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Polio (Kinderlähmung)
Wie häufig treten Komplikationen und Folgeerscheinungen bei einer Polio-Infektion auf? Was ist die vakzinassoziierte Poliomyelitis (VAPP)? Ist eine Eradikation bei Polio möglich und wenn ja, bis wann? In welchen Ländern ist Polio noch endemisch? Wie sieht die aktuelle STIKO-Empfehlung aus?
Antworten auf diese und weitere Fragen finden Sie im nachfolgenden Fachbeitrag.
Vorbemerkung:
Die folgenden Ausführungen dienen der Information und ersetzen keinesfalls das ärztliche Beratungsgespräch. Hier werden Fakten präsentiert, die Eltern wie auch Ärztinnen und Ärzten in einem Aufklärungsgespräch helfen können. Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) übernimmt keine Garantie für Vollständigkeit, hat die hier verfügbaren Inhalte jedoch nach bestem Wissen und Gewissen am aktuellen Fach- und Sachstand zusammengetragen. Über die wissenschaftliche Arbeit des Vereins erfahren Sie hier mehr – eine Spende hilft uns dabei, die hohe Qualität unserer gemeinnützigen Informationsarbeit zu erhalten und zu verbessern. Der Fachbeitrag wird jährlich aktualisiert. Das dargelegte Wissen entspricht dem Kenntnisstand zum angegebenen Veröffentlichungs- bzw. Aktualisierungsdatum. Der Fachbeitrag findet sich unterhalb der Zusammenfassung („Auf einen Blick“) über die aufklappbaren grünen +-Elemente („Akkordeons“).
Auf einen Blick:
Infektionsverlauf
Anteil asymptomatischer Fälle > 95 % (bei Kindern etwa 70 %, da es häufiger zu einem biphasischen Verlauf kommt); drei unterschiedliche symptomatische Verläufe – abortive, nicht-paralytische und paralytische Poliomyelitis; bei schweren Verläufen Post-Polio-Syndrom möglich
Epidemiologie
Verabreichung von Impfstoffen hat weltweit zur Verringerung der Fälle um 99 % Prozent und der Eradikation der Serotypen 2 und 3 geführt (mittlerweile tritt nur noch Typ 1 in wenigen endemischen Ländern auf)
Todesfälle
Laut Infektionsepid. Jahrbüchern des Robert Koch-Institutes gab es 2021, 2022 und 2023 keine Polio-Todesfälle in Deutschland
Schutzwirkung der Impfung
Je nach Impfstofftyp gibt es Vor- und Nachteile: orale Lebend-Impfstoffe (OPV) induzieren eine Herdenimmunität, können aber zur Verbreitung von impfstoffassoziierter Poliomyelitis (VAPP) führen, Nicht-Lebend-Impfstoffe (IPV) haben dieses Risiko nicht, führen aber auch zu keiner Herdenimmunität
Impfstrategie
Die Möglichkeit erneuter Polio-Fälle in Deutschland ist wegen der Limitationen der IPV nicht auszuschließen – auch wenn die Fallzahlen durch die Impfstoffe eine baldige Eradikation des Wildtyps ermöglichen, bleibt die Frage, wie VAPP-Fälle verhindert werden
Mögliche Adjuvantien
Nur bei Kombinationsimpfstoffen: Aluminiumhydroxid oder Aluminiumphosphat
STIKO-Empfehlung
Säuglinge, Kinder und Jugendliche sollen mit dem IPV-Impfstoff geimpft werden, Jugendliche und Erwachsene zudem eine Auffrischimpfung erhalten.
Kritik an der STIKO-Empfehlung
Die STIKO hat bisher nicht eruiert, wie das erneute Auftreten von Polio-Fällen in Deutschland unterbunden werden kann – IPV können schließlich keine Herdenimmunität erzeugen. Die STIKO-Empfehlung wird jedoch obsolet, sobald Polio als eradiziert gilt
Stand: 21. Aug. 2026
Fachbeitrag:
Erreger
- Polioviren sind Einzelstrang-RNA-Viren mit einer Größe von 25 bis 30 nm, ohne Lipidhülle und gehören zur Gattung Enterovirus der Familie der Picornaviridae (Mehndiratta et al., 2014).
- Es wurden drei verschiedene Serotypen des „wild poliovirus“ identifiziert – WPV1, WPV2 und WPV3.
- Die 1988 gegründete Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI) führte zur Ausrottung von WPV2 im Jahr 2015 und WPV3 2019 (Mbani et al., 2023).
- Menschen stellen das einzige Reservoir des Erregers dar.
(Robert Koch-Institut, 2021)

Abbildung 1: Polioviren, koloriert. Aufgenommen mit dem Elektronenmikroskop (Robert Koch-Institut, 2024a).
Infektionsmodus
- Die Übertragung erfolgt wie bei Enteroviren üblich hauptsächlich fäkal-oral, z. B. über kontaminierte Nahrungsmittel und Wasser.
- Die Inkubationszeit variiert zwischen 2 und 35 Tagen (Mehndiratta et al., 2014), durchschnittlich liegt sie bei 6 bis 9 Tagen für die abortive, bei 3 bis 6 Tagen für die nicht-paralytische und bei 7 bis 14 Tagen für paralytische Poliomyelitis (Robert Koch-Institut, 2021).
- Solange das Virus ausgeschieden wird, ist eine Ansteckung möglich. Im Rachen ist das Poliovirus etwa 36 Stunden bis eine Woche nach Infektion nachweisbar, im Stuhl etwa 2, 3 Tage bis 6 Wochen. Bei einer Immundefizienz kann die Ausscheidung dagegen sogar Monate und Jahre andauern (Robert Koch-Institut, 2021).
Infektionsverlauf
- Der Anteil der asymptomatischen Fälle an allen Infektionen wird bei Erwachsenen auf über 95 % geschätzt (Rasch et al., 2001; Mehndiratta et al., 2014).
- Bei Kindern beträgt dieser Anteil nur 70 %, da es häufiger zu einem milden biphasichen Verlauf kommt (Centers for Disease Control and Prevention, 2021).
- Dabei kommt es zur Ausbildung neutralisierender Antikörper (stille Feiung) (Robert Koch-Institut, 2021).
Bei symptomatischen Fällen kann zwischen drei verschiedenen Arten unterschieden werden, die auch jeweils eine unterschiedliche Inkubationszeit aufweisen (s. Infektionsmodus):
- Abortive Poliomyelitis: In 4 bis 8 % der Fälle bei Erwachsenen kommt es zu dieser milden, unspezifischen Form der Virämie, die mit Gastroenteritis, grippeähnlichen Beschwerden und leichten Infektionen der Atemwege einhergeht (Mehndiratta et al., 2014). Bei Kindern ist der Anteil mit 24 % sehr viel höher, die Manifestation von Fieber und Halsschmerzen aber absolut harmlos. In weniger als einer Woche tritt dabei eine vollständige Genesung ein (Centers for Disease Control and Prevention, 2021).
Wenn die Polioviren das zentrale Nervensystem (ZNS) erreichen, kommt es nach der abortiven Poliomyelitis zur
- nicht-paralytischen Poliomyelitis, auch als aseptische Meningitis bezeichnet, die bei 1 % der Fälle bei Erwachsenen und 1 bis 5 % der Fälle bei Kindern als Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelspasmen auftritt und nach 2 bis 10 Tagen wieder verschwindet oder 2-3 Tage später zur
- paralytischen Poliomyelitis führt, die bei weniger als 1 % aller Infektionen auftritt. Diese schwere Art der Virämie unter ZNS-Beteiligung ist durch extreme Schmerzen und Schmerzschübe im Bereich des Rückens, Nackens und der unteren Gliedmaßen gekennzeichnet.
Weiterhin muss zwischen drei verschiedenen Formen differenziert werden. Die spinale Form ist mit 79 % der identifizierten Fälle zwischen 1969 und 1979 am häufigsten und löst asymmetrische Lähmungen aus, die insbesondere die Beine betreffen. Die bulbäre Form ist mit 2 % am seltensten und löst charakteristisch eine Schwäche der Gesichts-, Mund- und Atemmuskulatur aus. Die bulbospinale Form lässt sich als Kombination der beiden vorherigen Formen auffassen und macht etwa 19 % der Fälle aus.
(Mehndiratta et al., 2014; Centers for Disease Control and Prevention, 2021)
Post-Polio-Syndrom
Es kann zu Folgeerscheinungen kommen, die unter dem Fachbegriff Post-Polio-Syndrom (PPS) zusammengefasst werden:
- Dabei handelt es sich um eine neurologische Störung, die noch viele Jahre oder Jahrzehnte nach einer paralytischen Poliomyelitis auftreten kann und mit einer Schwäche bzw. Muskelermüdung und -abnahme (Atrophie) einhergeht.
- Weitere Symptome sind Myalgie, Atemnot, Gelenkschmerzen, Dysphagie und allgemeine Müdigkeit.
- Schätzungen zufolge sind etwa 15 bis 80 % der Überlebenden einer paralytischen Poliomyelitis von PPS betroffen. Die hohe Schwankung ergibt sich aus den Unterschieden der untersuchten Populationen. Bevölkerungsbezogene Studien kommen dabei auf einen Wert von 29 bis 31 % bzw. 42 %.
- Dass die Poliovirus-Infektion persistiert und dadurch PPS ausgelöst wird, ist nicht bewiesen.
- Der Verlauf ist multifaktoriell beeinflusst und hängt bspw. von dem Schweregrad der paralytischen Poliomyelitis, dem Alter zu Beginn der Erkrankung und dem sozioökonomischen Status ab.
- Nach wie vor ist nicht geklärt, ob PPS durch ein dysreguliertes Immunsystem oder mit Gewebeschäden und Apoptose einhergehende neurologische Alterungsphänomene verursacht wird. Eine 2024 veröffentlichte Querschnittstudie, die zelluläre und humorale Immunparameter bei 47 PPS-Patienten und 27 altersgleichen Kontrollen untersuchte, konnte keine Unterschiede feststellen. Die Autoren folgern, dass die ältere Hypothese neurologischer Alterungsphänomene durch diese Ergebnisse bestärkt wird. Dies würde neue Möglichkeiten für biologische und medikamentöse Therapien eröffnen, die auf Neuroprotektion abzielen.
(Lo & Robinson, 2018; Robert Koch-Institut, 2021; Wolbert & Higginbotham, 2023; Laffont et al., 2024)
Abbildung 2: Flussdiagramm zur Darstellung des Infektionsverlaufes einer Polio-Infektion bei Erwachsenen, eigene Darstellung. Zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken.
Abbildung 3: Flussdiagramm zur Darstellung des Infektionsverlaufes einer Polio-Infektion bei Kindern, eigene Darstellung. Zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken.
Pathogenese & Komplikationen
- Der Begriff Poliomyelitis leitet sich vom griech. polios (grau) und myelos (Mark) ab und weist dadurch darauf hin, dass es sich bei der Erkrankung um eine Zerstörung der Nervenzellen in der grauen Substanz des Hinterhorns im Rückenmark handelt.
- Nach Aufnahme von Polioviren in den Körper erfolgt die Vermehrung im gastrointestinalen oder respiratorischen Epithel – dabei vor allem in den Mandeln (Tonsillen), den Lymphknoten des Halses und anschließend in den Peyer-Drüsen im Dünndarm. Dort verursacht es gar keine oder nur sehr milde Symptome.
- Über das Lymphsystem und den Blutkreislauf gelangen die Viren in andere Bereiche des Körpers (Gewebe, Organe etc.).
- Polioviren können das zentrale Nervensystem (ZNS), insbesondere das Rückenmark erreichen und dabei ihre primären Zielzellen, die motorischen Neuronen, zerstören (zytopathischer Effekt).
- Neben Lähmungen kann es dabei auch zu tödlichen Atemwegserkrankungen oder kardiovaskulärem Kollaps kommen. Für PPS werden auch Atemversagen, Knochenbrüche und Gedeihstörungen als Komplikationen gelistet.
- Die Pathogenese des PPS ist letztlich nicht vollständig geklärt. Die bewährteste Theorie nach Wiechers und Hubell besagt, dass es durch die Vergrößerung der motorischen Einheiten im Zuge der Polio-Infektion zu einer distalen Degeneration kommt. Neuere Studien unter Verwendung der Elektromyographie unterstützen diese Theorie, da das Verfahren auf eine erhöhte Instabilität der neuromuskulären Verbindung hinweist. Körperliche Inaktivität und altersbedingte Sarkopenie können dabei ebenfalls eine Rolle spielen.
(Blondel et al., 2005; Lo & Robinson, 2018; Mbani et al., 2023; Wolbert & Higginbotham, 2023)
Prävention
- In Deutschland und den westlichen Industrieländern ist das Risiko für eine schwer verlaufende Poliomyelitis praktisch 0. Seit dem Jahr 2000 wurde kein klinischer Polio-Fall mehr registriert. Impfstoffe stellen hier eine reine Vorsichtsmaßnahme dar. In den noch wenigen als endemisch geltenden Ländern (s. Epidemiologie) sind Impfstoffe die sicherste Präventionsmethode (Mbani et al., 2023), s. Polio: Die Impfung.
- Das liegt auch daran, dass alkoholbasierte Handdesinfektionsmittel Polioviren nicht abtöten. Hygienische Bedingungen (z. B. regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife) bleiben aber wie bei vielen viralen Erkrankungen wichtig (Centers for Disease Control and Prevention, 2023).
Prognose
- Die Fallsterblichkeit für Fälle mit paralytischer Poliomyelitis wird mit 2 bis 5 % für Kinder und 15 bis 30 % für Jugendliche und Erwachsene angegeben (Centers for Disease Control and Prevention, 2021).
- Die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention sprechen von einer Häufigkeit von 1 paralytischen Poliomyelitisfall je 200 bis 2000 Infektionen (Estívariz et al., 2025). Bei der oben genannten Fallsterblichkeit für paralytische Poliomyelitis läge die Infektionssterblichkeit (vereinfachend kombiniert) daher für Kinder bei 0,025 bis 0,001 % (1:4.000 bis 1:100.000), für Jugendliche und Erwachsene bei 0,15 bis 0,0075 % (1:667 bis 1:13.333).
- Die bulbäre Poliomyelitis hat eine schlechtere Prognose als die anderen Formen aufgrund der Schädigung von zerebralen bzw. vegetativen Nervenzentren (Robert Koch-Institut, 2021).
Therapie
- Symptomatische, unterstützende Behandlung – bisher sind keine antiviralen Medikamente gegen Poliomyelitis zugelassen.
- Das umfasst in der Akutphase Maßnahmen zur Fiebersenkung und Irritationslinderung, Vorbeugung von Atemwegsinfektionen und ggf. Verringerung von Schmerzen und Krämpfen, z. B. in Form von Beinschienen.
- Schienen bzw. Orthesen können auch bei der Vorbeugung und Behandlung von Deformitäten helfen. Auch chirurgische Eingriffe können dabei helfen, indem sie das Gleichgewicht der Muskulatur um das Gelenk herum wiederherstellen.
- In der Rekonvaleszenz-Phase können tägliche Trainingsprogramme wie submaximales aerobes Training oder Muskeltraining mit geringer Intensität dabei helfen, die Überlastungsschwäche der Muskulatur und das kardiorespiratorische System zu therapieren. Aquafitness scheint zudem einen positiven Einfluss auf die Muskelfunktion sowie das Schmerzempfinden zu haben.
(Tiffreau et al., 2010; Wolbert & Higginbotham, 2023)
Epidemiologie
Weltweit:
- 1988 gab es 350.000 Fälle von endemischer Poliomyelitis in 125 Ländern. Die Weltgesundheitsversammlung beschloss in demselben Jahr die vollständige Eradikation des Poliovirus.
- Die routinemäßige Verabreichung der zur Verfügung stehenden Impfstoffe im Kindesalter hat zur Reduktion um 99 % auf weltweit 33 Fälle im Jahr 2018 geführt.
- Von den drei Wildtypen ist nur noch Seroryp 1 in Umlauf, welcher in Pakistan und Afghanistan als endemisch gilt (Wolbert & Higginbotham, 2023). Eine Studie, die Daten der Global-Polio-Eradication-Initiative (GPEI) von 2017 bis 2026 analysiert hat, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass sich die Zirkulation des Serotyp 1 (WPV1) in den letzten Jahren wieder intensiviert hat und impfstoffabgeleitete Polioviren (cVDPV2) eine Gefahr für das Eradizierungsprogramm darstellen (Sun & Zhang, 2026).
- Die Global Polio Eradication Initiative und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichten für das Jahr 2023 über 6 paralytische Poliomyelitisfälle je in Pakistan und Afghanistan, für 2024 über 74 in Pakistan und 25 in Afghanistan und für 2025 über 31 bzw. 21 Fälle. Es gibt keine weiteren berichteten paralytischen Fälle durch das Wildvirus aus anderen Ländern (Global Polio Eradication Polio Initiative, 2026).

Abbildung 4: Bestätigte paralytische Poliomyelitisfälle (AFP) durch WPV1 von 2001 bis 2025 in ausgewählten Ländern nach Daten der Polio Global Eradication Initiative und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eigene Darstellung. Inzwischen gelten nur noch Pakistan und Afghanistan als endemische Länder, in nicht-endemischen Ländern wie Malawi und Mozambique kam es in den letzten Jahren aber ebenfalls zu Einzelfällen (World Health Organization, 2024; Global Polio Eradication Polio Initiative, 2026).
- Im Mai 2014 hat die WHO den öffentlichen Gesundheitsnotstand von internationaler Tragweite (PHEIC) für Polio deklariert – dieser hält als bisher längster mit einer Dauer von über 12 Jahren bis heute an. Der Gesundheitsnotstand wird voraussichtlich dann aufgehoben werden, wenn auch der dritte und letzte Wildtyp ausgerottet wurde und auch impfstoffabgeleitete Polioviren keine Gefahr mehr darstellen (World Health Organization, 2023b).
Gesundheitlicher Notstand Ausrufung Beendigung Dauer Influenza-Pandemie H1N1 2009 bis 2010 25. April 2009 10. August 2010 351 Tage Poliomyelitis 2014 bis dato 5. Mai 2014 andauernd > 12 Jahre Ebolafieber-Epidemie 2014 bis 2016 8. August 2014 29. März 2016 1 Jahr und 235 Tage Zikavirus-Epidemie 2015 bis 2016 1. Februar 2016 18. November 2018 2 Jahre und 291 Tage Ebolafieber-Epidemie 2018 bis 2020 17. Juli 2019 26. Juni 2020 346 Tage COVID-19-Pandemie 2020 bis 2023 30. Januar 2020 5. Mai 2023 3 Jahre und 96 Tage Affenpocken-Ausbruch 2022 bis 2023 23. Juli 2022 11. Mai 2023 293 Tage Affenpockenausbruch 2024 14. August 2024 5. September 2025 1 Jahr und 22 Tage Ebolafieber-Epidemie in der DR Kongo und Uganda 17. Mai 2026 andauernd < 1 Jahr Tabelle 1: Bisherige gesundheitliche Notlagen internationaler Tragweite (PHEIC), ausgerufen und beendet durch die WHO, eigene Darstellung.
- Jedoch gibt es durch die eingesetzten oralen Polioimpfstoffe (OPV) Fälle von sogenannter vakzinassoziierter Poliomyelitis (VAPP). Dabei handelt es sich um ein natürliches Phänomen der Enteroviren: Die Variabilität und schnelle Evolution der Polioviren kann bei Verabreichung der OPV zur Replikation und Entstehung („Rückmutation“) eines pathogenen Phänotyps führen („vaccine‐derived polioviruses“, VDPVs), der klinisch ähnlich verläuft wie der Wildtyp (Mbani et al., 2023).
- Unterschieden wird zwischen drei verschiedenen Kategorien: Das zirkulierende VDPV (cVDPV), das sich in einer Gemeinschaft mit niedrigen Impfraten verbreitet, das mit Immunschwäche assoziierte VDPV (iVDPV) und ein noch nicht näher bestimmtes VDPV (aVDPV), bei dem es sich z. B. um ein Abwasserisolat handeln könnte. Die Ausbrüche von cVDPV können durch alle drei OPV-Serotypen verursacht sein.
Abbildung 5: Laut Our World in Data gemeldete Fälle von durch Impfviren verursachter paralytischer Polio bis 2023.
Deutschland:
- Die letzte Polio-Infektion wurde in Deutschland 1990 erfasst, 1992 wurden die letzten importierten Fälle aus Ägypten und Indien gemeldet (Robert Koch-Institut, 2021).
- 1998 hob die STIKO die Impfempfehlung von OPV auf, da es ein Risiko von 1 Fall vakzinassoziierter Poliomyelitis (VAPP) pro 2,7 Millionen Impfdosen gab. In den Folgejahren nach der Entscheidung traten noch bis zu 3 VAPP-Fälle pro Jahr auf (für mehr Infos s. Polio: Die Impfung).
- Ende November 2024 informierte das Robert Koch-Institut erstmals über Impfstoff-abgeleitete Polioviren (cVDPV2) im Abwasser. In den folgenden Monaten konnten die cVDPV2 an mehreren Standorten und über mehrere Wochen nachgewiesen werden. Die einzigen beiden Nachweise aus dem Jahr 2025 stammen aus dem Abwasser in Düsseldorf (KW 3/2025) und Hamburg (KW 13/2025). Es wird vermutet, dass die entdeckten Viren von Menschen stammen, die in anderen Ländern eine Schluckimpfung erhielten. Abwassermonitorungs sind jedoch nicht mit der Zirkulation in der Bevölkerung gleichzusetzen – klinische Fälle von Poliomyelitis wurden bisher nicht nachgewiesen. Sowohl das RKI als auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrer Notfallsitzung vom 6. März 2025 konnten eine lokale und begrenzte Transmission weder beweisen noch ausschließen. Dennoch erfolgte im RKI die Aktivierung der internen Krisenmanagementstrukturen, welche wahrscheinlich auch aktiviert bleiben bis 13 Monate lang keine cVDPV2 in Abwasserproben mehr nachgewiesen wurden (Robert Koch-Institut, 2025).
Die Impfstoffe
- Bei den Polio-Impfstoffen unterscheidet man zwischen oral verabreichten (OPV) und intramuskulär verabreichten (IPV).
- Nur bei den Kombinationsimpfstoffen, nicht aber bei den Einzelimpfstoffen gegen Polio sind Aluminiumsalze als Adjuvans enthalten.
- In Deutschland sind drei IPV-Einzelimpfstoffe gegen Poliomyelitis ab einem Alter von 2 bzw. 3 Monaten zugelassen (Imovax Polio®, IPV Merieux®, Poliovaccine AJV®).
- Zehn weitere Impfstoffe enthalten mindestens Komponenten gegen Tetanus und Diphtherie.
- IPV enthalten Komponenten gegen alle drei Polio-Wildtypen, OPV können auch nur gegen einen Wildtyp wirken (World Health Organization, 2022).
- Polio-Lebendimpfstoffe, die oral verbreicht werden (OPV), sind in Deutschland aufgrund des Risikos einer vakzinassoziierten Poliomyelitis (VAPP) und der Verbreitung von impfstoffabgeleiteten Polioviren („vaccine‐derived polioviruses“, VDPVs) seit 1998 nicht mehr empfohlen (Robert Koch-Institut, 2020a).
Einzelimpfstoffe
Impfstoffname Komponenten Zugelassen ab (Alter) Zusammensetzung Imovax Polio® Polio 3 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Inaktivierte Poliomyelitis-Viren Typ 1 Mahoney (40 D-Antigen-Einheiten) und Typ 2 MEF-1 (8 D-Antigen-Einheiten) und Typ 3 Saukett (32 D-Antigen-Einheiten) gezüchtet in Vero-Zellen, 12,5 µg Phenylalanin, 2 mg Ethanol; sonstige Bestandteile: 2-Phenoxyethanol, Formaldehyd, Salzsäure oder Natriumhydroxid zur pH-Einstellung, Medium 199 (ohne Phenolrot), bestehend aus Aminosäuren (einschließlich Phenylalanin), Mineralsalzen, Vitaminen und anderen Bestandteilen (einschließlich Glukose), ergänzt mit Polysorbat 80 und gelöst in Wasser für Injektionszwecke. IPV Merieux® Polio 3 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Inaktivierte Poliomyelitis-Viren Typ 1 Mahoney (29 D-Antigen-Einheiten) und Typ 2 MEF-1 (7 D-Antigen-Einheiten) und Typ 3 Saukett (26 D-Antigen-Einheiten) gezüchtet in Vero-Zellen, 12,5 µg Phenylalanin, 2 mg Ethanol; sonstige Bestandteile: 2-Phenoxyethanol, Formaldehyd, Salzsäure oder Natriumhydroxid zur pH-Einstellung, Medium 199 (ohne Phenolrot), bestehend aus Aminosäuren (einschließlich Phenylalanin), Mineralsalzen, Vitaminen und anderen Bestandteilen (einschließlich Glukose), ergänzt mit Polysorbat 80 und gelöst in Wasser für Injektionszwecke. Poliovaccine AJV® Polio 2 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Inaktivierte Poliomyelitis-Viren Typ 1 Mahoney (40 D-Antigen-Einheiten) und Typ 2 MEF-1 (8 D-Antigen-Einheiten) und Typ 3 Saukett (32 D-Antigen-Einheiten) gezüchtet in Vero-Zellen; sonstige Bestandteile: Medium 199 (enthält Phenolsulphonphthalein als pH-Indikator). Tabelle 2: In Deutschland zugelassene Einzelimpfstoffe gegen Poliomyelitis mit ihren Bestandteilen (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2020, 2023b, 2023c).
Kombinationsimpfstoffe
Impfstoffname Komponenten Zugelassen ab (Alter) Inhaltsstoffe Boostrix Polio® (alle Hersteller) Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio 3 Jahren Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Diphtherie-Toxoid (2,5 Lf / ≥ 2 I.E.) und Tetanus-Toxoid (5 Lf / ≥ 20 I.E.) und Bordetella-pertussis-Antigene (8 µg Pertussis-Toxoid, 8 µg filamentöses Hämagglutinin, 2,5 µg Pertactin) adsorbiert an hydratisiertes Aluminiumhydroxid Al(OH)2 0,3 mg Al3+ und Aluminiumphosphat AlPO4 0,2 mg Al3+, kann Spuren von Formaldehyd enthalten (während des Herstellungsprozesses verwendet); sonstige Bestandteile: Natriumchlorid, Wasser für Injektionszwecke Hexacima® Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB, Hepatitis B 6 Wochen Eine Dosis (0,5 ml), adsorbiert an hydratisiertes Aluminiumhydroxid (0,6 mg Al3+) enthält: Diphtherie-Toxoid (mind. 20 I. E.), Tetanus-Toxoid (mind. 40 I. E.), Bordetella pertussis-Antigene (Pertussis-Toxoid 25 µg, filamentöses Hämagglutinin 25 µg), inaktivierte Polioviren kultiviert auf Vero-Zellen (Typ 1-Mahoney: 29 D-Antigen-Einheiten, Typ 2-MEF-1: 7 D-Antigen-Einheiten, Typ 3-Saukett: 26 D-Antigen-Einheiten), Hepatitis-B-Oberflächenantigen 10 µg (hergestellt in Hefezellen durch rekombinante DNA-Technologie), Haemophilus-influenzae-Typ-b-Polysaccharid 12 µg – konjugiert an Tetanus-Protein (22-36 µg); sonstige Bestandteile: Dinatriumhydrogenphosphat, Kaliumdihydrogenphosphat, Trometamol, Saccharose, essenzielle Aminosäuren einschließlich L-Phenylalanin, Natriumhydroxid / Essigsäure oder Salzsäure (zur pH-Wert-Einstellung), Wasser für Injektionszwecke Hexyon® Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB, Hepatitis B 7 Wochen wie Hexacima® Infanrix hexa® Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB, Hepatitis B 2 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Diphtherie-Toxoid (mind. 30 I.E.) und Tetanus-Toxoid (mind. 40 I.E.) sowie Bordetella-pertussis-Antigene (Pertussis-Toxoid 25µg, filamentöses Hämagglutinin 25 µg, Pertactin 8 µg) jeweils adsorbiert an Aluminiumhydroxid (0,5 mg Al3+); Hepatitis-B-Oberflächenantigen 10 µg (hergestellt in Hefezellen durch rekombinante DNA-Technologie) und Haemophilus-influenzae-Typ-b-Polysaccharid 10 µg (konjugiert an Tetanus-Protein 25 µg) jeweils adsorbiert an Aluminiumphosphat (0,32 mg Al3+); inaktivierte Polioviren kultiviert auf Vero-Zellen (Typ 1-Mahoney: 40 D-Antigen-Einheiten, Typ 2-MEF-1: 8 D-Antigen-Einheiten, Typ 3-Saukett: 32 D-Antigen-Einheiten); kann Spuren von Formaldehyd, Neomycin und Polymyxin enthalten (während des Herstellungsprozesses verwendet); sonstige Bestandteile: Pulver (Laktose wasserfrei), Suspension (Natriumchlorid; Medium 199 als Stabilisator bestehend aus Aminosäuren, Mineralsalzen, Vitaminen und anderen Substanzen; Wasser für Injektionszwecke) Infanrix-IPV + HiB® (alle Hersteller) Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB 2 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Diphtherie-Toxoid (mind. 30 I.E.), Tetanus-Toxoid (mind. 40 I.E.), Bordetella-pertussis-Antigene (Pertussis-Toxoid 25 µg, filamentöses Hämagglutinin 25 µg, Pertactin 8 µg) adsorbiert an Aluminiumhydroxid (0,5 mg Al3+), inaktivierte Polioviren vermehrt in Vero-Zellen (Typ 1-Mahoney: 40 D-Antigen-Einheiten, Typ 2-MEF-1: 8 D-Antigen-Einheiten, Typ 3-Saukett: 32 D-Antigen-Einheiten), Haemophilus-influenzae-Typ-b-Polysaccharid 10 µg konjugiert an Tetanus-Protein (25 µg), kann Spuren von Neomycin, Polymyxin und Polysorbat 80 enthalten (während des Herstellungsprozesses verwendet); sonstige Bestandteile: Pulver (Laktose), Suspension (Natriumchlorid, Medium 199 als Stabilisator bestehend aus Aminosäuren, Mineralsalzen, Vitaminen und anderen Substanzen, Wasser für Injektionszwecke) Pentavac® (alle Hersteller) Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB 2 Monaten Eine Dosis (0,5 ml), adsorbiert an hydratisiertes Aluminiumhydroxid (0,3 mg Al3+) enthält: Diphtherie-Toxoid (mind. 20 I.E.), Tetanus-Toxoid (mind. 40 I.E.), Bordetella-pertussis-Antigene (gereinigtes Pertussis-Toxoid 25 µg, gereinigtes filamentöses Hämagglutinin 25 µg), inaktivierte Polioviren kultiviert auf Vero-Zellen (Typ 1-Mahoney: 40 D-Antigen-Einheiten, Typ 2-MEF-1: 8 D-Antigen-Einheiten, Typ 3-Saukett: 32 D-Antigen-Einheiten), Haemophilus-influenzae-Typ-b-Polysaccharid 10 µg – konjugiert an Tetanus-Toxoid; kann nicht nachweisbare Spuren von Glutaraldehyd, Neomycin, Streptomycin und Polymyxin B enthalten; sonstige Bestandteile: Phenylalanin (12,5µg), Phenoxyethanol, wasserfreies Ethanol, Trometamol, Saccharose, Medium 199 als Stabilisator bestehend aus Aminosäuren, Mineralsalzen, Vitaminen und anderen Substanzen wie Glukose (ohne Phenolrot), gelöst in Wasser für Injektionszwecke, Formaldehyd, Salzsäure (zur pH-Einstellung des Pulvers), Eisessig und/oder Natriumhydroxid (zur pH-Einstellung der Suspension) Pentaxim® Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB 2 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Diphtherie-Toxoid (mind. 20 I.E.), Tetanus-Toxoid (mind. 40 I.E.), Bordetella-pertussis-Antigene (Pertussis-Toxoid 25 µg, filamentöses Hämagglutinin 25 µg) jeweils adsorbiert an Aluminiumhydroxid (0,3 mg Al3+), inaktivierte Polioviren kultiviert auf Vero-Zellen (Typ 1-Mahoney: 29 D-Antigen-Einheiten, Typ 2-MEF-1: 7 D-Antigen-Einheiten, Typ 3-Saukett: 26 D-Antigen-Einheiten), Haemophilus-influenzae-Typ-b-Polysaccharid 10 µg konjugiert an Tetanus-Protein, Phenylalanin 12,5 µg, kann Spuren von Glutaraldehyd, Neomycin, Streptomycin und Polymyxin B enthalten; sonstige Bestandteile: Phenoxyethanol, wasserfreies Ethanol, Trometamol, Saccharose, Medium 199 Hanks (als Stabilisator ohne Phenolrot, bestehend aus Aminosäuren, Mineralsalzen, Vitaminen und anderen Substanzen), Formaldehyd, Salzsäure (zur pH-Einstellung, Pulver), Eisessig und/oder Natriumhydroxid (zur pH- Einstellung, Suspension), Wasser für Injektionszwecke. Repevax® (alle Hersteller, Auffrisch-Impfstoff) Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio 3 Jahren Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Diphtherie-Toxoid (2 Lf / ≥ 2 I.E.) und Tetanus-Toxoid (5 Lf / ≥ 20 I.E.) und Pertussis-Antigene (2,5 µg Pertussis-Toxoid, 5 µg filamentöses Hämagglutinin, 3 µg Pertactin, 5 µg Fimbrien-Agglutinogene 2 und 3) und inaktivierte und in VERO-Zellen gezüchtete Poliomyelitis-Viren Typ 1 (40-D-Antigeneinheiten) Typ 2 (8-D-Antigeneinheiten) Typ 3 (32-D-Antigeneinheiten) jeweils adsorbiert an Aluminiumphosphat 1,5 mg (0,33 mg Al3+), kann Spuren von Formaldehyd, Glutaraldehyd, Streptomycin, Neomycin, Polymyxin B und bovinem Serumalbumin enthalten (während des Herstellungsprozesses verwendet); sonstige Bestandteile: Phenoxyethanol, Polysorbat 80, Wasser für Injektionszwecke REVAXiS® (alle Hersteller, Auffrisch-Impfstoff) Diphtherie, Tetanus, Polio 5 Jahren Eine Dosis (0,5 ml) enthält: gereinigtes Diphtherie-Toxoid (≥ 2 I.E.) und gereinigtes Tetanus-Toxoid (≥ 20 I.E.) und auf Vero-Zellen kultivierte inaktivierte Poliomyelitis-Viren Typ 1 (29-D-Antigen-Einheiten) Typ 2 (7 D-Antigen-Einheiten) Typ 3 (26 D-Antigen-Einheiten) adsorbiert an Aluminiumhydroxid (0,35 mg Al); sonstige Bestandteile: Phenoxyethanol, Ethanol (wasserfrei), Formaldehyd, Essigsäure und/oder Natriumhydroxid (zur pH- Wert-Einstellung), Medium 199 (Aminosäuren, Mineralsalze, Vitamine, Polysorbat 80, Salzsäure und/oder Natriumhydroxid zur pH-Wert-Einstellung), Wasser für Injektionszwecke Tetravac® (derzeit nicht vermarket) Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio 2 Monaten Eine Dosis (0,5 ml) enthält: Diphtherie-Toxoid (≥ 20 I.E.) und Tetanus-Toxoid (≥ 40 I.E.) und Bordetella-pertussis-Antigene (25 µg gereinigtes Pertussis-Toxoid, 25 µg gereinigtes filamentöses Hämagglutinin) und inaktivierte und in Vero-Zellen gezüchtete Poliomyelitis-Viren Typ 1 (40-D-Antigeneinheiten) Typ 2 (8-D-Antigeneinheiten) Typ 3 (32-D-Antigeneinheiten) jeweils adsorbiert an Aluminiumhydroxid (0,3 mg Al3+), kann Spuren von Glutaraldehyd, Neomycin, Streptomycin und Polymyxin B enthalten (während des Herstellungsprozesses verwendet); sonstige Bestandteile: 2-Phenoxyethanol, Medium 199 (enthält u.a. Aminosäuren, Mineralsalze und Vitamine, gelöst in Wasser für Injektionszwecke), Formaldehyd Vaxelis® Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, HiB, Hepatitis B 6 Wochen Eine Dosis (0,5 ml), adsorbiert an Aluminiumphosphat (0,17 mg Al3+) enthält: Diphtherie-Toxoid (mind. 20 I.E.), Tetanus-Toxoid (mind. 40 I.E.), Bordetella pertussis-Antigene (Pertussis-Toxoid 20 µg, Filamentöses Hämagglutinin 20 µg, Pertactin 3 µg, Fimbrien Typen 2 und 3 FIM 5 µg), Hepatitis-B-Oberflächenantigen 10 µg (hergestellt in Hefezellen durch rekombinante DNA-Technologie), inaktivierte Polioviren gezüchtet in Vero-Zellen (Typ 1-Mahoney: 40 D-Antigen-Einheiten, Typ 2-MEF-1: 8 D-Antigen-Einheiten, Typ 3-Saukett: 32 D-Antigen-Einheiten), Haemophilus-influenzae-Typ-b-Polysaccharid 3 µg – konjugiert an Meningokokken-Protein (50 µg); kann Spuren von Glutaraldehyd, Formaldehyd, Neomycin, Streptomycin, Polymyxin B und Rinderserumalbumin (während der Produktion verwendet); sonstige Bestandteile: Natriumphosphat, Wasser für Injektionszwecke Tabelle 3: In Deutschland zugelassene Kombinationsimpfstoffe, die eine Komponente gegen Poliomyelitis enthalten, und deren Inhaltsstoffe. Die Tabelle spiegelt nicht unbedingt die aktuelle Marktsituation wider (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2010, 2019a, 2019b, 2021, 2022, 2023a, 2024; European Medicines Agency 2023a, 2023b, 2023c, 2024).
Zulassungsstudien:
Alle IPV-Impfstoffe wurden nur auf Immunogenität (Verdünnung 1:8 sowie Anti-PRP von 0,15 µg/ml) getestet – laut Fachinformation liegt kein klinischer Wirksamkeitsnachweis durch die Hersteller vor.
- Imovax Polio®: Es wird lediglich die Information angegeben, dass in neueren Studien bei nahezu 100 % der Säuglinge eine Immunantwort ausgelöst wurde. Nach Auffrischimpfungen wurde ein ähnlicher Wert festgestellt. Über die Dauer des Schutzes gibt es keine Angaben. Klinische Studien zur Wirksamkeit nach dem Säuglingsalter liegen nicht vor (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2020).
- IPV Merieux®: wie Imovax Polio® (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2023c).
- Poliovaccine AJV®: 2 Studien (407 Kinder im Alter von 3, 5 und 12 Monaten geimpft sowie 817 Kinder im Alter von 2, 3 ½, 5 und 16 Monaten geimpft) zeigten einen 100%igen Schutz nach Abschluss der Grundimmunisierung gegen alle Polio-Typen. Ansonsten gilt auch bei Poliovaccine AJV®, dass Daten zur Antikörperpersistenz und zur Wirksamkeit nach dem Säuglingsalter nicht vorliegen (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2023b).
- Boostrix Polio®: Es wurden 2 Studien zur Immunantwort (1.195 Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren sowie 395 Kinder, Jugendliche und Erwachsene ab 10 Jahren) und 2 zur Antikörperpersistenz (344 Kinder von 4 bis 8 Jahren 5 Jahre nach der Impfung und 63 Jugendliche und Erwachsene im Alter von mindestens 10 Jahren ab 10 Jahre nach der Impfung) durchgeführt. Die Schutzwerte lagen durchgängig bei 99 bis 100 % (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2022).
- Hexacima®: Studien haben die Immunantwort nach 2 Dosen mit Kindern im Alter im Alter von 3-5 Monaten und nach 3 Dosen mit Kindern im Impfschema 6, 10, 14 Wochen (n=123-220); 2, 3, 4 Monate (n=322) und 2, 4, 6 Monate (n=934-1270) untersucht. Nach zwei Impfdosen lag der Anteil der immunisierten Kinder gegen die jeweiligen Typen niedriger (Typ 1: 90,8 %, Typ 2: 95 %, Typ 3: 96,7 %) als nach drei Impfdosen (nahe 100 % gegen alle Typen). In diesen Gruppen (aber mit niedrigeren Teilnehmerzahlen von n= 249, 204, 178, 177-349) wurden die Seroprotektionsraten einen Monat nach der Auffrischimpfung untersucht. Der Anteil der Kinder mit ausreichenden Antikörpern lag konstant bei nahe 100 %. Daten zu den Seroprotektionsraten 4-5 Jahre nach der ersten Impfung wurden nur zu den anderen Komponenten, nicht aber zu Polio konsequent ausgewertet. Dazu wird angegeben „Aufgrund der OPV Nationalen Immunisierungstage im Land wurden die Polio-Ergebnisse nicht analysiert“ (European Medicines Agency, 2023b).
- Hexyon®: wie Hexacima® (European Medicines Agency, 2023c).
- Infanrix hexa®: Eine Reihe an Studien mit verschiedenen Impfschemata (2 Studien zu 2, 3, 4 Monate mit n=196, 6 Studien zu 2, 4, 6 Monate mit n =1.693, 6 Studien zu 3, 4, 5 Monate mit n=1.055, 1 Studie zu 6, 10, 14 Wochen mit n=265) hat die Immunantwort nach Gabe von Infanrix hexa® ermittelt. Der Anteil der gegen Polio Typ 2 immunisierten Kinder war mit 95,7-99,3 % je nach angewendetem dreifachem Impfschema am geringsten, gegen die anderen Polio Typen 1 und 3 bildeten nahezu 100 % der Kinder Antikörper. Nach zwei Impfdosen wurden die geringsten Seroprotektionsraten ermittelt – abhängig vom Typ und Impfschema 85,6-99,4 %. Zu einer ersten Auffrischimpfung im zweiten Lebensjahr nach einer Grundimmunisierung mit 3 Impfdosen wurden 12 Studien mit insgesamt 2.009 Teilnehmern durchgeführt. Diese ergaben einen 99,9 %igen Schutz gegen alle Serotypen. Im Alter von 4-5 Jahren wiesen 95,7-97,7 % der Kinder Antikörperwerte auf, bei Kindern im Alter von 7-8 Jahren 91-97,2 %. 3 Studien mit ca. 300 Teilnehmern legen nahe, dass die Seroprotektionsraten sich bei Frühgeborenen nicht großartig unterscheiden (European Medicines Agency, 2023).
- Infanrix-IPV + HiB®: Studien mit verschiedenen Impfschemata (1 Studie 3, 5 Monate n=86; 1 Studie 1½, 3 ½, 6 Monate n=62; 3 Studien 2, 3, 4 Monate n= 337; 6 Studien 2, 4, 6 Monate n=624; 2 Studien 3, 4, 5 Monate n=127; 1 Studie 3, 4 ½, 6 Monate n=198) zeigen Seroprotektionsraten für zwei Impfstoffdosen von 93-98,8 % und für drei Impfstoffdosen von 95,7-100 % (je nach Serotyp). Studien zu Auffrischimpfungen während des zweiten Lebensjahres (9 Studien, n=1.326) zeigen Seroprotektionsraten von 99,9-100 % gegen alle Serotypen (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2019b).
- Pentavac®: Es wurde bei mindestens 99 % der untersuchten Kinder nach 3 Impfungen schützende Antikörpertiter gegen Poliomyelitis festgestellt. Allerdings wurde im Vergleich zu anderen Studien keine Verdünnung von 1:8, sondern von 1:5 gewählt. Zur Antikörperpersistenz wurden keine Daten angegeben (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2021).
- Pentaxim®: wie Pentavac® (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2024).
- Repevax®: Studien mit Kindern im Alter von 3-5 Jahren (n=148), im Alter von 5-6 Jahren (n=240) und mit Erwachsenen und Jugendlichen (n=994) ergaben gegen alle Serotypen Seroprotektionsraten von 99,9-100 %. Zur Persistenz der Antikörperantwort wurden Studien mit Kindern im Alter von 3,5-5 Jahren 1, 3 und 5 Jahre nach einer Dosis Repevax® sowie Studien mit Jugendlichen im Alter von 11-17 Jahren und Erwachsenen im Alter von 18-64 Jahren 1, 3, 5 und 10 Jahre nach einer Impfdosis durchgeführt. Bei Erwachsenen lag die Seroprotektionsrate konstant bei 100 %, wobei die Daten nach zehn Jahren jedoch nicht ausgewertet wurden. Bei Jugendlichen lagen diese Werte bei 98,2-100 % und die Daten nach zehn Jahren wurden ebenfalls nicht ausgewertet. Bei Kindern wurden ausreichende Antikörper bei 100 % nach 1 Jahr, 97,2-100 % nach 3 Jahren und 95,7-100 % nach 5 Jahren festgestellt (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2019a). Hinweis von ÄFI: Eine 2025 im Journal vaccines veröffentlichte japanische Studie mit Erwachsenen legt nahe, dass auch nach 10 Jahren noch hohe Seroprotektionsraten von 90-100 % vorhanden sind (Fukushima et al., 2025).
- REVAXiS®: Die Immunogenität wurde bei 661 gesunden Probanden zwischen 6 und 78 Jahren untersucht. Mehr als 99 % der geimpften Personen, deren letzte Impfung höchstens 10 Jahre zurücklag, entwickelten schützende Antikörper. Eine weitere klinische Studie mit 113 gesunden Probanden zwischen 40 und 78 Jahren, deren letzte Impfung ebenfalls höchstens 10 Jahre zurücklag, ermittelte eine Seroprotektionsrate von 100 %. Die gemessenen Antikörpertiter waren in einer Studie mit 151 gesunden Kindern zwischen 6 und 9 Jahren 3-mal höher als bei Erwachsenen – daher wird davon ausgegangen, dass Kinder mindestens genau so gute Antikörpertiter wie Erwachsene entwickeln (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2023a).
- Tetravac®: Mindestens 99,5 % der Kinder entwickelten nach 3 Impfungen ausreichende Antikörpertiter gegen alle Serotypen. Allerdings wurde im Vergleich zu anderen Studien keine Verdünnung von 1:8, sondern von 1:5 gewählt. Zur Antikörperpersistenz wurde lediglich angegeben, dass nach der vierten Impfung im zweiten Lebensjahr „hohe Antikörperanstiege“ nachgewiesen wurden (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2010).
- Vaxelis®: Die Seroprotektionsraten wurden in einer Studie mit einem zweifachem Impfschema (2, 4 Monate n=319-609) und zwei Studien mit dreifachem Impfschema (2, 3, 4 Monate n=498-550 und 2, 4, 6 Monate n=2.455-2.696) gemessen. Beim zweifachen Impfschema entwickelten 92,9-98 % der Teilnehmer schützende Antikörper, beim dreifachen Impfschema 99,8-100 % (je nach Serotyp). Eine Studie untersuchte die Seroprotektionsrate nach einem zweifachen Impfschema in Monat 11-12 (n=377-591), eine weitere nach einem dreifachen Impfschema in Monat 12 (Initialdosen 2, 3, 4 n=439-551). Bei Ersterem wurden Werte von 99,3-99,8 % ermittelt, bei Zweiterem von 99,8-100 %. Zur Antikörperpersistenz wurden keine Daten vorgelegt (European Medicines Agency, 2024).
Impfschema & Durchimpfungsrate
Abbildung 6: Laut Our World in Data die Impf-Schemata weltweit in 2023.
- Laut Robert Koch-Institut (2024b) haben 96 % der Kinder in Deutschland die 1. Impfstoffdosis mit IPV erhalten, 77 % sind vollständig geimpft.
Geschichte
- Neben den intramuskulär verabreichten Impfstoffen gibt es auch orale Impfstoffe (OPV), die lebende und vermehrungsfähige Polioviren enthalten.
- Der erste OPV-Impfstoff, entwickelt von Albert Sabin, wurde 1959 zuerst großflächig in Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei eingesetzt, wohingegen der erste IPV-Impfstoff 1955 in den USA lizensiert wurde.
- Ursprünglich enthielten die OPV-Impfstoffe abgeschwächte Viren gegen alle drei Wildtypen. Mittlerweile gelten aber Wildtyp 2 (seit 2015) und Wildtyp 3 (seit 2019) als ausgerottet (Robert Koch-Institut, 2021).
Chronologie
1949 Das Poliovirus wird erstmals in menschlichem Gewebe gezüchtet (John Enders, Thomas Weller, Frederick Robbins) 1954 Inaktivierter Impfstoff, entwickelt durch Jonas Salk, wird an 1,6 Millionen Kindern in Kanada, Finnland und den USA getestet 12. April 1955 Der erste IPV-Impfstoff wird lizensiert 1955-1957 Die Zahl der Polio-Fälle fällt von 58.000 auf 5.600 pro Jahr 1958-1959 Zusammen mit russischen Virologen wird der erste OPV-Impfstoff von Albert Sabin an insgesamt 140.000 Kindern aus der Sowjetunion und der Tschechoslowakei getestet 1959-1960 Ungarn und die Tschechoslowakei sind die ersten Länder, die mit der Impfung des OPV-Impfstoffes beginnen 1961 Monovalenter OPV-Impfstoff (Typ 1, 2 oder 3) wird lizensiert 1963 Trivalenter OPV-Impfstoff (Typ 1, 2 und 3) wird lizensiert 1988 Die „Global Eradication Initiative“ (Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung) wird gegründet 1994 Amerika gilt als poliofrei 1995 Massen-Impfkampagnen in China und Indien werden gestartet 2000 Die Westpazifik-Region gilt als poliofrei 2003 Polio ist nur noch in 6 Ländern endemisch 2006 Polio ist nur noch in 4 Ländern endemisch 2009 Bivalenter OPV-Impfstoff (Typ 1 und 3) wird lizensiert 2014 Süd-Ost-Asien gilt als poliofrei 2015 Polio-Wildtyp 2 gilt als ausgerottet 2019 Polio-Wildtyp 3 gilt als ausgerottet 2020 Afrika gilt als poliofrei 2021 Weltweit werden sechs Poliofälle registriert, vier in Afghanistan sowie jeweils einer in Malawi und Pakistan; erste Nutzung von nOPV2 in Nigeria mit einem Emergency Use Listing durch die WHO. 2022 Es gibt weltweit 28 Wildvirus-Infektionen (in Pakistan, Afghanistan und Mosambik), in London und New York wurde das Polio-Virus in Abwasserproben detektivert; Europa ist seit 20 Jahren frei vom Polio-Wildvirus. 2023 Jeweils sechs Wildvirus-Fälle in Afghanistan und Pakistan. 2024 Bisher (Juni 2024) jeweils fünf Wildvirus-Fälle in Afghanistan und Pakistan. Tabelle 4: Geschichte der Impfstoffentwicklung gegen das Poliovirus und dessen Verbreitung weltweit (Kurji et al., 2024; Robert Koch-Institut, 2021; World Health Organization, 2022b, 2023a).
Neuartiger oraler Polio-Impfstoff
- 2020 hat die WHO einen neuen oralen Polioimpfstoff gegen den Typ 2 (nOPV2) auf die Liste für den Einsatz in Notfällen (EUL) gesetzt, um die Ausbreitung von cVDPVs zu stoppen. Die bisherigen intramuskulär verabreichten IPV-Impfstoffe können das Problem nicht lösen, da sie keine Immunität im Darm erzeugen. Der neue Impfstoff besteht ebenso wie die originären OPV-Impfstoffe aus Lebendviren. Diese seien jedoch an 5 verschiedenen Stellen genetisch verändert, was sie unanfälliger für eine Mutation machen würde – ausgeschlossen werden könne es jedoch nicht. Weiterhin wird von einer geringeren Ausscheidung der Viren über den Stuhl ausgegangen (Deutsches Ärzteblatt, 2020).
- Seit März 2021 wurde der nOPV2-Impfstoff mehr als 650 Millionen Kindern in 30 Ländern verabreicht. In Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo wurden bereits vier Fälle von Rückmutationen bestätigt. Als Gründe dafür wurden unter anderem die schlechtere Überwachung der Polio-Fälle im Zuge der COVID-19-Pandemie, Katastrophen und Konflikte sowie das Warten einiger Länder auf den neuen Impfstoff anstatt die Verwendung des älteren Impfstoffes genannt (Nature, 2023).
- Inzwischen äußern Forscher Kritik am nOPV2-Impfstoff. Laut GPEI waren alle Fälle von Polio-Virus-Infektionen des Wildtyps bei Kindern aufgetreten, die bereits mit dem neuartigen Impfstoff geimpft wurden. Es wurde demnach ein absolutes Impfversagen festgestellt. Schon bei der OPV-Impfung wurden Unterschiede in der Wirksamkeit je nach geografischem Einsatz festgestellt. Die Sicherheit ist bei Schluckimpfungen laut den Autoren nie das Problem gewesen. Stattdessen sollte die geringe Wirksamkeit in Ländern mit niedrigem bis mittleren Einkommen durch den neuen OPV-Impfstoff behoben werden. Die Ausrottung von Polio bis 2023 sei auch wegen der Quote an Impfversagern durch die nOPV2-Impfstoffen nicht realisierbar gewesen (John et al., 2024).
Wirksamkeit
Nicht-Lebend-Impfstoffe (IPV)
- IPV-Impfstoffe verhindern nicht die Ausscheidung von Polio-Viren. Sie können keine Herdenimmunität erzeugen (Macklin et al., 2019).
- Zwei Impfungen sind ausreichend. Eine dritte Impfung mit einem IPV-Impfstoff erzeugt keine Steigerung der Serokonversionsrate (Macklin et al., 2019).
- Je später geimpft wird und je größer der Abstand zwischen den ersten beiden Impfungen ist, desto besser ist die Immunantwort. Bei einem Alter von mehr als 10 Wochen bei der ersten Impfung lag die Serokonversionsrate bei 80%, ein Zeitabstand von 9 Wochen führte zu etwa 90% Serokonversionsrate nach der zweiten Impfung (World Health Organization, 2022a).
- Eine Impfserie von drei Impfungen plus Booster sorgt vermutlich für eine lebenslange Immunität, auch wenn die Antikörperspiegel mit zunehmendem Alter abnehmen (World Health Organization, 2022a).
Lebend-Impfstoffe (OPV)
- Geimpfte Menschen scheiden Polioviren für einige Tage über den Nasen-Rachenraum und für einige Wochen über den Stuhl aus. Dadurch werden Personen im gleichen Haushalt gleichzeitig „mitgeimpft“ (World Health Organization, 2022a).
- OPV erzeugen eine Immunität der Darmschleimhaut und können eine Herdenimmunität erzeugen, weil sie die Übertragung von Polioviren verhindern.
- Weitere Vorteile: Sie sind günstig und einfach zu verabreichen (oral, zwei Tropfen, z. B. auf Zucker). Deshalb werden sie heute vor allem in Ländern mit geringem Einkommensniveau eingesetzt.
- Sie bieten im besten Fall einen Schutz von 95%. Dieser ist jedoch von verschiedenen Faktoren abhängig, wie dem Ernährungsstatus, den mütterlichen Antikörpern, der Prävalenz von Darminfektionen, dem Kontakt zu OPV-Impflingen im Haushalt und der geografischen Lage (World Health Organization, 2022a). In einkommensschwachen Ländern liegt der Schutz je nach Poliotyp somit nur noch bei 70-90% (Patriarca et al., 1991).
- Die Number needed to vaccinate (NNV) für OPV während der Impfkampagnen in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen wird auf 68 bis 230 Kinder geschätzt, um einen Todesfall zu verhindern (Andersen et al., 2018).
- Die Impfung schützt laut WHO lebenslang vor Lähmungen durch das Poliovirus (World Health Organization, 2022a).
Nebenwirkungen
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Nicht-Lebend-Impfstoffe (IPV)
Einzel-Impfstoffe:
Impfstoff Sehr häufig (> 1/10) Häufig (≥ 1/100 bis < 1/10) Gelegentlich (≥ 1/1.000 bis < 1/100) Selten (≥ 1/10.000 bis < 1/1.000) Sehr selten (< 1/10.000) Unbekannt / weitere mögliche Nebenwirkungen / Post-Marketing-Surveillance Imovax Polio® Schmerz an der Injektionsstelle Reizbarkeit, untröstliches Schreien, Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, Benommenheit, Schwindel, Vertigo, Erbrechen, Übelkeit, Diarrhö, Myalgie, Arthralgie Verdickung an der Injektionsstelle Lymphadenopathie, allergische oder anaphylaktische Reaktion bis zum Schock, Unruhe, Krampfanfälle, Fieberkrämpfe, vorübergehende leichte Parästhesie, Ausschlag, Urtikaria, lokale Reaktion an der Injektionsstelle (z. B. Ödeme, Ausschlag), grippeähnliche Symptome IPV Merieux® Schmerz an der Injektionsstelle, Fieber Reizbarkeit, untröstliches Schreien, Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, Benommenheit, Schwindel, Vertigo, Erbrechen, Übelkeit, Diarrhö, Erythem an der Injektionsstelle, Myalgie, Arthralgie Verdickung an der Injektionsstelle Lymphadenopathie, allergische oder anaphylaktische Reaktion bis zum Schock, Unruhe, Krampfanfälle, Fieberkrämpfe, vorübergehende leichte Parästhesie, Ausschlag, Urtikaria, lokale Reaktion an der Injektionsstelle (z. B. Ödeme, Ausschlag), grippeähnliche Symptome Poliovaccine AJV® Hautausschlag, allgemeines Unwohlsein, Druckschmerz, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle, Fieber Lymphadenopathie, Überempfindlichkeit und anaphylaktische Reaktion, Hohes Fieber (≥ 40 °C) Fieberkrämpfe, Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Vasovagale Synkope, Urtikaria, Arthralgie, Myalgie Tabelle 5: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen der Einzelimpfstoffe gegen Poliomyelitis (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2020, 2023b, 2023c).
Kombinations-Impfstoffe:
Impfstoff Alter / Geschlecht Sehr häufig (> 1/10) Häufig (≥ 1/100 bis < 1/10) Gelegentlich (≥ 1/1.000 bis < 1/100) Selten (≥ 1/10.000 bis < 1/1.000) Sehr selten (< 1/10.000) Unbekannt / weitere mögliche Nebenwirkungen / Post-Marketing-Surveillance Boostrix Polio® (alle Hersteller) Kinder im Alter von 4 bis 8 Jahren (n=908) Schläfrigkeit, Rötung / Schwellung / Schmerzen an der Injektionsstelle Appetitlosigkeit, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Fieber
> 39,0°C, ausgedehnte Schwellung der Impfextremität (manchmal auch angrenzende Gelenke) Blutung / Pruritus / Verhärtung an der Injektionsstelle
Lymphadenopathie, Schlafstörungen, Apathie, trockener Rachen, Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems, einschließlich aufsteigender Lähmungen bis hin zur Atemlähmung (z. B. Guillain-Barré-Syndrom) Allergische Reaktionen einschließlich anaphylaktische und anaphylaktoide Reaktionen, hypoton-hyporesponsive Episoden, Krampfanfälle (mit oder ohne Fieber), Urtikaria, Angioödem, Asthenie Personen im Alter von 10 bis 93 Jahren (n=955) Kopfschmerzen, Rötung / Schwellung / Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit Gastrointestinale Beschwerden (wie Erbrechen, Bauchschmerzen, Übelkeit), Fieber ≥ 37,5°C, Hämatom / Pruritus / Verhärtung / Wärme / Taubheit an der Injektionsstelle Herpes labialis, Lymphadenopathie, Appetitlosigkeit, Parästhesie, Schläfrigkeit, Schwindel, Pruritus, Arthralgie, Myalgie, ausgedehnte Schwellung an der Impfextremität (manchmal auch angrenzende Gelenke), Fieber > 39,0°C, Schüttelfrost, Schmerzen Hexacima® bis 24 Monate in klinischen Prüfungen untersucht Inappetenz, Weinen, Somnolenz, Erbrechen, Fieber ≥ 38,0 °C, Reizbarkeit, Schmerzen, Erythem und Schwellung an der Injektionsstelle anhaltendes Weinen (anormal), Diarrhö, Verhärtung an der Injektionsstelle, ≥ 39,6 °C Überempfindlichkeitsreaktion, Fieber, Knötchen an der Injektionsstelle Anaphylaktische Reaktion, Konvulsionen mit oder ohne Fieber, Ausschlag, ausgeprägte Schwellung einer Extremität Muskelhypotonie oder hypotonisch- hyporesponsive Episoden (HHE) Brachial-Neuritis, Guillain-Barré-Syndrom, Periphere Neuropathie (Polyradikuloneuritis, Gesichtslähmung), Optikusneuritis, Demyelinisierung des Zentralnervensystems, Enzephalopathie, Enzephalitis, Apnoe bei Frühgeborenen (≤ 28. SSW), ödematöse Reaktionen an unteren Gliedmaßen mit möglicher Zyanose, Rötung, transiente Purpura und heftigem Weinen Hexyon® bis 24 Monate in klinischen Prüfungen untersucht Inappetenz, Weinen, Somnolenz, Erbrechen, Fieber ≥ 38,0 °C, Reizbarkeit, Schmerzen, Erythem und Schwellung an der Injektionsstelle anhaltendes Weinen (anomal), Diarrhö, Verhärtung an der Injektionsstelle, ≥ 39,6 °C Überempfindlichkeitsreaktion, Fieber, Knötchen an der Injektionsstelle Anaphylaktische Reaktion, Konvulsionen mit oder ohne Fieber, Ausschlag, ausgeprägte Schwellung einer Extremität Muskelhypotonie oder hypotonisch- hyporesponsive Episoden (HHE) Brachial-Neuritis, Guillain-Barré-Syndrom, Periphere Neuropathie (Polyradikuloneuritis, Gesichtslähmung), Optikusneuritis, Demyelinisierung des Zentralnervensystems, Enzephalopathie, Enzephalitis, Apnoe bei Frühgeborenen (≤ 28. SSW), ödematöse Reaktionen an unteren Gliedmaßen mit möglicher Zyanose, Rötung, transiente Purpura und heftigem Weinen Infanrix hexa® Ab 2 Monaten Appetitlosigkeit, ungewöhnliches Schreien, Reizbarkeit, Ruhelosigkeit, Schläfrigkeit, Fieber ≥ 38 °C, Schmerzen / Rötung / Schwellung an der Injektionsstelle (bis 5 cm) Unruhe, Durchfall, Erbrechen, Fieber >39,5 °C, Verhärtung, Schwellung / an der Injektionsstelle (über 5 cm) Infektion der oberen Atemwege, Husten, Diffuse Schwellung der Impfextremität (manchmal unter Einbeziehung des angrenzenden Gelenks), Müdigkeit Lymphadenopathie, Thrombozytopenie, anaphylaktische Reaktionen, anaphylaktoide Reaktionen (einschl. Urtikaria), allergische Reaktionen (einschl. Pruritus), Kollaps oder schockähnlicher Zustand (hypoton-hyporesponsive Episode), Bronchitis, Apnoe bei Frühgeborenen (≤ 28. SSW), Hautausschlag, Angioödem, Schwellung der gesamten Impfextremität, Schwellung / Verhärtung / Bläschen an der Injektionsstelle Krampfanfälle (mit oder ohne Fieber), Dermatitis Pentavac® (alle Hersteller) Ab 2 Monaten Appetitlosigkeit (verminderte Nahrungsaufnahme), Nervosität (Reizbarkeit), ungewöhnliches Schreien, Schläfrigkeit (Benommenheit), Erbrechen, Fieber ≥ 38 °C, Rötung / Schwellung / Schmerz an der Injektionsstelle, Schlaflosigkeit (Schlafstörungen), Durchfall, Verhärtung an der Injektionsstelle lang anhaltendes unstillbares Schreien, Fieber ≥ 39 °C, Rötung / Schwellung an der Injektionsstelle (≥ 5 cm), hohes Fieber > 40 °C, ödematöse Reaktionen an unteren Gliedmaßen mit möglicher Zyanose, Rötung, transiente Purpura und heftigem Weinen anaphylaktische Reaktionen, Gesichtsödem, Quincke-Ödem oder Schock, Krampfanfälle mit oder ohne Fieber, Muskelhypotonien oder hypoton-hyporesponsive Episoden (HHE), Hautausschlag, Urtikaria, großflächige Reaktionen an der Injektionsstelle (> 5 cm) einschl. starker Schwellungen an der Impfextremität, die sich über die Gelenke ausdehnen (kann mit Erythem, Wärme, Druckempfindlichkeit oder Schmerzen an der Injektionsstelle verbunden sein), Plexus-brachialis-Neuritis, Guillain-Barré-Syndrom, Apnoe bei Frühgeborenen (≤ 28. SSW) Pentaxim® keine Angaben Appetitlosigkeit (verminderte Nahrungsaufnahme), Nervosität (Reizbarkeit), ungewöhnliches Schreien, Schläfrigkeit (Benommenheit), Erbrechen, Fieber ≥ 38 °C, Rötung / Schwellung / Schmerz an der Injektionsstelle Schlaflosigkeit (Schlafstörungen), Durchfall, Verhärtung an der Injektionsstelle lang anhaltendes, unstillbares Schreien, Fieber ≥ 39 °C, Rötung / Schwellung ≥ 5 cm an der Injektionsstelle hohes Fieber > 40 °C, ödematöse Reaktion der unteren Gliedmaßen (nach Gabe von Hib-Konjugat-Impfstoffen – dabei treten innerhalb der ersten Stunden nach der Impfung Ödeme mit Zyanose, Rötung, transienter Purpura, und heftiges Schreien auf); alle Reaktionen bilden sich spontan und ohne Folgen innerhalb von 24 Stunden zurück anaphylaktische Reaktionen, Gesichtsödem, Quincke-Ödem oder Schock, Krampfanfälle mit oder ohne Fieber, Muskelhypotonien oder hypoton-hyporesponsive
Episoden (HHE), Hautausschlag, Urtikaria, Reaktionen an der Injektionsstelle (> 5 cm) inkl. starker Schwellungen an der Impfextremität die sich über ein oder beide Gelenke ausdehnen (24 bis 72 Stunden nach Impfung verbunden mit Erythem, Wärme, Druckempfindlichkeit oder Schmerzen ab der Injektionsstelle)Repevax® (alle Hersteller, Auffrisch-Impfstoff) Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren (n=390) Durchfall, Müdigkeit / Abgeschlagenheit, Fieber ≥ 37,5 °C, Schmerz / Schwellung / Rötung an der Injektionsstelle Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Ausschlag, Arthralgie / Gelenkschwellung, Reizbarkeit, Dermatitis / Hämatom / Juckreiz an der Injektionsstelle Lymphadenopathie, anaphylaktische Reaktionen, wie z. B. Urtikaria / Gesichtsödem / Atemnot, Krampfanfall, vasovagale Synkope, Guillain-Barré-Syndrom, Fazialisparese, Myelitis, Plexus-brachialis-Neuritis, vorübergehende Parästhesie / Hypästhesie der Extremität, in die geimpft wurde, Schwindel, Bauchschmerz, Schmerzen in der Impfextremität, Krankheitsgefühl (sehr häufig bei Jugendlichen und Erwachsenen), Blässe, starke Schwellung der Impfextremität, Verhärtung an der Injektionsstelle Jugendliche und Erwachsene (n=994) Kopfschmerz, Übelkeit, Arthralgie / Gelenkschwellung, Myalgie, Müdigkeit / Abgeschlagenheit, Schüttelfrost, Schmerz / Schwellung / Rötung an der Injektionsstelle Durchfall, Erbrechen, Fieber ≥ 38 °C REVAXiS® (alle Hersteller, Auffrisch-Impfstoff) - Schmerz / Erythem / Induration / Ödem / Knötchenbildung an der Injektionsstelle Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Fieber Lymphadenopathie, Myalgie, Krankheitsgefühl Arthralgie systemische allergische/anaphylaktische Reaktionen einschließlich Schock, Krampfanfall, Guillain-Barré-Syndrom, Plexus-brachialis-Neuritis,
vorübergehende Parästhesie und Hypästhesie des Arms, in den der Impfstoff verabreicht wurde, vasovagale Synkope, abdomineller Schmerz, Diarrhö, allergische Reaktionen wie Urtikaria, verschiedene Arten von Ausschlag und Gesichtsödem, Schmerz an der Impfextremität, Reaktionen an der Injektionsstelle (> 50 mm) wie Schwellungen (kann mit Erythem, Wärme, Druckempfindlichkeit oder Schmerz an der Injektionsstelle verbunden sein), Blässe, Asthenie, Schüttelfrost, grippeähnliche Symptome (meist am Tag der Impfung)
Tetravac® (derzeit nicht vermarket) Kleinkinder (n=2.800) Appetitlosigkeit, Nervosität (Reizbarkeit), Schlaflosigkeit, Schläfrigkeit (Benommenheit), Durchfall, Erbrechen, Rötung / Verhärtung an der Injektionsstelle, Fieber ≥ 38 °C lang anhaltendes, unstillbares Schreien, Rötung / Schwellung an der Injektionsstelle ≥ 5 cm, Fieber ≥ 38 °C Hohes Fieber ≥ 40 °C Anaphylaktische Reaktionen, Gesichtsödem, Quincke-Ödem, Krämpfe mit oder ohne Fieber, Synkopen, allergieähnliche Symptome wie verschiedene Arten von Ausschlag, Erythem und Urtikaria, Schmerzen an der Injektionsstelle, Reaktionen an der Injektionsstelle (> 5 cm) einschließlich starker Schwellungen an der Impfextremität (kann mit Erythem, Wärme, Druckempfindlichkeit oder Schmerzen an der Injektionsstelle verbunden sein), hypoton-hyporesponsive Episoden (nach Gabe anderer Pertussis-Impfstoffe) Plexus brachialis-Neuritis / Guillain-Barré-Syndrom (nach Gabe von Tetanus-Toxoid) Vaxelis® Bis 15 Monate in klinischen Prüfungen untersucht Verminderter Appetit, Somnolenz, Erbrechen, Weinen, Reizbarkeit, Erythem / Schmerz / Schwellung an der Injektionsstelle, Fieber Diarrhö, Hämatom / Verhärtung / Knötchen an der Injektionsstelle Rhinitis, Lymphadenopathie, Appetitsteigerung, Schlafstörungen einschließlich Schlaflosigkeit, Unruhe, erniedrigter Muskeltonus, Blässe, Husten, Abdominalschmerz, Ausschlag, Hyperhidrosis, Ausschlag / Wärme an der Injektionsstelle, Ermüdung Überempfindlichkeit, anaphylaktische Reaktion, massive Schwellung an der geimpften Extremität Konvulsionen mit oder ohne Fieber, hypotonisch-hyporesponsive Episode (HHE), Apnoe bei Frühgeborenen (≤ 28. SSW) Tabelle 6: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen der Kombinations-Impfstoffe gegen Poliomyelitis (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2010, 2019a, 2019b, 2021, 2022, 2023a, 2024; European Medicines Agency 2023a, 2023b, 2023c, 2024).
Neuere Sicherheitsstudien:
- Eine taiwanische Studie wertete nach 667.497 Booster-Dosen Tetraxim® bei 5- bis 7-jährigen Kindern zwei nationale passive Meldesysteme aus. Bei 59 Kindern wurden unerwünschte Ereignisse gemeldet. 8 Kinder wurden wegen einer ausgeprägten Schwellung der geimpften Extremität (extensive limb swelling, ELS) hospitalisiert. Dies entspricht einer Meldrate schwerwiegender Ereignisse von 1,2 pro 100.000 Dosen bzw. etwa 1:83.400. Alle Kinder erholten sich vollständig. Durch das staatlichen Entschädigungssystem wurden die ELS-Fälle als impfstoffbezogen beurteilt. Da es sich um eine Auswertung des passiven Meldesystems handelt, ist von einer starken Untererfassung auszugehen (die internationale Pharmakovigilanz-Literatur zeigt eine Größenordnung der Untererfassung auch schwerer Impfnebenwirkungen von 1:10 an). Tetraxim® ist hinsichtlich seiner DTaP-IPV-Zusammensetzung eng mit dem in Deutschland zugelassenen Tetravac® vergleichbar. Die Studie wurde von Sanofi finanziert (Kung et al., 2024).
- Eine prospektive südkoreanische Post-Marketing-Studie untersuchte Infanrix-IPV/Hib® bei 646 Säuglingen mit aktiver Nachbeobachtung über jeweils 30 Tage. Bei 22,1 % wurde mindestens ein unerwünschtes Ereignis (AE) erfasst; bei 19,4 % wurde ein Zusammenhang mit der Impfung nicht ausgeschlossen (ADR). Sechs Kinder (0,9 %) hatten ein schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis (SAE); drei wurden hospitalisiert und drei in einer Notaufnahme behandelt. Nur ein Fall von Fieber wurde als möglicherweise impfbedingt und damit als schwerwiegende unerwünschte Arzneimittelreaktion (SADR) bewertet (1/646; 0,2 %). Alle Ereignisse klangen wieder ab. Die Aussagekraft für seltene Nebenwirkungen ist begrenzt: Es fehlte eine Kontrollgruppe, nur 120 Kinder erhielten alle drei Impfstoffdosen innerhalb der Studie und 98,3 % erhielten im Beobachtungszeitraum weitere Impfungen. Die Studie war nur darauf ausgelegt, Ereignisse mit einer Häufigkeit von etwa 0,5 % oder häufiger mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erfassen. Die Autoren sprechen von einem „akzeptablen Sicherheitsprofil“. Die Studie wurde von GSK finanziert – das Unternehmen war auch an Durchführung und Analyse beteiligt (Elenge et al., 2024).
Lebend-Impfstoffe (OPV)
- Lähmungen, wie bei einer Infektion mit dem Wildtyp (VAPP), die nach sieben bis 60 Tagen auftritt und mehr als 60 Tage anhält. Das Risiko beträgt in Ländern, die OPV verwenden, 3,8 Fälle pro einer Millionen Geburten (Platt et al., 2014).
- VAPP tritt in Ländern mit hohem Einkommen meist bei Kindern unter einem Jahr und nach der ersten Dosis auf (Alexander et al., 2004).
- In Ländern mit niedrigem Einkommen tritt VAPP bei Ein- bis Vierjährigen eher nach der zweiten oder weiteren Impfung auf (World Health Organization, 2022a).
- Impfstoffabgeleitete Polioviren (VDPVs) sind genetisch veränderte Varianten des Impfvirus. Sie können ausgeschieden werden und im Fall von „circulating vaccine-derived polioviruses“ (cVDPVs) andere Menschen infizieren, vor allem wenn in der Bevölkerung eine geringe Immunität vorliegt. Außerdem gibt es immunodefiency-VDPVs, die in Menschen auftreten, die keine Immunantwort auf die Impfung ausbilden können und ambiguous VDPVs, die weder in Menschen mit Immundefizient auftreten, noch zirkulieren (Polio global erdaication initiative, 2016).
- Beim Übergang von OPV zu IPV Impfschemata kann es hilfreich sein, ein IPV-OPV-Impfschema anzustreben, um den Impfling durch die IPV vor den Lebendviren zu schützen und VAPP zu reduzieren (Ciapponi et al., 2019).
- Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Fieber, Durchfall und Schwäche sind die häufigsten Nebenwirkungen. Manchmal kann es auch zu Lähmungen, asthmaähnlichen Symptomen (Nzolo et al., 2013), Meningitis, Enzephalitis, Krämpfen, transversaler Myelitis und Guillain-Barré-Syndrom kommen (Friedrich, 1998).
Neuartiger Oraler Polio-Impfstoff (nOPV2)
- Forscher einer 2025 im Fachjournal The Lancet veröffentlichten Datentriangulation (Nutzung verschiedener Arten von Datensätzen), haben die Sicherheit des nOPV2 während einer Impfkampagne in Uganda nach einem Ausbruch mit Polio-Viren über Surveillance-Berichte und ein prospektives Überwachungsprogramm untersucht. 9.768.697 Millionen Kinder im Alter von 0-59 Monaten wurden einmalig geimpft und bis 42 Tage nach der Impfung überwacht. So wurden 1.128 Kinder identifiziert, welche ein oder mehr unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse (AESI) erlebten. Bei 109 der Kinder wurde über schwere unerwünschte Ereignisse berichtet. Daraus ergibt sich 1 AESI pro 8.660 verabreichten Impfdosen und 1 schwere AESI pro 89.621 Impfdosen. Zudem gab es einen Todesfall, der aber nicht in kausaler Verbindung mit der Impfung gesehen wurde. Es wurde kein neuer Fall an Impfstoff-assoziierter Poliomyelitis entdeckt und auch kein neues Sicherheitssignal (Longley et al., 2025).
Non-spezifische Effekte
Als non-spezifische Effekte (NSE) werden gesundheitliche Auswirkungen einer Impfung bezeichnet, die über den Schutz vor der jeweiligen Zielerkrankung hinausgehen. Diskutiert werden beispielsweise Einflüsse auf andere Infektionen, Krankenhausaufenthalte oder die Gesamtsterblichkeit durch Impfungen wie Masern, DTP oder BCG. Dabei könnten neben dem Impfstoff auch Alter und Zeitpunkt der Impfung sowie die Reihenfolge verschiedener Impfungen eine Rolle spielen.
Auch für die orale Polioimpfung (OPV) liegen Erkenntnisse zu NSE aus Studien vor: Mehrere Beobachtungsstudien aus Guinea-Bissau und Bangladesch fanden nach OPV-Impfkampagnen eine niedrigere Kindersterblichkeit (Andersen et al., 2021; Nielsen et al., 2021). Auch aus einem Industrieland gibt es entsprechende Hinweise: In einer dänischen Registerstudie mit mehr als 137.000 Kindern war OPV als zuletzt verabreichte Impfung gegenüber DTaP-IPV-Hib mit etwa 15 % weniger infektionsbedingten Krankenhausaufnahmen verbunden (Sørup et al., 2016).
Randomisierte Studien liefern dagegen kein eindeutiges Gesamtbild. In einem RCT mit mehr als 7.000 Neugeborenen war die Mortalität nach OPV bei Geburt zwar niedriger, der Unterschied insgesamt aber nicht statistisch signifikant. Ein günstigerer Effekt zeigte sich bei sehr früher OPV-Gabe (Lund et al., 2015). Auch eine neuere cluster-randomisierte Studie mit mehr als 10.000 Kindern fand keinen signifikanten Gesamteffekt auf Tod oder Krankenhausaufnahme. Ein Vorteil zeigte sich wiederum nur bei Kindern, die bereits innerhalb der ersten zwei Lebenswochen OPV erhalten hatten (Nanque et al., 2024).
Hinweise auf andere mögliche NSE gibt es ebenfalls:
- In einem randomisierten Vergleich von OPV und IPV in Bangladesch traten nach OPV weniger Durchfalltage und bei Jungen weniger bakterielle Durchfallerkrankungen auf; die Zahl der Kinder, die überhaupt an Durchfall erkrankten, unterschied sich dagegen nicht signifikant (Upfill-Brown et al., 2017).
- Eine kleine mechanistische Studie fand zudem Veränderungen des Darm- und Atemwegsmikrobioms nach OPV, kann aufgrund ihrer geringen Teilnehmerzahlen (n=94) aber keine klinischen Schutzwirkungen belegen (Medeiros et al., 2022).
Insgesamt gibt es somit wiederkehrende Hinweise auf günstige non-spezifische Effekte von OPV, ein kausaler allgemeiner Nutzen hinsichtlich Mortalität oder Krankenhausaufnahmen ist bislang jedoch nicht gesichert. Viele positive Ergebnisse stammen aus Beobachtungsstudien und können durch Unterschiede im Impfzeitpunkt, andere Impfungen, zeitliche Veränderungen und den Healthy-Vaccinee-Bias beeinflusst sein (Sørup et al., 2016; Benn et al., 2017). Zudem stammen mehrere Publikationen aus denselben Forschungsgruppen und teilweise aus überlappenden Populationen des Bandim Health Project.
Zu IPV ergibt sich aus der Datenlage bisher kein Beleg für einen eigenständigen positiven oder negativen non-spezifischen Effekt. In einer großen dänischen Registerstudie war eine verzögerte DTaP-IPV-Hib-Impfung mit einem geringfügig niedrigeren Risiko für atopische Dermatitis verbunden (Gehrt et al., 2021). Da IPV dabei nur eine Komponente eines Mehrfachimpfstoffs war und es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich daraus jedoch kein eigenständiger non-spezifischer Effekt der IPV-Komponente ableiten – dieser Effekt könnte also beispielsweise auch auf die Verzögerung der Tetanus- oder Diphtherie-Komponente oder Störfaktoren zurückzuführen sein.
Informationen zu einer Reiseimpfung
- Die Immunisierung erfolgt im Kindesalter (s. STIKO Empfehlung) mit einer Auffrischung zwischen 9-16 Jahren. Im Erwachsenenalter ist keine weitere Auffrischung empfohlen. Für Reisende, die sich länger als vier Wochen in Ländern aufhalten, in denen das Wildvirus oder impfstoffabgeleitete Polio-Viren noch zirkulieren, gilt jedoch die Empfehlung einer Auffrischung zwischen einem Jahr und vier Wochen vor der Abreise. Länder, auf die diese Regelung zutrifft, sind:
Afghanistan, Ägypten, Angola, Äthiopien, Benin, Burkina Faso, D. R. Kongo, Elfenbeinküste, Ghana, Guinea, Iran, Kamerun, Kongo (Brazzaville), Liberia, Malaysia, Mali, Niger, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Sierra Leone, Sudan, Südsudan, Somalia, Tadschikistan, Togo, Tschad, Zentralafrikanische Republik (Kling et al., 2021). - Außerdem gibt es Länder, in denen bei Einreise aus polio-endemischen Ländern ein Impfnachweis erforderlich ist.
Dazu zählen: Ägypten, Brunei Darussalam, Georgien, Indien, Iran, Irak, Jordanien, Katar, Libyen, Malediven, Marokko, Nepal, Oman, Pakistan, Philippinen, Saint Kitts und Nevis, Saudi-Arabien, Somalia, Syrien, Ukraine (Kling et al., 2021).
Die STIKO-Empfehlungen
- Die STIKO empfiehlt allen Säuglingen, Kindern und Jugendlichen eine IPV-Impfung, Jugendlichen und Erwachsenen wird zudem eine Auffrischimpfung empfohlen.
- Dabei soll nach dem 2+1-Schema vorgegangen werden: 3 Impfstoffdosen in den ersten beiden Lebensjahren. Frühgeborene sollen weiter nach dem 3+1-Schema, vier Impfstoffdosen im Alter von 2, 3, 4 und 11 Monaten, geimpft werden.
- Als vollständig immunisiert gelten nur Erwachsene, die im Säuglings- oder Kleinkindalter eine vollständige Grundimmunisierung sowie mit einem Abstand von 10 Jahren eine Auffrischimpfung erhalten haben. Ein späterer Zeitpunkt zur Grundimmunisierung nach Angaben der Hersteller wäre aber auch möglich.
- Laut STIKO ist die Empfehlung solange notwendig, bis die Eradikation der Poliomyelitis erreicht ist und weltweit keine Polioviren mehr zirkulieren.
(Robert Koch-Institut, 2022)
Die Argumente der STIKO
Die erste Erwähnung der Polio-Impfung durch die STIKO findet sich in einer Veröffentlichung im Bundesgesundheitsblatt von 1972. Die STIKO hat hier keine Begründung für die Polio-Impfung oder eine wissenschaftliche Bewertung ihrer Wirksamkeit und Sicherheit vorgenommen. Die Veröffentlichung ersetzte scheinbar frühere Empfehlungen des damaligen Bundesgesundheitsamtes von 1968. Beide Impfungen – IPV und OPV – wurden in der Übersicht aufgeführt. Primär ging es hierbei aber um die empfohlenen Zeitabstände zwischen verschiedenen Schutzimpfungen (Robert Koch-Institut, 1972).
- Eine ausführlichere Begründung veröffentlichte die STIKO erst 1998 (im Epidemiologischen Bulletin 04/98). Dabei ging es allerdings nicht um die grundsätzliche Bewertung der Evidenz zur Polio-Impfung, sondern um den Wechsel von OPV zu IPV. Die STIKO bewertete beide Impfstofftypen damals als gleich wirksam (ohne Angabe von Quellen). Für OPV besteht jedoch das Risiko einer vakzinassoziierten paralytischen Poliomyelitis (VAPP), für IPV nicht (Robert Koch-Institut, 1998).
- Für die Nutzen-Risiko-Abwägung war aus Sicht der STIKO entscheidend, dass in Deutschland durch die weltweite Eradikationsinitiative auch das Risiko einer Einschleppung zurückgegangen war. Gleichzeitig waren von 14 seit 1991 in Deutschland registrierten Polio-Erkrankungen 12 als VAPP gemeldet worden. Bei einer Fortführung der OPV-Regelimpfung rechnete die STIKO mit etwa ein bis zwei VAPP-Fällen pro Jahr. Deshalb bezeichnete sie die weitere Verwendung von OPV in der Regelimpfung als langfristig nicht mehr tolerierbar (Robert Koch-Institut, 1998).
- Auch eine Kombination beider Impfstofftypen – zunächst IPV, anschließend OPV – wurde intern diskutiert. Ein solches Schema hätte nach Einschätzung der STIKO zwar das VAPP-Risiko für den Geimpften reduziert, nicht jedoch für ungeimpfte Kontaktpersonen. Einen entscheidenden Vorteil für die Populationsimmunität sah sie ebenfalls nicht. Deshalb wurde IPV zum Impfstoff der Wahl erklärt. OPV sollte weiterhin für die mögliche Eindämmung von Polio-Ausbrüchen zur Verfügung stehen (Robert Koch-Institut, 1998).
- Im Epidemiologischen Bulletin 15/1998 wurde die neue IPV-Empfehlung anschließend in den regulären Impfkalender für Säuglinge, Kinder und Jugendliche übernommen. Als allgemeine Argumente für Impfungen nannte die STIKO den individuellen Schutz sowie bei ausreichend hohen Impfquoten die Möglichkeit, Krankheitserreger regional zu eliminieren oder vollständig auszurotten. Die Eradikation der Poliomyelitis bezeichnete sie ausdrücklich als erreichbares gesundheitspolitisches Ziel. Für die Entscheidung zugunsten von IPV wurde jedoch im Wesentlichen die bereits wenige Monate zuvor veröffentlichte Argumentation (wieder ohne Angaben von wissenschaftlicher Literatur) wiederholt: gleiche Wirksamkeit wie OPV, aber ohne VAPP-Risiko (Robert Koch-Institut, 1998).
- Eine deutlich umfangreichere wissenschaftliche Begründung publizierte die STIKO im Epid. Bull. 26/2020 zur Umstellung der Sechsfachimpfung von einem 3+1- auf ein 2+1-Schema. Dabei führte sie aus, dass das 3+1-Schema ursprünglich vor allem wegen der azellulären Pertussis-Komponente eingeführt worden war und für die übrigen Komponenten – darunter IPV – bereits zuvor ein 2+1-Schema als ausreichend angesehen wurde (Robert Koch-Institut, 2020b).
- Interessant ist jedoch, dass der für diese Änderung durchgeführte systematische Review ausschließlich die Pertussis-Komponente untersuchte. Eine systematische Neubewertung der klinischen Wirksamkeit oder Sicherheit der IPV-Komponente erfolgte dabei nicht. Die STIKO begründete dieses Vorgehen damit, dass von den sechs durch den Kombinationsimpfstoff adressierten Erkrankungen im ersten Lebensjahr nur Pertussis noch ein relevantes epidemiologisches Problem darstelle (Robert Koch-Institut, 2020b).
Somit ist festzuhalten, dass die STIKO 1998 zwar einige Argumente für den Wechsel von OPV zu IPV öffentlich nannte – insbesondere das VAPP-Risiko, die geringe Wildviruszirkulation und die aus ihrer Sicht fehlenden Vorteile eines sequenziellen IPV-OPV-Schemas –, eine systematische Darstellung der zugrunde liegenden Evidenz jedoch nicht veröffentlichte. Auch 2020 erfolgte keine eigenständige Neubewertung der klinischen Wirksamkeit und Sicherheit von IPV, da sich der systematische Review zur Umstellung auf das 2+1-Schema im Wesentlichen auf die Pertussis-Komponente konzentrierte. Eine öffentlich dokumentierte, systematische wissenschaftliche Begründung der grundsätzlichen IPV-Impfempfehlung lässt sich aus den ausgewerteten STIKO-Dokumenten daher nicht ableiten.
Kritik an den STIKO-Empfehlungen
- Die Möglichkeit von erneuten Polio-Fällen ist in Deutschland nicht auszuschließen (Nationale Kommission für Polioeradikation in Deutschland, 2022). Durch die Verwendung der IPV-Impfstoffe seit 1998 ist zwar ein zuverlässiger Schutz vor Erkrankung gegeben, die fehlende Darmschleimhautimmunität ermöglicht jedoch die Infektion, Ausscheidung und Weiterverbreitung durch Geimpfte (Robert Koch-Institut, 2022).
- Eines der genannten Risiken muss in Kauf genommen werden: VAPP oder Einschleppung und Weiterverbreitung von noch in endemischen Ländern zirkulierenden Polioviren. Somit ist keiner der bisher entwickelten Polio-Impfstoffe, sei es der OPV-Impfstoff oder der von der STIKO empfohlene IPV-Impfstoff, in seiner Wirkung optimal.
- Die STIKO könnte daher eine Kombinationsstrategie (nach Knolle et al., 2004) mit dem neuartigen, stabileren nOPV2-Impfstoff evaluieren, um die Vorteile einer Grundimmunität und Darmschleimhautimmunität zu verbinden und so einen Herdenschutz zu erreichen. Diese Evaluation sollte jedoch auch die wahrscheinlich baldige Eradikation des Serotyps WPV1 und damit aller zirkulierenden Wildtypen berücksichtigen. Dies würde, wie das RKI selbst schreibt, eine Impfung gegen Polio obsolet machen (Robert Koch-Institut, 2022).
Alexander, L. N., Seward, J. F., Santibanez, T. A., Pallansch, M. A., Kew, O. M., Prevots, D. R., Strebel, P. M., Cono, J., Wharton, M., Orenstein, W. A., & Sutter, R. W. (2004). Vaccine policy changes and epidemiology of poliomyelitis in the United States. JAMA, 292(14), 1696–1701. https://doi.org/10.1001/jama.292.14.1696
Andersen, A., Fisker, A. B., Nielsen, S., Rodrigues, A., Benn, C. S., & Aaby, P. (2021). National Immunization Campaigns With Oral Polio Vaccine May Reduce All-cause Mortality: An Analysis of 13 Years of Demographic Surveillance Data From an Urban African Area. Clinical Infectious Diseases: An Official Publication of the Infectious Diseases Society of America, 72(10), e596–e603. https://doi.org/10.1093/cid/ciaa1351
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Wissenschaftliches Hintergrundpapier von September 2026 (Polio)
Stand: 17. Sep. 2026
Nächste Aktualisierung: 27. August 2027
Erstveröffentlichung: 4. Juli 2023



