven Ergebnissen annehmen – Forscher müssen dementsprechend Tests durchführen, um dieses Verzerrungsrisiko auszuschließen.
Weiterhin bezogen die Übersichtsarbeiten jeweils nur eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) ein, bei allen anderen handelte es sich um Beobachtungsstudien, von denen bekannt ist, dass sie anfälliger gegenüber Störfaktoren und Verzerrungsrisiken sind. Aber auch die RCT selbst wies Probleme wie eine fehlende Verblindung und eine Fokussierung auf die Gruppe der homosexuellen Männer (welche überproportional von Gonorrhoe betroffen ist) auf. Dadurch ist eine Übertragbarkeit auf die Allgemeinbevölkerung schwierig. Nicht zuletzt zeigte die Studie ohnehin keinen Effekt der Meningokokken-B-Impfung auf die Gonorrhoe-Inzidenz.
Die systematischen Reviews weisen hierbei explizit darauf hin, dass sich die Evidenz von Beobachtungsstudien und RCTs unterscheidet. Für ÄFI lassen diese Daten nur den Schluss zu, dass bisher kein eindeutiger Nachweis der Wirksamkeit der Men-B-Impfung gegen Gonorrhoe vorliegt.
Off-Label-Impfkampagne in England
Aufgrund der steigenden Gonorrhoe-Fälle in England wurde dort im August 2025 weltweit die erste Impfkampagne mit Meningokokken-B-Impfstoffen gegen die Geschlechtskrankheit gestartet. Mit 85.000 gemeldeten Fällen lag die Häufigkeit in England 2023 auf einem Rekord-Niveau.
In der Öffentlichkeit hat das Thema entgegen der geringen Evidenz der Impfung als Mittel gegen Gonorrhoe eine erhöhte Aufmerksamkeit erfahren. So heißt es etwa unter Berufung auf das Imperial College London, dass die Men-B-Impfung in den kommenden zehn Jahren bis zu 100.000 Infektionen verhindern könnte. Es wird sogar von einem „Meilenstein für die sexuelle Gesundheit“ geschrieben.
Die Reaktionen von Fachleuten fielen dagegen deutlich verhaltener aus. Die deutsche Gesellschaft zur Förderung der sexuellen Gesundheit (DSTIG) etwa gibt zu bedenken, dass bisher nur in Beobachtungsstudien signifikante Effekte gefunden wurden, nicht aber in randomisierten kontrollierten Studien.
Andere Mediziner bemängeln, dass für die Modellierung lediglich die Daten retrospektiver Studien berücksichtigt wurden – prospektive Daten jedoch eine wesentlich höhere Evidenzklasse aufweisen. In solchen Studien habe sich allerdings kein signifikant verringertes Risiko für eine Gonorrhoe nach Impfung gezeigt; die Impfung biete keinen individuellen Schutz vor der Geschlechtskrankheit.
Abschließend sei erwähnt, dass es sich bei der Impfkampagne in England um einen Off-Label-Use handelt, also den Einsatz einer Impfung (gegen MenB) außerhalb ihres zugelassenen Gebrauchs. Auch in der EU kann die Meningokokken-B-Impfung nur außerhalb der regulären Zulassung mit den damit verbundenen Dokumentations- und Aufklärungspflichten verabreicht werden.
Das wissenschaftliche Hintergrundpapier und der aktualisierte Impf-Fachbeitrag diskutieren ausführlich, warum Studien aufgenommenen oder ausgeschlossen wurden. Zusätzliche Abbildungen zu Meningokokken-Erkrankungszahlen und Impfquoten veranschaulichen die Ergebnisse.
Weitere Informationen:
Fachbeitrag Meningokokken, 22. Mai 2026
Wissenschaftliches Hintergrundpapier, 22. Mai 2026
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