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Pneumokokken-Impfempfehlung kaum nachvollziehbar

Die STIKO erkennt ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis der Pneumokokken-Impfung. Diese Einschätzung lässt sich aus den zum Zeitpunkt der Einführung der Impfempfehlung zugrunde gelegten Daten nicht ableiten: Die Empfehlung basiert auf spärlicher wissenschaftlicher Literatur, für die Sicherheit des Impfstoffes hat man sich mit einer einzigen und dazu auch noch wenig aussagekräftigen Studie begnügt. Zu diesen und anderen Aspekten hat ÄFI seinen Impf-Fachbeitrag zu Pneumokokken aktualisiert und ein wissenschaftliches Hintergrundpapier vorgelegt.

Die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu Pneumokokken steht auf tönernen Füßen. Die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) haben ihren Fachbeitrag entsprechend aktualisiert und dabei auch die kritischen Aspekte herausgearbeitet.

Laut Infektionsschutzgesetz (IfSG) sind nur invasive Pneumokokken-Erkrankungen (IPD) in Deutschland seit 1. März 2020 meldepflichtig. Mittlerweile sind fünf Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe zugelassen und verfügbar, davon drei ab dem Alter von 6 Wochen und zwei ab 18 Jahren.

Es wird zwar theoretisch ein Herdenschutz durch die Impfung angenommen. Aufgrund des Replacements und des begrenzten Nutzens für bestimmte Bevölkerungsgruppen ist dies praktisch jedoch eher nicht oder allenfalls in Teilbereichen der Fall.

Für die Zulassung der Impfstoffe wurden nur bei einem Teil der Pneumokokken-Impfstoffe randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zur Bestimmung der klinischen Wirksamkeit gegen IPD durchgeführt, bei anderen wurde lediglich die Immunogenität gemessen.

Seit März 2025 ist mit Capvaxive® ein neuer Impfstoff ab 18 Jahren in der EU zugelassen. Die Wirksamkeit von Capvaxive® (sowie der anderen Pneumokokken-Impfstoffe) wird nun auch auf Basis der Daten der Zulassungsstudien im Fachbeitrag dargestellt.
 

Zum Auftreten non-spezifischer Effekte

Seit Mitte bzw. Ende des 20. Jahrhunderts mehren sich Studien, die nahelegen, dass Impfungen non-spezifische Effekte (NSE) aufweisen. Zu NSE zählen etwa Einflüsse auf die Infektanfälligkeit (Suszeptibilität) gegenüber Erregern, gegen welche die Impfung nicht gerichtet ist, sowie generelle Auswirkungen auf die Mortalität.

Meist werden für Lebendimpfstoffe dahingehend positive NSE beobachtet, für Totimpfstoffe (wie den Diphtherie-Tetanus-Pertussis-Impfstoff bzw. DTP) hingegen negative.

Außerdem scheint es einen Unterschied zu machen, in welcher Reihenfolge Impfstoffe der jeweiligen Technologie verimpft werden und an welches Geschlecht. So sind NSE bei Mädchen stärker ausgeprägt. Frühe Studien bezogen sich vor allem auf Länder mit niedrigem Einkommen. Inzwischen gibt es aber gute Nachweise, dass NSE auch in Ländern mit hohen Einkommen auftreten.

ÄFI hat sich zwei neue Studien über mögliche non-spezifische Effekte auf die Infektionsanfälligkeit und das Herz-Kreislauf-System durch Pneumokokken-Impfstoffe angeschaut. Eine große randomisierte kontrollierte Studie (RCT) von 2025 fand bei Erwachsenen mit Herz-Kreislauf-Risiko keinen Schutz vor Herzinfarkt oder Schlaganfall durch den Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff – die Ergebnisse widersprechen früheren Beobachtungsstudien und stützen keinen kardioprotektiven Effekt.

Ein Review von 2023 deutet bei Kleinkindern auf mögliche non-spezifische Schutzeffekte des 9-valenten Konjugatimpfstoffs gegen virale Atemwegsinfektionen und Hospitalisierungen hin, die Gesamtmortalität sank jedoch nicht signifikant – die Evidenz gilt als schwach und bedarf weiterer Forschung. Weitere Informationen dazu finden sich im ÄFI-Fachbeitrag und im wissenschaftlichen Hintergrundpapier.
 

Zur Impfempfehlung der STIKO

Die STIKO hat zwar bereits Anfang 1998 die Pneumokokken-Impfung auf gesunde Personen ab 60 Jahren erweitert. Eine ausführliche Begründung findet sich aber erst im Epidemiologischen Bulletin 12 aus dem Jahr 2000.

2001 empfahl die STIKO eine Pneumokokken-Impfung für Kinder ≤24 Monate mit erhöhtem Erkrankungsrisiko. Diese Empfehlung wurde im Jahr 2005 entsprechend der Zulassungserweiterung des Impfstoffes auf Kinder bis zum vollendeten 5. Lebensjahr ausgedehnt.

Sie führte laut eigenen Angaben der Kommission jedoch nicht zu einer Verringerung der Inzidenz der invasiven Pneumokokken-Erkrankungen bei Säuglingen und Kindern oder zu einem Rückgang der Erkrankungsraten bei Risikogruppen (nicht eingerechnet frühgeborene Kinder).

Im Jahr 2006 folgte die Erweiterung der Impfempfehlung auf alle Kinder im Alter von 2 bis 24 Monaten. Als primäres Ziel definierte die STIKO die Senkung der Morbidität von IPD und daraus resultierender Folgen wie Hospitalisierung, Behinderung und Tod.

Für ÄFI steht die Impfempfehlung der STIKO auf wackeligen Füßen – und das aus mehreren Gründen:

Die Empfehlung für Kinder basiert auf nur 16 Quellen aus der wissenschaftlichen Literatur und ist damit nur sehr spärlich bestückt. Zudem lassen sich Literatursuche und Literaturauswertung nicht nachvollziehen.

Einige der aufgeführten Aspekte – wie laut STIKO das Bestehen von Kreuzimmunitäten und ein eher geringer Replacement-Effekt – sind heute klar anders zu bewerten.

Was die Einschätzung der Sicherheit des Impfstoffes angeht, hat sich die STIKO mit einer einzigen Studie begnügt. Diese Studie hat ausgerechnet eine Analyse des amerikanischen Spontanmeldesystems VAERS vorgenommen – wobei gemeinhin bekannt ist, dass solche Systeme mit einer hohen Untererfassung einhergehen, damals wie heute. So schätzte eine Studie schon 2006 die Untererfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) auf 94 %, die Untererfassung schwerer UAWs auf 85 %.

Der aktualisierte Pneumokokken-Fachbeitrag von ÄFI diskutiert die Impfempfehlung der STIKO ausführlich und bietet neben weiteren neuen Informationen und neuen Abbildungen auch ein erweitertes Literaturverzeichnis. Das wissenschaftliche Hintergrundpapier macht die Suchstrategie und Auswertung der Evidenz durch ÄFI nachvollziehbar.

Weitere Informationen:

Aktualisierter Fachbeitrag zu Pneumokokken, 13. Feb. 2026

Wiss. Hintergrundpapier zu Pneumokokken, 13. Feb. 2026

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