- Wissenschaft
- STIKO
- Impfaufklärung
Schwerere Pneumokokken-Erkrankungen trotz Impfungen nicht rückläufig
Die Verbreitung des Erregers Streptococcus pneumoniae in der gesunden Bevölkerung und insbesondere bei (Klein-)Kindern gilt als vollkommen normal. Eine Besiedlung des Nasenrachenraums des Menschen geht in den allermeisten Fällen ohne Symptome einher.
Für eine Übertragung ist enger Kontakt notwendig. Bei der Frage nach dem Übertragungsweg scheiden sich jedoch die Geister: Die Weitergabe über die Luft mittels Tröpfchen und Aerosolen im Vergleich zu Schmierinfektionen durch Kontakt mit kontaminierten Gegenständen ist nur unzureichend untersucht. Vorzugsweise über die Hände scheint sich S. pneumoniae zu verbreiten.
Während für Erwachsene nach Infektion durch erhöhte Antikörperspiegel eine Immunität für mindestens ein Jahr angenommen wird, ist die Lage bei Säuglingen anders: Sie weisen nicht nur einen Nestschutz durch die Mutter auf und bekommen einen guten Schutz durch das Stillen vermittelt. Auch die generell häufigere Exposition im Kindesalter sorgt für eine längerfristige Immunität.
Penicilline wirken gegen Pneumokokken
Generell sind Kinder unter 5 Jahren und ältere Erwachsene ab 65 Jahren am anfälligsten für eine schwere Erkrankung. Zur Therapie werden in erster Linie Antibiotika eingesetzt, vor allem Penicilline. Mit weniger als 0,5 Prozent sind Penicillin-resistente Pneumokokken in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr selten.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt die Impfung gegen Pneumokokken für alle Säuglinge ab 2 Monaten. Ebenso für ältere Menschen ab 60 Jahren sowie allen weiteren Personengruppen nach Indikation.
Säuglinge sollen demnach einen Konjugatimpfstoff erhalten, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahren mit chronischen Erkrankungen zunächst einen Konjugatimpfstoff und später einen Polysaccharid-Impfstoff.
Limitationen der verfügbaren Impfstoffe
Der aktuelle Forschungsstand zeigt allerdings eindeutig, dass der Nutzen der aktuell zugelassenen Impfstoffe sehr begrenzt ist. Dabei ist ein sogenannter Replacement-Effekt zu beobachten: Zwar hat die Übertragung von Pneumokokken-Serotypen, die in den zugelassenen Impfstoffen vorkommen, nachgelassen. Dafür hat die Übertragung anderer Serotypen, die nicht in den Impfstoffen vorkommen, zugenommen. Unklar ist hierbei, ob Letztere durch die Impfumgebung pathogener wirken und so der Impfeffekt auf Mortalität und Morbidität eingeschränkt wird.
Auch beim Replacement-Effekt spielt der Nestschutz eine Rolle: Die Effizienz der Impfung im frühen Säuglingsalter kann durch den diaplazentaren Nestschutz geschmälert werden. Außerdem wirken die Impfstoffe aufgrund ihrer Beschaffenheit nur gegen einige der Serotypen, wobei kaum eine Herdenimmunität nachgewiesen werden kann. Ungeklärt ist auch, inwiefern Adjuvantien wie Aluminium eine Rolle beim Nebenwirkungsprofil spielen.
Ein Pneumokokken-Impfstoff ohne klinischen Nachweis
Besonders brisant: Für den zuletzt von der Europäischen Arzneimittel Agentur (EMA) zugelassenen und nun von der STIKO ab 60 Jahren standardmäßig empfohlenen Pneumokokken-Impfstoff Apexxnar® musste kein klinischer Nachweis erbracht werden. Die EMA geht schlicht von einer „ähnlichen Immunreaktion“ wie bei Prevenar 13® und Pneumovax 23 aus. Der Hersteller Pfizer müsse jedoch weitere Ergebnisse aus drei Studien zur langfristigen Sicherheit vorlegen.
Vor dem Hintergrund, dass Pneumokokken-Erkrankungen vor allem bei Menschen mit Vorerkrankungen oder Immundefizienz auftreten, erscheint eine individuelle Impfberatung dem aktuellen Stand der evidenzbasierten Medizin näher zu kommen als eine Standardimpfung für junge Kinder und ältere Erwachsene sowie nach Indikation für ältere Kinder, wie sie die STIKO empfiehlt.
Eine ausführliche Diskussion der Impfempfehlungen und viele weitere Informationen bietet der neue Fachbeitrag „Pneumokokken“. Auch hierfür wurden wieder zahlreiche Fachbegriffe in das ÄFI-Glossar aufgenommen und leicht verständlich erklärt.
Hier lesen:
Artikel ausdrucken:

