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  • Studienauswertung

Rufen Impfungen neurologische Entwicklungsstörungen hervor?

Vorbemerkung: Wir leben in einer Zeit, in der die Einschätzung was wahr ist und was nicht, zunehmend schwer fällt. Sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Eltern und interessierte Laien neigen dazu, Studien oder Primärquellen zu lesen, oft jedoch nur die Zusammenfassungen oder Überschriften. 

Diese oberflächliche Herangehensweise kann dazu führen, dass wir uns in einer sogenannten „Filterblase“ bewegen, in der wir nur Bestätigungen unserer eigenen Meinungen suchen und Informationen unkritisch aufnehmen. Aus diesem Grund möchten wir eine Studie vorstellen, die wir kritisch beleuchtet haben.

Abstrakt / Zusammenfassung

Die Autoren der Studie untersuchten anhand von amerikanischen Abrechnungsdaten, ob sich bei Kindern von der Geburt bis zum Alter von 9 Jahren ein statistischer Zusammenhang zwischen Impfungen und neurologischen Entwicklungsstörungen sowie Autismus zeigen lässt. 

Sie kamen zu dem Schluss, dass in diesen Daten ein solcher Zusammenhang besteht. Die Studie weist jedoch aufgrund der Datenquelle und des Studiendesigns ein hohes Verzerrungspotential auf, so dass die Schlussfolgerungen fragwürdig sind. Diese Studie liefert im besten Fall Hinweise auf mögliche Impfnebenwirkungen.

Hintergrund

Seit längerer Zeit wird diskutiert, ob Impfungen bei Kindern möglicherweise neurologische Entwicklungsstörungen bis hin zum Autismus hervorrufen können. Diese Frage konnte bis heute nicht klar beantwortet werden.

Fragestellung

Lässt sich bei Kindern von der Geburt bis zum Alter von 9 Jahren ein statistischer Zusammenhang zwischen Impfungen und neurologischen Entwicklungsstörungen sowie Autismus und verwandten Störungen (Autism Spectrum Disorder, ASD) zeigen?

Konkret wurden folgende Fragen formuliert:

1. Sind Impfungen mit Autismus und verwandten Störungen und anderen neurologischen Entwicklungsstörungen statistisch assoziiert?

2. Ist eine zunehmende Anzahl von Impfungen mit einem zunehmenden Risiko von Autismus und verwandten Störungen verbunden?

Ferner wurde die Frage untersucht, ob frühgeborene Kinder mit Impfungen häufiger von neurologischen Entwicklungsstörungen betroffen sind als frühgeborene Kinder ohne Impfungen.

Methoden

Es wurden Daten des staatlichen Medicaid-Programms im amerikanischen Bundesstaat Florida ausgewertet. Die Daten wurden ursprünglich zur Abrechnung von medizinischen Leistungen mit Medicaid erzeugt. Sie sind somit am ehesten vergleichbar mit Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) im deutschen Gesundheitssystem. Während jedoch in Deutschland ungefähr 90 % der Bevölkerung als gesetzlich Versicherte in diesem System erfasst werden, enthält die hier betrachtete Datenbank – entsprechend der Zielsetzung von Medicaid – nur Daten von einkommensschwachen Familien und Einzelpersonen, die ohne Medicaid keinen Zugang zu bestimmten medizinischen Versorgungsleistungen hätten. 63% der Geburten und 47% der Kinder im Bundesstaat Florida wurden in der Datenbank erfasst. Aus dieser Datenbank wurden nur diejenigen Kinder betrachtet, die von der Geburt bis zum Alter von 9 Jahren kontinuierlich in Medicaid eingeschrieben waren.

Impfungen wurden anhand von Arztbesuchen erfasst, die mit impfbezogenen Prozeduren und Diagnosen kodiert wurden. Das Vorliegen von neurologischen Entwicklungsstörungen sowie Autismus und verwandten Störungen wurde angenommen, wenn eine Reihe von entsprechenden Diagnosen kodiert wurden. Erfasst wurden hyperkinetisches Syndrom, Epilepsie, Krampfanfälle, Lernstörungen, Enzephalopathie und Tic-Störungen.

Bei dieser Untersuchung handelt sich um eine sogenannte retrospektive Kohortenstudie. Das bedeutet, dass die Kohorte der mindestens einmal geimpften Kinder mit der Kohorte der ungeimpften Kinder rückblickend anhand der bereits vorhandenen Daten hinsichtlich der genannten Diagnosen verglichen wird.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 47.155 Kinder einbezogen, von denen im Zeitraum zwischen 1999 und 2011 geeignete Daten vorlagen. Nur 10,9% dieser Kinder waren ungeimpft.

Zu Frage 1:

Die Autoren der Studie berichten, dass in ihrer Analyse die Impfung mit einer signifikant erhöhten Wahrscheinlichkeit für neurologische Entwicklungsstörungen verbunden war. Insgesamt wurde bei 27.8% der geimpften Kinder und bei 11% der ungeimpften Kinder mindestens eine neurologische Entwicklungsstörung diagnostiziert. (OR 3,12; 95 % KI: 2,85–3.,41; p < 0.0001).

Zu Frage 2:

Das relative Risiko für Autismus stieg mit der Anzahl der Impfbesuche: Bei einem Impfbesuch war die Wahrscheinlichkeit für eine Autismusdiagnose 1,7-mal höher als bei ungeimpften Kindern (95 % KI: 1,21–2,35), während sie bei elf oder mehr Impfbesuchen sogar 4,4-mal höher war (95 % KI: 2,85–6,84).

Bei einer separaten Betrachtung der Frühgeburten zeigt sich ein ähnlicher Zusammenhang: Bei 39,9 % der zu früh geborenen und geimpften Kinder wurde mindestens eine neurologische Entwicklungsstörung diagnostiziert, im Vergleich zu 15,7 % der nicht geimpften Frühgeborenen (OR 3,58; 95 % KI: 2,80–4,57). 

Diskussion

Die Autoren der Studie folgern aus ihren Berechnungen, dass der aktuelle Impfplan zu vielfältigen Formen von neurologischen Entwicklungsstörungen beitragen könnte. Außerdem war in dieser Studie eine zunehmende Anzahl von Arztbesuchen mit Impfungen mit einem steigenden Risiko für Autismus assoziiert. Dies würde für eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Impfungen und Autismus sprechen.

Für uns stellt sich nun die Frage, ob dies tatsächlich so ist, oder ob es sich möglicherweise um nur scheinbare Zusammenhänge handelt, die durch Fehler und Verzerrungen aufgrund der vorliegenden Daten und des Aufbaus der Studie entstanden sind. Dazu müssen wir im Folgenden die Schwächen der Studie und die möglichen Quellen für Fehler und Verzerrungen („Bias“) betrachten. Aus Gründen der Lesbarkeit beschränken wir uns auf die wichtigsten Einwände gegen die Studie, die die Gültigkeit der Schlussfolgerungen am stärksten betreffen.

Die Veröffentlichung hat ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen – sie wurde also von Fachleuten überprüft. Dies schließt natürlich das Vorliegen der nachstehend betrachteten Quellen für Fehler und Verzerrungen keineswegs aus.

Schwächen des Studiendesigns

In dem Studiendesign der retrospektiven Kohortenstudie liegen gravierende Probleme. Retrospektive Studien werden durchgeführt, indem man auf schon vorhandene Datensätze zurückgreift. Diese Datensätze müssen vom Forscherteam so genommen werden, wie sie vorgefunden werden.

Aufgrund des Studiendesigns kennen wir nicht den zeitlichen Ablauf. Wir wissen nicht, ob die neurologischen Probleme, die im Laufe der Studie diagnostiziert wurden, möglicherweise schon vor der Impfung vorhanden waren oder ob sie tatsächlich erst nach der Impfung aufgetreten sind.  

Daten zu den Impfungen

Die Daten zu den Impfungen sind nicht präzise genug. Die Autoren schreiben hierzu: „Geimpfte Kinder sind definiert als Kinder, die eine Gesundheitsversorgung in Anspruch genommen haben, bei der ein oder mehrere impfbezogene Codes in ihren Medicaid-Antragsunterlagen vermerkt sind. Auf individueller Ebene waren keine Daten über die Anzahl bestimmter Impfungen verfügbar. Ein Besuch mit Impfung ist ein Abrechnungsanspruch mit mindestens einem impfbezogenen Code, der an einem bestimmten Tag in der Krankenakte eines Patienten eingetragen wurde.“ Daraus ergeben sich folgende Fragen: Handelt es sich um mindestens eine Impfung oder um eine Grundimmunisierung? Welche Impfungen wurden eingesetzt? Wie wurden sie kombiniert? Wie viele Impfungen wurden durchschnittlich bei Kindern durchgeführt, die eher weniger impfbezogene Arztbesuche mitgemacht haben, wie viele bei Kindern mit vielen impfbezogenen Arztbesuchen? 

Ein weiterer Aspekt kann zu starken Verzerrungen führen. Die Autoren schreiben: „Da die Meldung der in Florida verabreichten Impfungen an das zentrale Impfregister freiwillig ist, ist es schwierig, die Genauigkeit des Anteils der völlig ungeimpften Kinder in Medicaid zu überprüfen“ (Übersetzung des Verfassers). 

Vermeintlich ungeimpfte Kinder könnten auch außerhalb von Medicaid geimpft worden und in Wirklichkeit zu den „geimpften“ Kindern gezählt worden sein. Eine solche Misklassifikation geimpfter Kinder als nicht geimpft würde allerdings eine Assoziation zwischen Impfung und Erkrankungen eher abschwächen, keinen solchen Zusammenhang vortäuschen oder übertreiben.

Daten zu den Diagnosen

Ähnliche Probleme ergeben sich hinsichtlich der Diagnosen der neurologischen Entwicklungsstörungen und Autismus. Auch hier wurden nur Codes erfasst. Wir wissen nicht, was sich genau dahinter verbirgt.

Repräsentativität der Studie

Diese Kohorte ist nicht repräsentativ für alle US-amerikanischen Kinder, wie auch die Forscher in den Limitationen ihrer Studie bestätigen. Für die Frage, ob es einen (kausalen) Zusammenhang zwischen Impfungen einerseits und neurologischen Entwicklungsstörungen und Autismus andererseits gibt, kommt es allerdings nicht auf die Repräsentativität der Studie an. Dies ist somit nur ein Nebenaspekt. Entscheidend ist die Vergleichbarkeit von geimpften und ungeimpften Kindern.

Vergleichbarkeit der geimpften und der nicht geimpften Kinder

Das Hauptproblem dieser Studie liegt darin, dass wir nicht wissen, inwieweit die geimpften und die nicht geimpften Kinder in ihren sonstigen Merkmalen vergleichbar waren. Die größere Anfälligkeit der geimpften Kinder für verschiedene Krankheiten, für die diese Studie zu sprechen scheint, könnte in solchen Merkmalen liegen, wie allgemeiner Gesundheitszustand, Begleiterkrankungen, Erziehungsstil, Ernährung usw. Hier kommt vor allem folgende Quelle der Verzerrung infrage: 

Kinder von Eltern, die sich tiefergehend mit dem Thema „Impfen“ auseinandersetzen und sich darum ausführlich mit der Gesundheit ihrer Kinder befassen, könnten weniger oder mehr impfen lassen, häufiger oder aber auch seltener zum Arzt gehen und Diagnosen stellen lassen, als es in der durchschnittlichen Bevölkerung der Fall ist. Ebenso können aber auch Eltern, die sich nicht intensiv mit der Gesundheit ihrer Kinder befassen und nicht ausführlich über Impfungen informiert sind, stark abweichende Entscheidungen bezüglich Impfungen oder Arztbesuchen zeigen. Zudem könnte ein starkes Engagement für die Gesundheit der Kinder einen grundsätzlich besseren Gesundheitszustand erklären. Zu diesen Phänomenen gibt es inzwischen eine Fülle an Literatur (Perry et al., 1988; Dubé et al., 2013; Tal et al., 2021; Ebi et al., 2022; Zhang et al., 2023; Høeg, 2024; Lee et al., 2024).

Daraus folgt: Es gibt wesentliche Limitationen, die man an dieser Studie kritisieren kann. Insgesamt weist sie ein sehr hohes Verzerrungspotential auf. In der Debatte um die Auswirkungen von Impfungen auf neurologische Entwicklungsstörungen sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Es braucht Studien, die in ähnlicher Größenordnung ein robusteres Studiendesign aufweisen. 

Schlussfolgerung

Diese Studie liefert im besten Fall Hinweise auf mögliche Impfnebenwirkungen. Wir brauchen dringend prospektive randomisierte und verblindete Studien, die nach denselben anspruchsvollen Standards durchgeführt werden wie Arzneimittelstudien. Es ist nicht akzeptabel, dass Substanzen, die gesunden Kindern gespritzt werden, weit weniger sorgfältig untersucht werden als Medikamente, die kranken Menschen verabreicht werden. 

Link zur Originalstudie

https://publichealthpolicyjournal.com/vaccination-and-neurodevelopmental-disorders-a-study-of-nine-year-old-children-enrolled-in-medicaid/

Literaturverzeichnis

Dubé, E., Laberge, C., Guay, M., Bramadat, P., Roy, R., & Bettinger, J. A. (2013). Vaccine hesitancy. Human Vaccines & Immunotherapeutics, 9(8), 1763–1773. https://doi.org/10.4161/hv.24657

Ebi, S. J., Deml, M. J., Jafflin, K., Buhl, A., Engel, R., Picker, J., Häusler, J., Wingeier, B., Krüerke, D., Huber, B. M., Merten, S., & Tarr, P. E. (2022). Parents’ vaccination information seeking, satisfaction with and trust in medical providers in Switzerland: A mixed-methods study. BMJ Open, 12(2), e053267. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-053267

Høeg, T. B. (2024). Healthy Vaccinee Bias. https://cdn.who.int/media/docs/default-source/documents/r-d-blueprint-meetings/improvingvaccineeffectivenessmtg/1_2_tracy-hoeg.pdf?sfvrsn=a317585d_3

Lee, H., Park, J. H., Kim, S., Seo, S., Lee, M., You, M., Choi, E. H., Kwon, G.-Y., Shin, J. Y., Lee, M.-A., Jeong, M. J., Choe, Y. J., & Choi, S. (2024). Effect of information provision on parental intention toward COVID-19 vaccination for children: A nationwide survey experiment. Scientific Reports, 14, 5354. https://doi.org/10.1038/s41598-024-56116-z

Perry, C. L., Luepker, R. V., Murray, D. M., Kurth, C., Mullis, R., Crockett, S., & Jacobs, D. R. (1988). Parent involvement with children’s health promotion: The Minnesota Home Team. American Journal of Public Health, 78(9), 1156–1160. https://doi.org/10.2105/ajph.78.9.1156

Tal, O., Ne’eman, Y., Sadia, R., Shmuel, R., Schejter, E., & Bitan, M. (2021). Parents’ attitudes toward children’s vaccination as a marker of trust in health systems. Human Vaccines & Immunotherapeutics, 17(11), 4518–4528. https://doi.org/10.1080/21645515.2021.1971472

Zhang, H., Chen, L., Huang, Z., Li, D., Tao, Q., & Zhang, F. (2023). The effects of parent’s health literacy and health beliefs on vaccine hesitancy. Vaccine, 41(13), 2120–2126. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2023.02.026

PDF-Artikel:

Impftelegramm 01/2025


Originalstudie:

Mawson, A. R. & Jacob, B. (2025). Vaccination and Neurodevelopmental Disorders: A Study of Nine-Year-Old Children Enrolled in Medicaid. Public Health Policy and the Law. v6.2019-2025.
 

Federführende Autoren:

SF & CT

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