Kostenlos: Der ÄFI-Newsletter

Bleiben Sie bei den Themen Impfungen und Impfentscheidung auf dem neuesten Stand!

Per E-Mail: aktuell, evidenzbasiert, verständlich

Jetzt anmelden

  • Impfaufklärung
  • STIKO
  • Wissenschaft

Schutzeffekte der Influenza-Impfung weiterhin fraglich

Die Datenlage zur Wirkung der Grippe-Impfung ist unklar, die Ergebnisse der Zulassungsstudien sind sehr unterschiedlich und weisen eher geringe Vertrauenswürdigkeit auf. Auch ein eventueller Schutz gegen andere Infektionen sowie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen scheint gering bis nicht vorhanden zu sein. Alles zu neuen Studien im aktualisierten Influenza-Fachbeitrag von ÄFI mit wissenschaftlichem Hintergrundpapier. 

Zwar gilt bereits seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) am 1. Januar 2001 eine Meldepflicht für die „echte Grippe“ (Influenza). Das Robert Koch-Institut (RKI) geht jedoch davon aus, dass aufgrund der Häufigkeit von Influenza-Erkrankungen ein Großteil aller Influenza-Erkrankungen nicht identifiziert und daher auch nicht gemeldet werden.

In der Grippesaison 2024/2025 gab es entsprechend der RKI-Definition 16 Wochen lang eine Grippewelle (51. Kalenderwoche 2024 bis 14. Kalenderwoche 2025). Wie in den Vorjahren ging die Aktivität akuter respiratorischer Erkrankungen (ARE), zu denen neben Influenza u. a. auch RSV und SARS-CoV-2 zählen, mit den Osterferien zurück. Während RSV und Influenza-Viren eher gleichzeitig gehäuft in Deutschland auftreten, werden SARS-CoV-2 und Influenza-Viren eher zeitlich voneinander abweichend registriert.

Für die Grippesaison 2025/2026 stehen in Deutschland von den insgesamt 17 zugelassenen Impfstoffen 13 aktualisierte Impfstoffe zur Verfügung. Seit September 2023 empfiehlt die WHO den Wechsel von quadrivalenten zu trivalenten Influenza-Impfstoffen, da keine Fälle der Influenza B-Yamagata-Linie mehr auftreten.

Die STIKO hat die Empfehlung der WHO im August 2024 mit einer Übergangszeit für die quadrivalenten Impfstoffe bis max. zur Saison 2025/2026 übernommen. Fortan sollen trivalente Impfstoffe genutzt werden. Da unter den 13 Impfstoffen weiterhin 5 angepasste tetravalente Impfstoffe vorhanden sind, scheinen die Behörden einen Umstieg bisher nicht für dringlich zu erachten. Immerhin stehen im Gegensatz zu den vorherigen Saisons mehr trivalente Impfstoffe zur Verfügung.
 

Zulassungsstudien zeigen erhebliche Unterschiede

Die Hersteller geben in ihren Fachinformationen sowohl Immunogenitäts- und Beobachtungsstudien als auch randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) an. Die Impfstoffe in den RCTs wurden anhand von wenigen bis mehreren Tausend Teilnehmern hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit gegen Placebo, einen anderen Influenza- oder Nicht-Influenza-Impfstoff getestet. Insgesamt betrachtet gibt es erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Wirksamkeit gegen einzelne Stämme. Beobachtungsstudien zeigen grundsätzlich höhere Schutzeffekte als die RCTs.

Ein 2024 im British Medical Journal veröffentlichtes systematisches Review mit Meta-Analyse zeigt einmal mehr, dass ein Großteil der vorhandenen Studien zur Impfstoffeffektivität gegen laborbestätigte Infektion bzw. Influenza-Like-Illness (ILI), Hospitalisierung und Tod sowie zum Vergleich der verschiedenen Impfstoffe von niedriger bis sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit ist.
 

Schützen Influenza-Impfstoffe vor anderen Infektionen?

Weisen die Influenza-Impfstoffe non-spezfisiche Effekte (NSE) auf – also haben sie Wirkungen, die über das hinausgehen, was durch die Erreger-spezifischen Effekte zu erwarten wäre? Auf Basis bisheriger Forschungsergebnisse zu NSE anderer Impfungen könnte davon ausgegangen werden, dass die Influenza-Lebendimpfstoffe eher positive non-spezifische Effekte verüben, während es bei den Influenza-Totimpfstoffen genau umgekehrt ist.

Einige Studien legen nahe, dass Influenza-Lebendimpfstoffe auch vor anderen Infektionen als Influenza schützen. Bei den Influenza-Totimpfstoffen sieht die Datenlage hingegen deutlich widersprüchlicher aus. Einerseits werden höhere bereinigte Sterberaten, Atemwegsbeschwerden und Arbeitsausfallzeiten nach Totimpfstoffen festgestellt, andererseits weniger Infektionen mit COVID-19 oder RSV.
 

Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Weiterhin gibt es auch Studien zu den Auswirkungen von Influenza-Impfungen auf das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Schlaganfall. Häufig sind die vorhandenen Daten jedoch von niedriger Vertrauenswürdigkeit. Die Studien mit der höchsten Glaubwürdigkeit (RCTs und prospektive Studien) konnten im Gegensatz zu retrospektiven Studien keinen Effekt feststellen. Dies deutet auf ein hohes Verzerrungsrisiko der vorhandenen Beobachtungsstudien zu dem Thema hin. 

Demgemäß folgern Forscher, dass das Problem der non-spezifischen Effekte von Influenza-Impfstoffen bisher „völlig ungelöst“ sei. Dies ist aber in Anbetracht der eher geringen Impfstoffeffektivität – mit möglicherweise weiteren negativen Effekten hinsichtlich der Infektionsanfälligkeit – und damit des deutlich eingeschränkteren Nutzens für die öffentliche Gesundheit dringend notwendig.

Insgesamt ist die Impfempfehlung der STIKO für Risikogruppen zur Influenza-Impfung mit der aktuellen Evidenzlage nicht in Einklang zu bringen. Die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung (ÄFI) halten eine Impfberatung mit echter Nutzen-Risiko-Abwägung für zielführender. Interessierte Leserinnen und Leser können die Suchstrategie und Auswertung der Evidenz im wissenschaftlichen Hintergrundpapier der ÄFI, das im Fachbeitrag als PDF-Download zur Verfügung steht, nachlesen.

Weitere Informationen:

Aktualisierter Fachbeitrag zu Influenza, 27. Nov. 2025

Wiss. Hintergrundpapier zu Influenza, 27. Nov. 2025

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?