Juni 2026: Neue ÄFI-Fortbildung
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RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus)
Welche Altersgruppen sind von einem schweren Verlauf mit RSV besonders gefährdet? Verläuft jede Infektion ähnlich? Welche präventiven und therapeutischen Optionen gibt es? Welche Wirksamkeit ist von den neu zugelassenen Impfstoffen zu erwarten? Und welche Nebenwirkungen gibt es? Antworten auf diese und weitere Fragen finden Sie im nachfolgenden Fachbeitrag.
Vorbemerkung:
Die folgenden Ausführungen dienen der Information und ersetzen keinesfalls das ärztliche Beratungsgespräch. Hier werden Fakten präsentiert, die Eltern wie auch Ärztinnen und Ärzten in einem Aufklärungsgespräch helfen können. Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) übernimmt keine Garantie für Vollständigkeit, hat die hier verfügbaren Inhalte jedoch nach bestem Wissen und Gewissen am aktuellen Fach- und Sachstand zusammengetragen. Über die wissenschaftliche Arbeit des Vereins erfahren Sie hier mehr. Der Fachbeitrag wird jährlich aktualisiert. Das dargelegte Wissen entspricht dem Kenntnisstand zum angegebenen Veröffentlichungs- bzw. Aktualisierungsdatum. Der Fachbeitrag findet sich unterhalb der Zusammenfassung („Auf einen Blick“) über die aufklappbaren grünen +-Elemente („Akkordeons“). Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie auch in unserem Podcast.
Auf einen Blick:
Infektionsverlauf
Asymptomatische Fälle wahrscheinlich stark unterschätzt (vermutlich über 70 %); der Verlauf unterscheidet sich je nach Population – gesunde Erwachsene sind so gut wie nie betroffen, hauptsächlich jüngere Kinder und ältere Erwachsene
Epidemiologie
Mindestens 60 % der Kinder infizieren sich im ersten Lebensjahr und nahezu 100 % sind im zweiten Lebensjahr mindestens ein Mal infiziert gewesen
Todesfälle
Laut Infektionsepid. Jahrbüchern des Robert Koch-Institutes sind 2023 6 Menschen in Deutschland ursächlich an RSV gestorben
Schutzwirkung der Impfung
Alle Aktiv-Impfstoffe wurden in den Zulassungsstudien auf die Verringerung der Symptome, nicht aber Hospitalisierungen und Todesfälle getestet; die absolute Risikoreduktion ist extrem gering; die Dauer der Schutzwirkung ist unbekannt
Impfstofftechnologie
Zwei rekombinante Proteinimpfstoffe und ein modRNA-Impfstoff für über 60-Jährige (Aktivimpfstoffe) sowie monoklonale Antikörper ab 0 bzw. 3 Monaten (Passivimpfstoffe)
Mögliche Adjuvantien
AS01E
STIKO-Empfehlung
Verabreichung von Beyfortus® (Passivimpfstoff) seit Juni 2024 für alle Kinder empfohlen; Impfung mit Abrysvo® oder Arexvy® seit August 2024 für alle Personen ≥ 75 Jahre sowie Personen, die in Pflegeeinrichtungen leben oder im Alter von 60 bis 74 Jahren eine Grunderkrankung aufweisen
Kritik an der STIKO-Empfehlung
ÄFI hält die derzeitige Datenlage nicht für ausreichend – zu breite Konfidenzintervalle, geringe absolute Risikoreduktion, fehlende groß angelegte Beobachtungsstudien und weitere Gründe sprechen gegen eine allgemeine Impfempfehlung
Stand: 17. Feb. 2026
Fachbeitrag:
Erreger
- Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV), einzelsträngiges RNA-Virus mit Doppelmembran aus der Familie der Paramyxoviren und Gattung der Pneumoviren (Robert Koch-Institut, 2015, 2018).
- Ursprünglich wurde das Virus „Chimpanzee Coryza Agent (CCA)“ genannt, da es 1955 durch Experimente an Schimpansen entdeckt und anschließend als Pathogen bestätigt wurde (Beem et al., 1960; Jain et al., 2023).
- Da das Masernvirus ebenfalls zur Familie der Paramyxoviren gehört, besteht eine strukturelle Verwandtschaft zum RS-Virus, die aus immunologischer Perspektive bei einer durchgemachten Masern-Infektion (im Gegensatz zur Impfung) zu einem potentiellen Nestschutz auch bei RSV führen könnte (Weigl et al., 2005).
- Es gibt nur einen RSV-Serotyp, der jedoch in zwei verschiedene Stämme bzw. Gruppen (A und B) eingeteilt wird. Die Unterschiede ergeben sich aus der Struktur des Membranproteins (G-Protein). Beide Stämme zirkulieren gleichzeitig, der Stamm A dominiert laut RKI meistens (Robert Koch-Institut, 2018; Jain et al., 2023).
- Es gibt noch weitere RSV-Arten, darunter das Rinder-RSV (BRSV) und das Mäusepneumonie-Virus (PVM), die den Menschen nicht infizieren. Beim Humanen Respiratorischen Synzytial-Virus (häufig auch als hRSV abgekürzt) ist, wie der Name schon andeutet, der Mensch das einzige Reservoir (Collins & Graham, 2008; Jain et al., 2023).
Abbildung 1: Einzelnes RSV-Partikel, aufgenommen durch Transmissions-Elektronenmikroskopie, Negativkontrastierung. Maßstab = 200 nm (Robert Koch-Institut, 2015).
Infektionsmodus
- Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über größere Aerosolpartikel bzw. Tröpfchen, aber auch über Schmierinfektionen – dazu zählen Handkontakt, Oberflächen und Gegenstände. Als wichtigste Eintrittspforten gelten die Binde- und Nasenschleimhäute (Robert Koch-Institut, 2018).
- Die Vermehrung erfolgt im Nasen-Rachen-Raum mit einer Inkubationszeit von ca. 4 bis 5 Tagen – die Spannweite beträgt ca. 2 bis 8 Tage. Bedeutend sind dabei Faktoren wie das Alter des Patienten und ob es sich um eine Primär- oder Sekundärinfektion handelt (Collins & Graham, 2008; Jain et al., 2023).
- Die Überlebenszeit des Erregers in respiratorischen Sekreten beträgt auf Händen ca. 20 Minuten, 45 Minuten auf Papierhandtüchern und Baumwollkitteln sowie mehrere Stunden auf Kunststoffmaterialien (z. B. Einmalhandschuhe) sowie Stethoskopen (Robert Koch-Institut, 2018).
- Sowohl Infizierte mit symptomatischem als auch asymptomatischem Verlauf können ansteckend sein, dabei bereits 24 Stunden nach Ansteckung mit einer Dauer von ca. 3 bis 8 Tagen. Frühgeborene, Neugeborene, immundefiziente oder immunsupprimierte Patienten gehören zu der Gruppe, die das RSV noch Wochen nach der Ansteckung ausscheiden können (Robert Koch-Institut, 2018).
- Im Gegensatz zu z. B. Influenza besitzt RSV kein segmentiertes Genom, wodurch es keine Antigenverschiebungen („antigenic shifts“) vornehmen kann, die zu großflächigen Pandemien führen könnten (Kaler et al., 2023).
Infektionsverlauf
Der genaue Anteil von asymptomatischen Fällen sowie deren Beitrag in der Verbreitung von RSV ist bisher unzureichend beschrieben worden.
- Anhaltspunkte liefert eine kenianische Kohortenstudie anhand von Tests mit 47 Haushalten und 493 Personen während einer RSV-Epidemie (eine komplette Saison, 26 Wochen). Die 16.928 entnommenen Proben ergaben 205 Infektionsepisoden bei 179 Personen (37,1 %) aus 40 verschiedenen Haushalten. 42 % der 205 RSV-Infektionsepisoden verliefen asymptomatisch. Als unabhängige Prädikatoren wurden Alter, Dauer der Infektionsepisode, Haushaltsgröße, Spitzenviruslast, Prävalenz gleichzeitiger RSV-Infektionen innerhalb des Haushalts, Infektion mit RSV der Gruppe B und frühere RSV-Infektionen festgestellt. Laut den Autoren verbreiten Personen mit einem asymptomatischen Verlauf RSV zwar unwahrscheinlicher weiter, die hohe Prävalenz (42 %) dürfe in ihrem Effekt aber nicht unterschätzt werden (Munywoki et al., 2015).
- Eine groß angelegte Gemeinschaftsstudie über mehrere Altersgruppen hinweg hat bei der Evaluation der Pathogenität 18 verschiedener Atemwegsviren bei den meisten Viren sogar asymptomatische Infektionsraten von über 70 % (auch bei RSV, aber nicht beim Influenzavirus und dem Humanen Metapneumovirus) festgestellt. Dafür wurden 214 Probanden von Herbst 2016 bis Frühjahr 2018 wöchentlich in New York City auf Atemwegsviren getestet. Kinder wiesen grundsätzlich am meisten Symptome auf (Galanti et al., 2019).
- Serologische Studien kommen zu dem Schluss, dass die von Kleinkindern, älteren Erwachsenen aber auch anderen Hochrisiko-Gruppen produzierten Antikörper ungenügend sind und daher häufigere, aber auch schwerere symptomatische Verläufe die Folge sind (Malloy et al., 2013; Kaler et al., 2023).
- Das RKI stellt fest: „Bei Erwachsenen sind RSV-Infektionen vermutlich unterdiagnostiziert, weil sie oft asymptomatisch oder als unkomplizierte Infektion der oberen Atemwege verlaufen“ (Robert Koch-Institut, 2018).
Der typische Verlauf einer RSV-Infektionen unterscheidet sich je nach Population.
- Die Anfangssymptome sind bei allen Gruppen ähnlich, der Krankheitsverlauf jedoch unterschiedlich: Wenige Tage nach der Exposition macht sich die Infektion durch leichte bis mäßige Nasenverstopfung, leichtes Fieber gefolgt von Husten bemerkbar. Grundsätzlich unterscheidet sich die RSV-Infektion zu Beginn kaum von anderen Erregern, die die oberen Atemwege befallen.
- Bei Säuglingen und jüngeren Kindern tritt RSV als Laryngotracheitis („Pseudokrupp“) oder Pharyngitis (mindestens ¼ aller Fälle) bei Entzündung der oberen Atemwege auf. Bei einem Drittel der Fälle weitet sich die Infektion auf die unteren Atemwege aus. Am ehesten folgt dann eine virale Bronchiolitis, aber auch Lungenentzündung oder Laryngotracheitis sind möglich. Häufig werden auch Apnoen beobachtet, was einen wichtigen Marker für die Krankenhauseinweisung darstellt. Bei der Hälfte der Betroffenen wird Erbrechen festgestellt. Auch Appetitlosigkeit und Dehydrierung sind möglich, was das Risiko für eine Krankenhauseinweisung weiter erhöhen kann.
- Bei älteren Kindern und Erwachsenen tritt RSV typischerweise als eine Infektion der oberen Atemwege auf, die nur sehr selten schwer verläuft.
- Bei Älteren und immungeschwächten Erwachsenen manifestiert sich RSV ähnlich symptomatisch bzw. vorerst unspezifisch wie bei Säuglingen, jedoch meist schwerwiegender und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Beteiligung der unteren Atemwege. Häufig kommt es zu einer späten Diagnose, da Betroffene die unspezifischen Symptome mit Grippe oder Erkältung in Verbindung bringen.
- Obwohl die verursachten Symptome je nach Population recht unterschiedlich sein können, bleibt der zeitliche Verlauf relativ ähnlich – i. d. R. zeigen Infizierte 4 bis 7 Tage nach RSV-Exposition die ersten Anzeichen und nach etwa zwei Wochen erfolgt entweder die Abheilung oder die Einlieferung ins Krankenhaus aufgrund von RSV-bedingten Komplikationen (s. unten).
(Kaler et al., 2023)
Abbildung 2: Flussdiagramm zur Darstellung des Infektionsverlaufes einer RSV-Infektion bei (Klein-)Kindern und (älteren) Erwachsenen, eigene Darstellung. Zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken.
Komplikationen
Neugeborene und Säuglinge:
Häufigkeit Am häufigsten → Am seltensten Komplikationen Pulmonale Infiltrate/Atelektasen Mittelohrentzündung RSV-assoziierte Hepatits Hyperinflation Atemstillstand Hyperkaliämie/Hyponatriämie Apnoe Bakterielle Lungenentzündung Anämie Sepsis Hirnhautentzündung Generalisierte Enzephalopathie Isolierte Esotropie
Tabelle 1: Häufigste bis seltenste Komplikationen einer schweren RSV-Infektion bei Neugeborenen/Säuglingen; in Anlehnung an Kaler et al. (2023). Hinweis:Zum Anzeigen der vollständigen Tabelle Bildlaufleiste/Scroll-Balken nach rechts verschieben.(Immunkompromittierte) Erwachsene und Ältere:
- Lungenentzündung
- Versagen der Atemwege
- COPD-Exazerbationen
- Exazerbationen der Herzinsuffizienz (Congestive Heart Failure)
- Asthma Exazerbationen
- Bronchiolitis
- Hypoxämie
(Kaler et al., 2023)
Mögliche Folgen:
- Durch Beobachtungsstudien wurde ein Zusammenhang zwischen primären RSV-Infektionen (mit Beteiligung der unteren Atemwege) im frühen Lebensalter und Atemwegsanomalien (z. B. Asthma) im späteren Lebensalter hergestellt. Da eine RSV-Infektion in den ersten Lebensjahren jedoch universell ist, gibt es keine nicht-infizierte Kontrollgruppe. Diese Hypothese lässt sich somit weder validieren, noch falsifizieren. (Long et al., 1995).
- Ein 2020 veröffentlichtes systematisches Review zu Folgen einer RSV-Infektion der unteren Atemwege bei Kindern kommt zudem zu dem Schluss, dass bisherige Studien durch die Heterogenität der Lungenfunktionstests, unterschiedliche Altersgruppen und die Methoden bei der Berichterstattung Effektschätzungen unmöglich machen. Kinder mit einer RSV-Infektion der unteren Atemwege hätten oft abnormale Lungenfunktionstests. Die Evidenz dazu sei aber „nicht überwältigend“ und „widersprüchlich“ (Verwey et al., 2020).
- Ein weiteres 2020 veröffentlichtes systematisches Review hat vorhandene Studien zur Rolle einer RSV-Infektion im frühen Lebensalter bei wiederkehrendem Keuchen („wheezing“) und Asthma ausgewertet. Als limitierend wurden insbesondere die unterschiedlichen Definitionen für Keuchen und Asthma in den verschiedenen Studien beschrieben. Trotz vielzähliger Störfaktoren konnten die Autoren einen Zusammenhang feststellen: Für wiederkehrendes Keuchen bei Kindern im Alter von 0 bis 36 Monaten, im Alter von 36 bis 72 Monaten und im Alter von 73 bis 144 Monaten; für Asthma bei Kindern im Alter von 73 bis 144 Monaten. Dabei wird betont: „Der Zusammenhang zwischen einer RSV-Infektion im Säuglingsalter und späterem rezidivierendem Keuchen und Asthma im Kindesalter muss nicht unbedingt auf eine Kausalität hinweisen. Bevor auf eine Kausalität geschlossen werden kann, sollten zunächst andere Kriterien in Betracht gezogen werden“ (Shi et al., 2020).
Pathogenese
- Nach Eindringen des Erregers über die Nasen-Rachen-Schleimhaut oder die Bindehaut breitet er sich vergleichsweise schnell in den Atemwegen aus. Dort nutzt er apikale Flimmerepithelzellen zur Vermehrung (Jain et al., 2023). Die Infektion bleibt normalerweise auf diese oberflächlichen Zellen des Atemwegsepithels beschränkt (Collins & Graham, 2008).
- Mithilfe des RSV-G-Glykoproteins bindet der Erreger an die zellulären Rezeptoren. Durch das RSV-F-Fusionsglykoprotein erreicht er eine Verschmelzung mit der Wirtsmembran, sodass er das Nukleokapsid zur intrazellulären Replikation einschleusen kann (Collins & Graham, 2008; Jain et al., 2023).
- Die Verschmelzung der Zellen führt zur Bildung von Riesenzellen mit mehreren Zellkernen, sogenannten Synzytien, daher auch der Name Respiratorisches Synzytial-Virus. Sie werden vom Erreger für die Übertragung von Zelle zu Zelle benötigt. Synzytien von Epithelzellen wirken pathologisch, da sie die Integrität der Atemwege verändern (McNamara & Smyth, 2002; Bergeron & Tripp, 2021).
- Es gibt weitere Proteine, die eine wesentliche Rolle bei der Infektion mit RSV spielen, etwa als Virulenzfaktor (SH-Protein), für die Morphogenese und Replikation (L- und M-Protein) oder als Kofaktor (P-Protein) (Kaler et al., 2023).
Prävention
- Bisher wurde RSV nicht in den Infektionsepidemiologischen Jahrbüchern des RKI aufgeführt. Am 15. Juni 2023 hat der Deutsche Bundestag einer Änderung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) zugestimmt, mit der eine Meldepflicht für RSV verankert wurde (§ 7, Nr. 38a). Damit müssen Ärzte und Labore künftig jeden direkten oder indirekten Nachweis auf eine RSV-Infektion der Behörde anzeigen (s. ÄFI-Beitrag RSV: Die Meldepflicht hilft niemandem).
- Zur aktuellen Situation rund um die neu zugelassenen RSV-Impfstoffe s. RSV: Die Impfung
- Zur passiven Immunisierung stehen seit 1999 intramuskulär zu verabreichende monoklonale Antikörper (Palivizumab) gegen das RSV-F-Protein zur Verfügung. Nach der AWMF-Leitlinie ist Palivizumab nur für Risikogruppen (Frühgeborene im ersten Lebensjahr und Frühgeborene im zweiten Lebensjahr mit behandlungsbedürftiger, bronchopulmonaler Dysplasie) zugelassen (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. et al., 2018).
- Effektive non-pharmakologische-Maßnahmen umfassen – wie bei anderen Atemwegserkrankungen auch – Vermeidung von engem Kontakt, regelmäßige Reinigung kontaminierter Flächen, Händewaschen mit Seife für mindestens 20 Sekunden und Bedecken von Nase und Mund (z. B. durch die Armbeuge) bei Niesen oder Husten (Kaler et al., 2023).
- Insbesondere Krankenhauspersonal sollte Schutzkittel, Einmalhandschuhe und geeigneten Atemschutz tragen, um einer Übertragung vorzubeugen (Robert Koch-Institut, 2018).
Prognose
Eine zeitnahe Diagnostik und passive Immunprophylaxe verringern das Risiko für einen schweren Verlauf (Robert Koch-Institut, 2018).
Kinder:
- Ein systematisches Review mit Meta-Analyse gibt die gepoolte Fallsterblichkeit (CFR) für Kinder in den ersten zwei Lebensjahren aus lateinamerikanischen Ländern mit etwa 1,74 % an (Bardach et al., 2014). Die CFR fällt dabei höher aus, wenn nur jüngere Kinder einbezogen werden, und niedriger, wenn auch ältere Kinder einbezogen werden. Ein systematisches Review zur Sterblichkeit von US-amerikanischen Kindern ergab mit 0 % bis 1,7 % eine recht große Spannweite der Fallsterblichkeit, da keine der einbezogenen Studien über eine systematische Teststrategie verfügte, Mortalitätsraten nicht berichtet wurden und sich die Falldefinitionen für RSV unterschieden (Bylsma et al., 2022).
- Generell wird von einer geringeren CFR in Industrieländern und einer höheren CFR in Entwicklungsländern ausgegangen, unter anderem aufgrund der Qualität der Versorgung (Li et al., 2022). Außerdem besteht eine höhere Sterblichkeitsrate für Säuglinge durch RSV als durch Influenza (5 Mal höher bei Kindern unter 12 Monate), wie eine Querschnittstudie mit Daten von 1999 bis 2018 aus den USA ergab (Hansen et al., 2022).
- Das RKI gibt die Fallsterblichkeit bei gesunden Kindern mit 0,2 % an, bei Frühgeborenen mit 1,2 %, bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie mit 4,1 % und bei Kindern mit angeborenem Herzfehler mit 5,2 % (Robert Koch-Institut, 2018).
(Ältere) Erwachsene:
- Durch die Seltenheit von Todesfällen bei gesunden Erwachsenen (0,1/100.000 Einwohner in Industrieländern und 0,3/100.000 in Entwicklungsländern bei Personen zwischen 18 und 49 Jahren), lässt sich die Fallsterblichkeit nicht sicher bestimmen. RSV zeigt sowohl bei den Hospitalisierungs- als auch Mortalitätsraten eine klassische U-förmige Altersstruktur (Cong et al., 2023).
- Laut einem im Journal vaccines veröffentlichten systematischen Review mit Meta-Analyse, das 16 analysierte Studien mit überwiegend guter Datenqualität und insgesamt 762.084 ältere Studienteilnehmer umfasst, ist die Hospitalisierungs- und Sterblichkeitsrate bei Influenza und RSV ähnlich (Maggi et al., 2022). Die krankenhausbezogene Fallsterblichkeit (hCFR) wird mit 6,1 % angegeben und die RSV-bedingten Todesfälle in allen Industrieländern wird 2019 auf 22.000 bis 47.000 geschätzt (Li et al., 2023). Die Sterblichkeitsraten variieren, hängen jedoch stark mit Komorbiditäten und dem Aufenthalt in Langzeitpflegeeinrichtungen zusammen (Shi et al., 2022; Rozenbaum et al., 2023).
- Bei Älteren wird von einer höheren Sterblichkeit ausgegangen als bei Säuglingen und jüngeren Kindern (Hansen et al., 2022).
Risikofaktoren:
Laut einer systematischen Literaturrecherche mit Meta-Analyse, die in vier Datenbanken 20 Studien nach GRADE-Kriterien mit guter Qualität gefunden hat, konnten von 18 untersuchten Risikofaktoren nur 8 als statistisch signifikant für die Entwicklung einer RSV-Infektion mit Beteiligung der unteren Atemwege identifiziert werden:
- Frühgeburtlichkeit
- Niedriges Geburtsgewicht
- Männliches Geschlecht
- Geschwister
- Rauchen während der Schwangerschaft
- Atopie in der Vorgeschichte
- Fehlende Stillzeit
- Überfüllung im Haushalt (über 7 Personen)
Bei den übrigen Risikofaktoren (geringes Bildungsniveau der Eltern, Mangelernährung, Passivrauchen, Besuch einer Kindertagesstätte, Luftverschmutzung in Innenräumen, HIV, Mehrfachgeburten, Höhenlage, frühere Krankheiten und fehlendes Leitungswasser im Haushalt) konnten nur Hinweise gefunden, aber keine statistisch signifikante Korrelation hergestellt werden. Bei fehlender Stillzeit und Überfüllung im Haushalt konnte aufgrund unterschiedlicher Definitionen in den untersuchten Studien keine Meta-Analyse durchgeführt werden. (Shi et al., 2015).
Therapie
- Bisher gibt es keine direkt wirksame, sondern nur eine unterstützende Behandlung gegen RSV (Robert Koch-Institut, 2018).
- Als antivirale Inhalation steht nur Ribavirin zur Verfügung. In RCTs konnte bisher kein eindeutiger Effekt auf die Beatmungshäufigkeit, die Dauer der intensivmedizinischen Therapie oder des Krankenhausaufenthaltes bei einer RSV-induzierten Erkrankung oder auf die Entwicklung einer Pneumonie nachgewiesen werden. Außerdem verursacht Ribavirin häufige und starke Nebenwirkungen (Anämie, Irritation von Haut, Augen und oberen Atemwegen, Bronchospasmus, Transaminasenanstieg, Insomnie, Depression, Erregbarkeit) sowie hohe Kosten (Rohde et al., 2004; Robert Koch-Institut, 2018; Kaler et al., 2023).
- Kortikosteroide sind bei RSV nicht wirksam, Antibiotika nur bei einer indizierten bakteriellen Koinfektion (Robert Koch-Institut, 2018).
- Bei Krankenhausaufenthalten ist häufig eine unterstützende Therapie mit Flüssigkeitszufuhr, zusätzlichem Sauerstoff und mechanischer Beatmung notwendig (Kaler et al., 2023).
Epidemiologie
Weltweit:
- Durch Modellierungsstudien wird angenommen, dass RSV die weltweit häufigste Ursache für Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und die zweithäufigste Todesursache (nach Malaria) im ersten Lebensjahr ist (wobei bei dieser Schätzung angenommen wird, dass 99 % dieser Todesfälle in Entwicklungsländern auftreten). Es muss jedoch beachtet werden, dass die Daten zur Untermauerung dieser Schätzung der Todesfälle generell von geringer Qualität sind und unklar ist, wie häufig andere Ursachen neben RSV eine Rolle gespielt haben. Wie unter die Erkrankung > Mortalität aufgezeigt, ist die Qualität der Versorgung von großer Bedeutung. Daneben trägt bspw. die (je nach Entwicklungsland und Datensatz) variable Häufigkeit von Superinfektionen (3,5-31 %) zur Unsicherheit bei, sodass insgesamt nicht klar benannt werden kann, wie viele „mit“ und wie viele „an“ RSV weltweit versterben (Nair et al., 2010; Azzari et al., 2021).
- Laut einem systematischen Review mit Meta-Analyse treten 95 % der RSV-assoziierten akuten Infektionen der unteren Atemwege und mehr als 97 % der RSV-bedingten Todesfälle in allen Altersgruppen bei Kindern unter 60 Monaten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) auf (Li et al., 2022).
- Die weltweite Inzidenz wird mit 48,5 Fälle bzw. 5,6 schwere Fälle pro 1.000 Kinder im ersten Lebensjahr beziffert (Robert Koch-Institut, 2018).
- Mehr als 60 % aller Kinder infizieren sich innerhalb des ersten Lebensjahres mit RSV und nahezu alle Kinder im zweiten Lebensjahr sind mindestens ein Mal mit RSV infiziert (Azzari et al., 2021).
- Neugeborene sind im Gegensatz zu Frühgeborenen durch maternale Antikörper in den ersten 4-6 Wochen vor einer schweren Erkrankung geschützt (Robert Koch-Institut, 2018).
- Hospitalisierungen mit einer RSV-Infektion betreffen etwa doppelt so oft Jungen wie Mädchen (Robert Koch-Institut, 2018).
- Das Virus tritt auf der Nordhalbkugel ähnlich wie Influenza saisonal von November bzw. Anfang Dezember bis April auf und hat seinen Höhepunkt im Februar. Bisher gibt es allerdings keine allgemein anerkannte Methode zur Definition einer RSV-Saison (Robert Koch-Institut, 2018; Azzari et al., 2021; Cai et al., 2022).
Deutschland:
- In Deutschland wird die nationale Anzahl an RSV-Infektionen mittels Sentinel-Erhebungen bestimmt und RSV-Saisons werden retrospektiv bewertet (Cai et al., 2022).
- Von der Saison 2011/2012 bis 2019/2020 (9 RSV-Saisons) wurden in Deutschland insgesamt 33.351 Infektionen von KW 40 bis KW 20 gemeldet. Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahren hatten dabei durchschnittlich ca. 2,6 Mal höhere Infektionsraten im Vergleich zu allen anderen Altersgruppen (Cai et al., 2022).
- Anhand von Sentinel-Daten ambulanter Infektionserkrankter im Alter von 0 bis 4 Jahren haben Cai et al. (2022) einen neuen Ansatz entwickelt, um RSV-Saisons sowohl retrospektiv als auch prospektiv zu beschreiben. Die durchschnittliche Länge einer Saison betrug dabei etwa 15 bzw. 17 Wochen.
Abbildung 3: Zeitpunkt der RSV-Epidemiesaison (blau) nach Kalenderwochen von 2011 bis 2021 in Deutschland. In den Pandemiejahren (ab 2020) kam es zu einer Verschiebung der RSV-Saison. Der Peak (Höhepunkt) ist in rot eingefärbt (Cai et al., 2022).
- Sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern wurde seit Beginn der COVID-19-Pandemie eine drastische Reduktion der RSV-Infektionen beobachtet. Mögliche Gründe dafür waren die Einführung von non-pharmazeutischen Interventionen (NPIs) wie Lockdowns und Kontaktbegrenzungen, aber auch mögliche virale Interaktionen zwischen SARS-CoV-2 und RSV. Forscher haben schon 2020 postuliert, dass die Zunahme einer RSV-immunnaiven Bevölkerung in den kommenden RSV-Saisons zu größeren Epidemien führen könnte (Di Mattia et al., 2021; Cai et al., 2022; Abu-Raya et al., 2023).
- In der RSV-Saison 2021/2022 wurde dann wie vermutet eine höhere Hospitalisierungsrate in Deutschland, aber auch in anderen Ländern wie Australien beobachtet. Zudem wurde in einer Studie im UK ein höheres Durchschnittsalter im Vergleich zur Pre-Pandemiezeit (1,8 vs. 0,3 Jahre) festgestellt (Lumley et al., 2022; Tenenbaum et al., 2022).
- Die RSV-Saison 2022/2023 begann in Deutschland wie auch in anderen Ländern ungewöhnlich früh (im Oktober 2022). Im Gegensatz zu COVID-19, das bis dato zu keiner messbaren Morbidität bei Kindern auf Bevölkerungsebene führt, resultierte das frühe und gleichzeitige Auftreten der Influenza und RSV-Welle zu einer schwer zu bewältigenden Herausforderung für das Gesundheitssystem (Buchholz et al., 2023).
Die Impfstoffe
- Derzeit sind zwei Passivimpfstoffe und drei Aktivimpfstoffe zugelassen (s. Tabelle 1) und für unterschiedliche Personengruppen empfohlen (s. STIKO-Empfehlungen).
- Am 24. Mai 2023 hat der Ausschuss für Humanarzneimittel (Committee for Medicinal Products for Human Use, CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) im beschleunigten Bewertungsverfahren ein positives Votum für den Impfstoff Arexvy® abgegeben. Am 6. Juni 2023 folgte die Zulassung für die EU (Europäische Kommission, 2023a).
- Arexvy® ist ein rekombinanter Impfstoff von GlaxoSmithKline Biologicals S.A., der ein Oberflächenprotein des RS-Virus, das gentechnisch verändert wurde, und ein Adjuvans (AS01E) enthält. Zugelassen ist Arexvy® für Menschen ab 60 Jahren.
- Der erste Impfstoff zum Schutz von Säuglingen (Abrysvo®), hergestellt von Pfizer, soll Schwangeren verabreicht werden, um einen künstlichen Nestschutz für die Säuglinge in den ersten sechs Monaten zu erzeugen. Der Impfstoff ist ebenfalls für Personen ab 60 Jahren zugelassen. Am 24. August 2023 folgte die Zulassung durch die EU Kommission nach der Empfehlung durch CHMP (Europäische Kommission, 2023b).
- Am 23. August 2024 hat die EU-Kommission der Empfehlung des CHMP folgend den modifizierten mRNA-Impfstoff (modRNA) mRESVIA® für Über-60-Jährige zugelassen. Damit wurde zugleich erstmals ein modRNA-Impfstoff per Standardverfahren (ohne vorherige bedingte Zulassung) und für eine andere Erkrankung als COVID-19 für die EU zugelassen (Europäische Kommission, 2024). Die STIKO-Empfehlung folgte am 10. April 2025 im Epidemiologischen Bulletin 15/2025 (s. hier)
- Im April 2025 hat der Impfstoff Abrysvo® eine Zulassungserweiterung für Personen ab 18 Jahren erhalten, im September 2025 der Impfstoff mRESVIA® für Personen ab 18 Jahren, bei denen ein erhöhtes Risiko für RSV verursachte LRTD besteht (European Medicines Agency, 2025a, 2025g).
- Weiterhin sind derzeit zwei Passivimpfstoffe zugelassen: Synagis® (Palivizumab) und Beyfortus® (Nirsevimab). Im August 2024 hat Beyfortus® eine Zulassung auch für die 2. RSV-Saison bei Kindern im Alter von unter 24 Monaten, die ein hohes Risiko für eine schwere RSV-Erkrankung haben, erhalten.
- Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA hat bereits grünes Licht für den nächsten Passivimpfstoff Enflonsia® (Clesrovimab) bei Neugeborenen und Säuglingen gegeben (European Medicines Agency, 2025d). Die Zulassung durch die EU Kommission dürfte damit nur noch Formsache sein und in nächster Zeit erfolgen. In den USA ist Enflonsia® bereits seit Mitte des Jahres zugelassen.
Produkt Art des Impfstoffs Technologie Zugelassen ab (Alter) Zusammensetzung Synagis® 50 mg, 100mg Passiv Monoklonaler Antikörper 0 Monate (Geburt) Injektionslösung in einer Durchstechflasche mit 50 mg Palivizumab auf 0,5 ml oder 100 mg Palivizumab auf 1 ml; Palivizumab ist ein rekombinanter humanisierter monoklonaler Antikörper, der mittels DNA- Technologie in Maus-Myelom-Zellen hergestellt wird; Liste der sonstigen Bestandteile: Histidin, Glycin, Wasser für Injektionszwecke Beyfortus® 50 mg, 100 mg Passiv Monoklonaler Antikörper 0 Monate (Geburt) bis 24 Monate Injektionslösung in einer Fertigspritze mit 50 mg Nirsevimab in 0,5 ml (100 mg/ml) oder 100 mg Nirsevimab in 1 ml (100 mg/ml); Nirsevimab ist ein humaner monoklonaler Immunglobulin-G1-kappa(IgG1κ)-Antikörper, der mittels rekombinanter DNA-Technologie in Ovarialzellen des chinesischen Hamsters hergestellt wird; Liste der sonstigen Bestandteile: Histidin, Histidinhydrochlorid, Argininhydrochlorid, Saccharose, Polysorbat 80, Wasser für Injektionszwecke Arexvy® Aktiv Rekombinanter, adjuvantierter Proteinimpfstoff 50 Jahren (bei erhöhtem Risiko für RSV verursachte LRTD) Nach der Rekonstitution enthält eine Dosis (0,5 ml): RSVPreF3-Antigen hergestellt in immortalisierten Ovarialzellen des chinesischen Hamsters (CHO-Zellen) mittels rekombinanter DNA-Technologie und adjuvantiert mit AS01E (enthält 25 μg Pflanzenextrakt aus Quillaja saponaria Molina der Fraktion 21, 25 μg 3-O-Desacyl-4’-monophosphoryl-Lipid A – MPL – aus Salmonella minnesota); Liste der sonstigen Bestandteile: Pulver (Trehalose-Dihydrat, Polysorbat 80 [E 433], Kaliumdihydrogenphosphat [E 340], Kaliummonohydrogenphosphat [E 340]), Suspension des AS01E Adjuvanssystems (Colfosceriloleat [E 322], Cholesterol, Natriumchlorid, Natriummonohydrogenphosphat [E 339], Kaliumdihydrogenphosphat [E 340], Wasser für Injektionszwecke) Abrysvo® Aktiv Rekombinanter Proteinimpfstoff SSW 24-36, 18 Jahren Nach der Rekonstitution enthält eine Dosis (0,5 ml): Jeweils 60 μg stabilisiertes Präfusions-F-Antigen der RSV-Untergruppe A & B hergestellt in Ovarialzellen des Chinesischen Hamsters mittels rekombinanter DNA-Technologie; Liste der sonstigen Bestandteile: Pulver (Trometamol, Trometamolhydrochlorid, Saccharose, Mannitol [E 421], Polysorbat 80 [E 433], Natriumchlorid, Salzsäure zur pH-Einstellung), Lösungsmittel (Wasser für Injektionszwecke) mRESVIA® Aktiv mRNA-Impfstoff 18 Jahren (bei erhöhtem Risiko für RSV verursachte LRTD) Eine Dosis (0,5 ml) enthält: 50 μg einzelsträngige Boten-RNA (messenger RNA, mRNA) mit 5’-Cap-Struktur, die für das in der Präfusionskonformation stabilisierte RSV-A Glykoprotein F kodiert; Liste der sonstigen Bestandteile: SM-102, Cholesterin, DSPC, DMG-PEG2000, Trometamol, Trometamolhydrochlorid, Essigsäure, Natriumacetat-Trihydrat, Saccharose, Wasser für Injektionszwecke Tabelle 2: In Deutschland zugelassene Einzelimpfstoffe gegen RSV und ihre Zusammensetzung (European Medicines Agency, 2023, 2025a, 2025b, 2025c, 2025e, 2025f), LRTD = Erkrankungen der unteren Atemwege (Lower Respiratory Tract Disease).
Abbildung 3: RSV-Impfungen und Monoklonale Antikörper in der jeweiligen klinischen Phase bzw. Zulassung (PATH, 2025). Zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken.
Wirksamkeit und Zulassungsstudien
Aktive Immunisierung:
Arexvy®
- Die Entscheidung des CHMP hinsichtlich Arexvy® basiert auf Zwischenergebnissen eines RCTs mit 25.000 Erwachsenen in 17 Ländern. Die geschätzte relative Wirksamkeit lag dort bei einem 83%igen Schutz gegen eine RSV-bedingte Erkrankung der unteren Atemwege über 6 Monate. Die absolute Risikoverringerung betrug 0,26 %, die number needed to vaccinate (NNV) 379 (Papi et al., 2023).
- Folgende Aspekte der Zulassungsstudie lassen sich laut CHMP als Unsicherheiten und Limitationen bennen, sodass hierüber keine wissenschaftlichen Aussagen getroffen werden können: Dauer des Impfschutzes und Notwendigkeit von Auffrischimpfungen, Impfeffektivität bei ≥80-Jährigen und Immunkompromittierten Personen, Impfeffektivität gegen schwere LRTD und Hospitalisierung, Korrelat des Schutzes für gegen eine RSV-Erkrankung (sodass die beobachtete Immunreaktion nicht als Surrogatparameter für den klinischen Nutzen interpretiert werden kann) (Committee for Medicinal Products for Human Use, 2023).
- Die durchschnittliche Nachbeobachtung für Nebenwirkungen betrug ca. 8 Monate. 4,9 % der Teilnehmer in der Impf-Gruppe und 0,9 % der Teilnehmer in der Placebogruppe erlebten Nebenwirkungen 3. Grades (schwere und unerwünschte Ereignisse, z. B. erhebliche Symptome, die einen Krankenhausaufenthalt oder einen invasiven Eingriff erfordern). Zudem gibt es Unklarheiten bezüglich der Entstehung vom Guillain-Barré-Syndrom und der Verschlimmerung von bestehenden immunvermittelten Erkrankungen nach Impfung (Committee for Medicinal Products for Human Use, 2023).
- Aufgrund der ersten vor Kurzem erfolgten Zulassung gibt es bisher keine Ergebnisse von groß angelegten Beobachtungsstudien zu Arexvy® (aber auch nicht zu Abrysvo®). Bislang gibt es erst eine test-negative Fall-Kontroll-Studie der CDC, welche die Impfeffektivität gegen Hospitalisierungen anhand von knapp 3.000 über-60-jährigen Amerikanern in 19 U.S.-Staaten (davon ca. 2.600 Kontrollpersonen) mit 75 % (95% CI, 50% – 87%) berechnet hat. Als Limitationen führten die Studienautoren die allgemein niedrige Impfquote, die Genauigkeit des RSV-Nachweises und die Länge der Untersuchung (eine RSV-Saison) auf. Einer der Autoren wies Interessenskonflikte aufgrund von Verbindungen zu Syneos Health auf, einem Dienstleister im Bereich klinischer Studien, der unter anderem für Pfizer tätig ist.
- Laut Fachinformation gibt es Hinweise, dass Arexvy® zu einer Steigerung der Frühgeburten führen könnte. Die Verabreichung während der Schwangerschaft wird nicht empfohlen. Bisher liegen keine Daten zur Auswirkung auf die menschliche Fertilität vor (European Medicines Agency, 2024a).
Abrysvo®
Ältere Erwachsene:
- Abrysvo® zeigte in seiner Zulassungsstudie (Study 1) für über 60-Jährige eine Impfstoffwirksamkeit von 66,7% (96,66%, KI, 28,8 bis 85,8 %) hinsichtlich einer ersten RSV-induzierten Infektion der unteren Atemwege mit zwei oder mehr Symptomen und eine Impfstoffwirksamkeit von 85,7% (96,66% KI, 32,0 bis 98,7 %) mit drei oder mehr Symptomen. In Anbetracht der sehr weit gefassten Konfidenzintervalle scheint die Wirksamkeit fraglich (Food and Drug Administration, 2023)
- Eine Open-Label-Studie mit Daten von rund 131.000 dänischen Erwachsenen ab 60 Jahren in der Saison 2024/2025, die individuell im Verhältnis 1:1 in die Interventions- und Kontrollgruppe randomisiert wurden (DAN-RSV-Trial), untersuchte die Häufigkeit von Hospitalisierungen aufgrund von RSV sowie in einer weiteren Analyse die Häufigkeit kardiovaskulärer Erkrankungen. Bei 3 von 65.642 Teilnehmern in der Interventions- und 18 von 65.634 Teilnehmern in der Kontrollgruppe wurde über Hospitalisierungen berichtet. Dies ergibt eine relative Risikoreduktion von 83,3 %, aber eine absolute Risikoreduktion von nur 0,023 %. Sehr viel niedriger war das Ergebnis hinsichtlich der relativen Risikoreduktion für Krankenhausaufenthalte aufgrund von Atemwegserkrankungen jeglicher Ursache. Die festgestellten Häufigkeiten waren 284 (Interventionsgruppe) und 335 (Kontrollgruppe), was zu einer relativen Impfstoffeffektivität von 15,2 % führte (absolut 0,078 %) (Lassen et al., 2025a). Der Effekt der Impfung auf die Häufigkeit kardiovaskulärer Hospitalisierungen aller Ursachen war statistisch nicht signifikant (Lassen et al., 2025b). Beachtet werden muss beim DAN-RSV-Trial, dass die Studie von Pfizer finanziert wurde und die fehlende Verblindung ein Biasrisiko birgt.
Schwangere:
- In einer Studie, bei der etwa 7358 Schwangere verteilt auf Interventions- und Kontrollgruppe einbezogen wurden, betrug die relative Impfstoffwirksamkeit von schwer verlaufenden RSV-Infektionen bei Säuglingen 90 Tage nach der Geburt 81,8% (99.5% KI, 40,6 bis 96,3 %) und von schwer verlaufenden RSV-Infektionen bei Säuglingen 180 Tage nach der Geburt 69,4% (97,58% KI, 44,3 bis 84,1 %). Für das Auftreten medizinisch betreuter RSV-Infektionen betrug die Wirksamkeit nach 90 Tagen nur 57,1% (99.5% KI, 14,7 bis 79,8 %), was statistisch nicht ausreichend ist, um von einem Impfschutz zu sprechen (Kampmann et al., 2023). Auch die anderen Ergebnisse zur Impfstoffwirksamkeit sind aufgrund ihrer großen Konfidenzintervalle zu hinterfragen (Centers for Disease Control and Prevention, 2023).
- Wird nicht die relative Risikoreduktion (RRR), sondern die absolute Risikoreduktion (ARR) betrachtet, welche die generelle Wahrscheinlichkeit einbezieht, dass ein Kind innerhalb der ersten 90 Lebentagen schwer an RSV erkrankt, wird bei Abrysvo® eine Wirksamkeit von 0,76 % (von 0,93 % zu 0,19 %) erreicht.
- Bisher haben ein Cochrane-Review und ein neueres systematisches Review mit Meta-Analyse (Vertrauenswürdigkeit der Evidenz laut AMSTAR-2 moderat bis hoch) die vorhandenen Interventionsstudien ausgewertet. Die sechs im Cochrane-Review inkludierten RCTs mit knapp 18.000 Schwangeren dauerten 3 bis 12 Monate an und zeigten eine relative Risikoreduktion von 50 % (95 % KI, 0,31-0,82 %) und eine absolute Risikoreduktion von 1,1 % gegen Hospitalisierung (11 Säuglinge von 1.000 geimpften Frauen werden hospitalisiert im Vergleich zu 22 Säuglingen von 1.000 ungeimpften Frauen). Ob die RSV-Impfung mit einem höheren Risiko für Frühgeburtlichkeit einhergeht, konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Einige der Autoren weisen Interessenskonflikte aufgrund von Verbindungen zu Pharma-Unternehmen auf (Phijffer et al., 2024). In das systematische Review von Torres-Torres et al. (2025) wurden demgegenüber nur vier RCTs mit 17.400 Frauen inkludiert. Hier wurde das relative Risiko für schwere Erkrankung um 64 % (KI 95 %, 40-79 %) bei einer number needed to vaccinate von 127 reduziert. Das Risiko für Frühgeburtlichkeit war in der Gruppe der geimpften Personen leicht höher (relative Risikoerhöhung um 18 %), aber nicht statistisch signifikant (Torres-Torres et al., 2025).
- Am 10. Mai 2023 hatten namhafte Wissenschaftler im British Medical Journal (BMJ) Rufe nach einem „vorsichtigeren Ansatz“ bei der Verwendung des Impfstoffs von Pfizer laut werden lassen, nachdem Versuche mit einem ähnlichen Impfstoffkanditaten von GSK aufgrund des Risikos von Frühgeburtlichkeit zuvor beendet worden waren. Nach den Daten von GSK wurde eine zusätzliche Frühgeburt pro 54 geimpften Müttern festgestellt. Cody Meissner, Professor für Pädiatrie und Medizin an der Dartmouth Geisel School of Medicine und Berater in der Arbeitsgruppe für RSV der amerikanischen CDC, konstatierte: „Ich kann Ihnen nicht wirklich sagen, warum der eine [Impfstoff] ein Problem verursachen würde und der andere nicht“ (Übersetzung des Verfassers). Pfizer meldete jedoch eine geringere, statistisch nicht signifikante Anzahl von Frühgeburten in den Impfstoffversuchen. Klaus Überla, der im Jahr 2024 Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) gewesen ist und dann aus persönlichen Gründen zurücktrat, ergänzte, dass es womöglich ein Sicherheitssignal bei dem Impfstoff von Pfizer gibt, das weiter verfolgt werden sollte (Boytchev, 2023).
mRESVIA®
- An der noch laufenden Hauptstudie (Phase 2-3, RCT mit Kochsalz als echtem Placebo) zum modifizierten mRNA-RSV-Impfstoff (modRNA) mRESVIA® nehmen ca. 35.000 Erwachsene über 65 Jahren teil. Die Gruppen wurden ca. 1:1 aufgeteilt (zum Ende der Studie waren es etwa 1.000 Teilnehmer mehr, das Verhältnis ist aber gleich geblieben). Die relative Risikoreduktion durch mRESVIA® betrug nach vier Monaten 84 % und nach neun Monaten 63 % (Wilson et al., 2023).
- Bei 55 RSV-Erkrankten in der Placebogruppe und 9 RSV-Erkrankten in der mRESVIA®-Gruppe nach vier Monaten ergibt sich somit eine absolute Risikoreduktion von 0,26 % (0,31-0,05) sowie 0,44 % (0,70-0,26) bei 127 und 47 Erkrankten nach 9 Monaten (Wilson et al., 2023).
- Der Einfluss der Impfung auf Hospitalisierungen und Todesfälle wurde nicht untersucht.
- Es ist nicht klar, wie lange der Impfschutz anhält. Daher ist Moderna dazu verpflichtet, langfristige Daten durch die Hauptstudie sowie eine weitere Studie zu Auffrischungsimpfungen nach 12 bzw. 24 Monaten der EMA vorzulegen (European Medicines Agency, 2024e).
- Immunkompromittierte Personen wurden von der Studie ausgeschlossen. Zudem gab es zu niedrige Fallzahlen an RSV in bestimmten Populationen wie z. B. bei Über-80-Jährigen und gebrechlichen Personen (Wilson et al., 2023).
- Selbst die der modRNA-Technologie gegenüber unkritische STIKO spricht bei der Auswertung der vorhandenen Literatur (insgesamt 2 Studien) zu mRESVIA® im April 2025 davon, dass der Schutz vor einer Einweisung ins Krankenhaus oder Tod sowie die Dauer der Wirksamkeit bei Über-75-Jährigen "mit den aktuellen vorliegenden Daten nicht sicher beurteilt werden" kann. Gleichwohl sprach das Gremium eine generelle Impfempfehlung mit diesem Impfstoff genau für jene Altersgruppe aus (Robert Koch-Institut, 2025). Siehe dazu auch den Beitrag von ÄFI, der diese Impfempfehlung zurückweist.
Passive Immunisierung:
Die passiven Impfstoffe Synagis® und Beyfortus® sollen laut pädiatrischer Fachgesellschaften vor der ersten RSV-Saison oder direkt ab Geburt bei in einer RSV-Saison Geborenen verabreicht werden.
Synagis®
- Laut einer systematischen Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse führt die Gabe von Synagis® zu einer Reduktion der RSV-bedingten Krankenhausaufenthalte bei geringen Unterschieden in der Sterblichkeit und bei UAWs. Außerdem konnte eine leichte Verringerung der Krankenhaus-Einweisungen aufgrund von Atemwegsinfekten und eine starke Verringerung der RSV-Infektionen beobachtet werden. Inwiefern dies auf Kinder anderer Risikogruppen übertragbar ist, ist unklar (Garegnani et al., 2021).
- Empfohlen ist Synagis® für Frühgeborene ab der 35. Schwangerschaftswoche (SSW) oder für Früh- bzw. Neugeborene mit pulmonalen, kardialen, neurologischen oder syndromalen Grunderkrankungen oder Immunsuppression (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. et al., 2018).
Beyfortus®
- Die Wirksamkeit für Säuglinge und Kleinkinder mit erhöhtem Risiko für eine schwere RSV-Erkrankung wurde in der Zulassungsstudie MEDLEY geschätzt (European Medicines Agency, 2025g; Simões et al., 2023)
- Laut der Zulassungsstudie MELODY beträgt die Wirksamkeit von Beyfortus® gegen eine RSV-assoziierte Hospitalisierung in den ersten 150 Tagen 76,8% (95% CI, 49,4 bis 89,4), gegen eine schwere RSV-assoziierte Infektion der unteren Atemwege in den ersten 150 Tagen 78,6% (95% CI, 48,8 bis 91,0). Die Wirksamkeit gegen RSV-assoziierte Infektionen der unteren Atemwege im gleichen Beobachtungszeitraum betrug 76,4% (95% CI, 62,3 bis 85,2) (Muller et al., 2023).
- Die absolute Risikoreduktion gegen eine RSV-assoziierte Hospitalisierung in den ersten 150 Tagen lag bei 1,6 % (Muller et al., 2023).
- Um ein Kind vor RSV-assoziierter Hospitalisierung zu schützen, müssten laut Herstellern 53,1 geimpft werden, allerdings ist der Vertrauensbereich bei dieser Berechnung sehr groß und somit die Aussagekraft eingeschränkt (95% CI, 29,4 to 250,0) (Muller et al., 2023).
- Die Wirkung hielt in den Zulassungsstudien mindestens 150 Tage an, sodass davon auszugehen ist, dass eine Saison überbrückt werden kann (Hammitt et al., 2022).
Impfstrategie
Von Pfizer zum Einsatz von Arexvy® und von GSK zum Einsatz von Abrysvo® an älteren Erwachsenen finanzierte Studien ergaben für Deutschland eine Kosten-Effektivität bzw. Verringerung der ökonomischen Belastung durch RSV (Averin et al., 2025; Waize et al., 2025).Die STIKO hat in ihrer Begründung zur Empfehlung von Abrysvo®, Arexvy®, mRESVIA®, Beyfortus® hinsichtlich der Impfstrategie auf Modellierungen zum Impfstoffeffekt und gesundheitsökonomische Evaluationen zurückgegriffen sowie ethische Überlegungen und die Annahme/Akzeptanz des Impfstoffes in ihre Überlegungen einbezogen (Robert Koch-Institut, 2024c, 2024d, 2025).
- Die ökonomischen Zusatzkosten über 5 Jahre für die Einführung einer RSV-Standardimpfung für Personen ≥ 75 Jahre werden auf 584 - 614 Mio. € bei einem Preis von 213,61 € pro Impfstoffdosis geschätzt.
- Die Modellierung der Effektivität der Impfung durch die STIKO ergab eine geschätzte Verhinderung von 10.000-17.000 RSV-bedingten (adjustierten) Hospitalisierungen und 730-1.300 verhinderte Todesfälle über einen Zeitraum von 5 Jahren. Deutliche Unsicherheiten bestanden hinsichtlich der Dauer des Impfschutzes und dem Nutzen von Auffrischimpfungen. Laut STIKO führt die „potentielle Untererfassung von RSV-bedingten Hospitalisierungen im Allgemeinen zu einer konservativen Abschätzung des Nutzens einer bevölkerungsweiten RSV-Immunisierungsstrategie“ (Skalierungsfaktor der Untererfassung 8-14). Impfnebenwirkungen wurden nicht einbezogen.
- Die STIKO vermutet, dass 40-50 % der Personen ≥ 75 Jahre den Impfstoff annehmen (aufgrund von Erfahrungen mit den Influenza- und Pneumokokken-Impfungen bei älteren Erwachsenen).
- Zu Beyfortus® geht die STIKO bei allgemeiner Empfehlung über einen Zeitraum von 5 Jahren von ökonomischen Zusatzkosten von 16 Mio. € bei einem Abgabepreis von 326 € aus. Geschätzt wird die Verhinderung von 49.000 Hospitalisierungen über 5 Jahre bzw. einem Drittel aller Fälle. Auch hier bestehen Unsicherheiten hinsichtlich der Dauer des Schutzes. Es wird eine gute bis sehr gute Annahme von Beyfortus® von Eltern für ihre Kinder auf Basis der Impfquote anderer Kinderimpfungen angenommen.
Die Impfempfehlungen unterscheiden sich in Industrieländern teilweise erheblich:
Land Empfehlende Organisation/Gruppe Ältere Erwachsene / Aktivimpfstoffe Säuglinge / Passivimpfstoffe Belgien Working Group of the Organization for Vaccination Strategy Personen im Alter von ≥ 60 Jahren mit Vorerkrankungen Alle Säuglinge, deren Mütter nicht gegen RSV geimpft wurden; Frühgeborene mit einem Gestationsalter von weniger als 30 Wochen; Säuglinge, die 2 Wochen nach der Impfung der Mutter geboren wurden; Hochrisikosäuglinge, deren Mütter gegen RSV geimpft wurden Deutschland Ständige Impfkommission (STIKO) Alle Personen im Alter von ≥ 75 Jahren, Personen im Alter von ≥ 60 Jahren mit Vorerkrankungen Norwegen Norwegian Institute of Public Health Personen im Alter von ≥ 60 Jahren mit Vorerkrankungen Bisher keine Österreich Austrian Federal Ministry of Social Affairs, Health Care, and Consumer Protection Alle Personen im Alter von ≥ 60 Jahren, Personen im Alter von ≥ 18 Jahren mit Immunsuppression oder chronischen Lungenerkrankungen Alle Säuglinge in ihrer ersten Saison Polen Narodowy Program Szczepień Ochronnych (NPSO) Personen im Alter von ≥ 60 Jahren mit Vorerkrankungen Alle Risikokinder unter 12 Monaten, aber derzeit keine Verfügbarkeit von Beyfortus® in Polen, Nutzung von Synagis® für Risikokinder Schweden Public Health Authority Alle Personen im Alter von ≥ 75 Jahren, Personen im Alter von ≥ 60 Jahren mit Vorerkrankungen Risikokinder bis zu einem Alter von 12 Monaten in ihrer ersten RSV-Saison Vereinigtes Königreich Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) Alle Personen im Alter von ≥ 75 Jahren Empfehlung eines ganzjährigen Impfprogramms; gleichwertige Präferenz für monoklonale Antikörper und mütterliche Immunisierung USA Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP) Alle Personen im Alter von ≥ 60 Jahren alle Säuglinge < 8 Monate zu Beginn der Saison, Hochrisikosäuglinge zwischen 8 und 19 Monaten zu Beginn der Saison Tabelle 3: Empfehlung und Umsetzung der Aktiv- bzw. Passivimpfstoffe gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) bei älteren Menschen und Säuglingen in verschiedenen Ländern. In Anlehnung an Tenenbaum et al., 2024, modifiziert (Jackowska et al., 2024; Værnø et al., 2025)
Nebenwirkungen
Hinweis: Um die Tabelle vollständig anzuzeigen, scrollen Sie bitte mit Maus oder Touchpad nach rechts und links.
Häufigkeit Sehr häufig (>1/10) Häufig (≥ 1/100 bis < 1/10) Gelegentlich (≥ 1/1.000 bis < 1/100) Selten (≥ 1/10.000, < 1/1.000) Sehr selten (< 1/10.000) Unbekannt / Post-Marketing-Surveillance Synagis® Hautausschlag, Fieber Apnoe, Reaktionen an der Injektionsstelle Thrombozytopenie, Krampfanfälle, Urtikaria Anaphylaxie, anaphylaktischer Schock (in einigen Fällen mit tödlichem Ausgang), ggf. Anstieg von Asthma bei Frühgeborenen Beyfortus® Ausschlag / makulo-papulöser Ausschlag / makulöser Ausschlag, Reaktion / Schmerzen / Verhärtung / Ödem / Schwellung an der Injektionsstelle, Fieber Überempfindlichkeit Arexvy®
(UAWs bei 50-59-Jährigen bzw. Über-60-Jährigen)
Kopfschmerzen, Myalgie, Arthralgie, Schmerzen an der Injektionsstelle, Ermüdung, Schmerzen / Erythem an der Injektionsstelle, Ermüdung / Fatigue Schwellung an der Injektionsstelle, Fieber, Schüttelfrost Lymphadenopathie, Überempfindlichkeitsreaktionen wie z. B. Ausschlag, Übelkeit, Erbrechen, Abdominalschmerz, Jucken an der Injektionsstelle, Schmerz, Unwohlsein Guillain-Barré-Syndrom Nekrose an der Injektionsstelle Abrysvo®
(UAWs bei Über-18-Jährigen)
Kopfschmerzen, Myalgie, Ermüdung, Schmerzen an der Injektionsstelle, Arthralgie, Rötung / Schwellung an der Injektionsstelle Fieber Lymphadenopathie, Überempfindlichkeitsreaktionen (z. B. Ausschlag, Urtikaria), Pruritus / Quetschung / Hämatom an der Injektionsstelle Anaphylaxie, Guillain-Barré-Syndrom Abrysvo®
(UAWs bei Schwangeren)
Kopfschmerzen, Myalgie, Schmerzen an der Injektionsstelle Rötung / Schwellung an der Injektionsstelle Lymphadenopathie, Überempfindlichkeitsreaktionen (z. B. Ausschlag, Urtikaria) mRESVIA® (UAWs bei Über-60-Jährigen) Lymphadenopathie, Kopfschmerz, Myalgie, Arthralgie, Schmerzen an der Injektionsstelle, Ermüdung, Schüttelfrost Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Erythem / Schwellung / Verhärtung an der Injektionsstelle Überempfindlichkeit, Schwindelgefühl, Periphere Gesichtsnervenlähmung (z. B. Bell-Parese), Urtikaria, Jucken an der Injektionsstelle Tabelle 3: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen der in Deutschland zugelassenen Impfstoffe gegen RSV (European Medicines Agency, 2023, 2025a, 2025b, 2025c, 2025e, 2025f)
Toxizität und Kanzerogenität:
- Es wurden allgemeine Toxizitätsstudien an Ratten durchgeführt, die zwei Dosen mRESVIA® erhalten haben. Das Toxizitätspotential wurde als gering eingestuft.
- In-vitro- und In-vivo-Studien ergaben ein sehr geringes Genotoxizitätspotential für den neuartigen Lipidbestandteil SM-102. Kanzerogenitätsstudien wurden nicht durchgeführt.
- Entwicklungs- und Reproduktionstoxizitätsstudien wurden ebenfalls an (weiblichen) Ratten durchgeführt. Es konnten keine impfstoffbedingten Nebenwirkungen bezüglich Fertilität, Trächtigkeit, embyronale oder fötale Entwicklung, Entwicklung der Jungtiere oder postnataler Entwicklung festgestellt werden.
- Zur Reproduktionstoxizität beim Mann gibt es keine ausreichenden tierexperimentellen Studien.
(European Medicines Agency, 2024d)
Die Empfehlungen
Kinder:
Seit Ende Juni 2024 empfiehlt die STIKO allen Neugeborenen und Säuglingen eine passive Immunisierung mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab (Beyfortus®) als Einmaldosis vor oder in der ersten RSV-Saison:
- Säuglinge, die vor der RSV-Saison geboren sind (April bis September), sollen Nirsevimab im Herbst vor Beginn der RSV-Saison verabreicht bekommen.
- Neugeborene, die während der RSV-Saison geboren werden, sollen Nirsevimab rasch nach der Geburt erhalten (vor Entlassung aus der Geburtseinrichtung oder bei der U2-Untersuchung).
- Eine fehlende Nirsevimab-Gab soll während der ersten Saison möglichst schnell nachgeholt werden.
(Robert Koch-Institut, 2024b)
Erwachsene:
Seit August 2024 ist die aktive Immunisierung mit einer Dosis eines proteinbasierten RSV-Impfstoffs (Abrysvo® oder Arexvy®) für alle Personen ≥ 75 Jahre sowie Personen, die in Pflegeeinrichtungen leben oder im Alter von 60 bis 74 Jahren eine Grunderkrankung aufweisen, durch die STIKO empfohlen. Im April 2025 hat die STIKO überdies mRESVIA® in ihre Impfempfehlung für ältere Menschen gleichberechtigt neben Abrysvo® und Arexvy® aufgenommen.
- Als Grunderkrankungen gelten: chronische Erkrankungen der Atmungsorgane, chronische Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen, chronische neurologische und neuromuskulären Erkrankungen, hämato-onkologische Erkrankungen, Diabetes mellitus (mit Komplikationen) und schwere angeborene oder erworbene Immundefizienz.
- Die STIKO kann aufgrund der Datenlage keine Aussagen zu Wiederholungsimpfungen tätigen.
- Abrysvo® und Arexvy® können laut STIKO gleichzeitig mit den saisonalen Influenza-Impfstoffen verabreicht werden. Zur Verabreichung nebst anderen Impfstoffen liegen bisher keine Studienergebnisse vor.
Die bisherige Evidenz hat der STIKO nicht ausgereicht, um die maternale Impfung zu empfehlen.
(Robert Koch-Institut, 2024a, 2024b)
Kritik an den STIKO-Empfehlungen:
- Die in der Zulassungsstudie festgestellten Wirksamkeiten lassen sich durch die sehr breiten Konfidenzintervalle infrage stellen.
- Die relative Impfstoffwirksamkeit für Über-60-Jährige betrug bei Abrysvo® nur 66,7 % (gegen RSV-induzierte Infektionen der unteren Atemwege mit zwei oder mehr Symptomen) und 85,7 % (entsprechend mit drei Symptomen). Die Studie war jedoch nicht durch ein echtes Placebo, sondern durch ein Pseudoplacebo kontrolliert. Trotz der hohen Teilnehmerzahl konnte keine Impfeffektivität zu schweren Erkrankungen oder Todesfällen ermittelt werden (Karron, 2023; Walsh et al., 2023).
- Die absolute Risikoreduktion für das Verhindern einer Infektion der unteren Atemwege durch Arexvy® betrug in der Placebo-kontrollierten Phase-III-Studie mit 26.000 Teilnehmern über 60 Jahren 0,26 % und die number needed to vaccinate wurde mit 379 berechnet (Papi et al., 2023).
- Es fehlen Ergebnisse von groß angelegten Beobachtungsstudien zu beiden Aktivimpfstoffen, u. a. um die externe Validität zu bewerten.
- Das arznei-telegramm sieht den Einsatz von Abrysvo® und Arexvy® „allenfalls im Einzelfall nach sorgfältiger Aufklärung über die potentiellen Risiken und offenen Fragen für ältere Personen“ gerechtfertigt (arznei-telegramm, 2023).
- Die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. sehen dies ähnlich – die bisherige Datenlage reicht nicht aus, um die allgemeine STIKO-Impfempfehlung zu stützen. Insbesondere die Empfehlung des modifizierten mRNA-Impfstoffes (modRNA) mRESVIA® wird entschieden durch ÄFI zurückgewiesen, da die STIKO nicht nur das Risikopotential der modRNA-Technologie, welches durch verschiedene Studien zu den COVID-19-Impfstoffen gezeigt wurde, verkennt, sondern selbst auch keine Daten liefern konnte, welche eine generelle Impfempfehlung rechtfertigen.
RSV-Prophylaxe: Passive Immunisierung, die Pharmaherstellern aktiv nützt
Die STIKO hat eine Empfehlung zur Prophylaxe gegen RSV-Infektionen für alle Neugeborenen und Säuglinge herausgegeben. Allerdings wird so das Risiko, wegen eines RSV-Infekts der unteren Atemwege im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, nur um 1 Prozent gesenkt. Unbeachtet bleiben auch die Behandlungsfolgen, die sich aus den Nebenwirkungen ergeben können. Die Pharmahersteller haben auf die kommende Massen-Immunisierung bereits reagiert und den Preis für Nirsevimab gesenkt. Trotzdem kostet die Empfehlung das Gesundheitssystem jährlich mehr als 200 Mio. Euro, die an anderer Stelle fehlen werden.
Die RSV-Meldepflicht hilft niemandem
In seiner jüngsten Sitzung hat der Bundesrat eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes passieren lassen, wonach das RS-Virus namentlich meldepflichtig wird. Dabei waren die hohen Erkrankungszahlen der letzten beiden Erkältungssaisons hausgemacht. Die Fragen nach Sinn und Zweck der Neuregelung bleiben.
Am 15. Juni 2023 hat der Bundestag eine Änderung des Katalogs der meldepflichtigen Krankheiten im Infektionsschutzgesetz (IfSG) beschlossen. Eingerahmt in ein Gesetzespaket („Gesetz zur Änderung des Bevölkerungsstatistikgesetzes, des Infektionsschutzgesetzes, personenstands- und dienstrechtlicher Regelungen sowie der Medizinprodukte-Abgabeverordnung“), wurde dank des Omnibusverfahrens beinahe klammheimlich die Meldepflicht für das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) verankert. Da es sich um ein Einspruchsgesetz handelt und der Vermittlungsausschuss nicht angerufen wurde, passierte es nun den Bundesrat ohne weitere Debatte.
Künftig soll RSV als Nummer 38a der Liste der meldepflichtigen Krankheitserreger in § 7 IfSG geführt werden. Ärzte und Labore müssen dann jeden direkten oder indirekten Nachweis melden, soweit er auf eine akute Infektion hinweist. Vorgesehen ist die namentliche Meldung der erkrankten Person mit zahlreichen persönlichen Angaben (§9 IfSG).
Begründet wird die Meldepflicht für das Erkältungsvirus mit den vergangenen beiden Erkältungssaisons „mit einer hohen Anzahl erkrankter Kinder“, was „überregional zu einer deutlichen Überlastung pädiatrischer Kliniken geführt“ habe. Außerdem gewinne RSV „wegen des Fortschritts in der Impfstoff- und Prophylaxe-Entwicklung zunehmend an Bedeutung bei der internationalen Gesundheitsüberwachung“ (Bundestags-Drucksache 20/7235).
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Das Hintergrundpapier zur Fachbeitragsaktualisierung gibt unter anderem Aufschluss über die angewandte Methodik von ÄFI zur Literatursuche und den Gründen für den Einschluss bzw. Ausschluss von Studien.
Wissenschaftliches Hintergrundpapier von November 2025 (RSV)
Stand: 17. Dez. 2025
Nächste Aktualisierung: 15. Sept. 2026
Erstveröffentlichung: 8. Sept. 2023





