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modRNA-Impfung und Allgemeinsterblichkeit: Seltsame Korrelationen
Am 7. Dezember 2025 veröffentlichte der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bei X (ehemals Twitter) die folgende Meldung: „Wieder schlechte Nachricht für Quer‘denker‘, Aluhüte, AfD, Putin-Bots. Große gute Studie mit Peer Review zeigt, dass 2021 mRNA COVID Impfung bei Millionen Franzosen Sterblichkeit an anderen Erkrankungen nicht erhöhte…“
Am 5. Februar 2026 titelte der Focus: „Wie gut Corona-Impfungen wirkten – und welche Effekte sie noch hatten“. In dem Artikel heißt es: „Wie die Studie mit mehr als 28 Millionen Probanden ergab, senkt eine Corona-Impfung mit den mRNA-Impfstoffen Comirnaty und Spikevax statistisch gesehen auch das Risiko, an anderen Erkrankungen zu sterben.“
Das Magazin schreibt weiter, das Hauptziel der Impfung sei die Verhinderung von schweren Erkrankungen und Todesfällen gewesen – „nicht etwa das Verhindern der Infektionen. ‚Diese Erkenntnisse zeigen, dass die Impfstoffe BNT162b2 und mRNA-1273 (Comirnaty und Spikevax) sicher sind‘“, werden abschließend Forscher zitiert.
Es geht um die Studie von Laura Semenzato et al. (2025) mit dem Titel „COVID-19 mRNA Vaccination and 4-Year All-Cause Mortality Among Adults Aged 18 to 59 Years in France“ (COVID-19-mRNA-Impfung und 4-Jahres-Gesamtmortalität bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 59 Jahren in Frankreich).
Lauterbach sagt, dass die COVID-Impfung die Allgemeinsterblichkeit (d. h. die Sterblichkeit an allen Ursachen) „nicht erhöhte“. Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Die Studie zeigt nicht nur, dass die Allgemeinsterblichkeit bei Geimpften in Frankreich im Vergleich mit Ungeimpften nicht höher war; sie zeigt vielmehr, dass diese Sterblichkeit bei den Geimpften hochsignifikant niedriger war als bei Ungeimpften. Dies ist ungefähr so, als wenn ein Arzt von einem Patienten, dessen Körpertemperatur bei 34°C liegt, sagen würde, der Patient habe kein Fieber. Zwar ist die Aussage nicht falsch (der Patient hat kein Fieber), deutet aber damit an, dass der Patient sich im guten Zustand befinde, was bei 34°C nicht der Fall ist.
Von einer guten Impfung erwarten wir, dass sie effektiv und nebenwirkungsarm ist. Dann mindert sie die Todesrate an der Krankheit, gegen die geimpft wird, während die Todesrate an den Ursachen, die mit dieser Krankheit nicht zusammenhängen, etwa gleichbleibt.
Wenn aber die Effekte völlig irrelevanter Todesursachen bei Geimpften reduziert werden, stimmt etwas mit den Daten nicht. Denn der Beitrag der COVID-Sterblichkeit zur Allgemeinsterblichkeit ist verschwindend gering.
In der zitierten Studie war COVID nur bei ca. 0,45 % aller Gestorbenen die Todesursache, die restlichen 99,55% starben an anderen Ursachen. Die häufigsten Ursachen waren Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen sowie die sogenannten externen Ursachen, d. h. vor allem Unfälle und Selbstmord. Die Abnahme der Sterblichkeit „im Zusammenhang mit COVID-19-Impfung“ war bei allen Ursachen ähnlich, auch bei angeborenen Deformationen, chromosomalen Defekten und Ertrinken.
Äpfel mit Birnen verglichen
Wenn also die behandelte Gruppe nicht nur in der Zielvariablen (hier: COVID-19-Mortalität) besser als die unbehandelte Gruppe abschneidet, sondern in allen möglichen Variablen, dann ist es im Gegensatz zur Meinung Karl Lauterbachs kein gutes Zeugnis für die Behandlungsmethode. Denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Medizin endlich gefunden hat, was Ärzte als Panazee bezeichnen: Ein einziges Allheilmittel gegen alle Krankheiten und Unfälle. Viel wahrscheinlicher ist, dass einfach Äpfel mit Birnen verglichen wurden.
Darauf weisen mehrere Befunde in der Studie von Semenzato et al. hin. So wurde die gesamte Stichprobe von untersuchten Probanden in vier Altersgruppen unterteilt: 18-29, 30-39, 40-49 und 50-59 Jahre.
Die Empfindlichkeit dieser Gruppen gegenüber SARS-CoV-2 unterscheidet sich kolossal: Für einen Infizierten aus der ältesten Gruppe ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben etwa 40-mal höher als für einen Infizierten aus der jüngsten Gruppe (vgl. hier oder hier).
Selbstverständlich sollte die Schutzimpfung für die Älteren eine deutlich höhere Wirkung haben als für die Jüngeren. Aber in Bezug auf die Allgemeinsterblichkeit ist es hier genau umgekehrt: Die Impfung senkte die Allgemeinsterblichkeit in der Gruppe 18-29 signifikant stärker (um 35 %) als in allen drei älteren Gruppen (21 bis 22 %). Die Impfung schützte also ausgerechnet diejenigen am besten, die auch ohne Impfung vom Virus nicht gefährdet wurden.
Die Studie schloss nur Personen ein, die mit modRNA-basierten Vakzinen (BNT162b2 oder mRNA-1273) geimpft wurden. Bei diesen Vakzinen wird generell angenommen, dass die Schutzimpfung erst nach der zweiten Dosis erreicht wird. Umso erstaunlicher war es, dass im Zeitfenster 6 Monate nach der 1. Dosis die Allgemeinsterblichkeit (35 %) signifikant stärker sank als im gleichen Zeitfenster nach der 2. (24 %) oder 3. Dosis (20 %).
Unberücksichtigt: Die gesundheitliche Wirkung der Diskriminierung ungeimpfter Menschen
Zu berücksichtigen ist zudem ein anderer Umstand: Für Ungeimpfte war das Ausmaß der Diskriminierung und Diffamierung auch in Frankreich enorm. Die Beobachtungsperiode in der o. g. Studie begann im November 2021 und dauerte bis zu 45 Monate. Bereits zwei Monate später, am 5. Januar 2022, erklärte Präsident Macron die Ungeimpften zu Feinden der Nation. So sagte der französische Präsident, er wolle die Ungeimpften „bis zum bitteren Ende sekkieren“, sprich: mit kleinen Grausamkeiten quälen, schikanieren oder belästigen.
Ungeimpfte wurden ihrer elementaren Menschenrechte beraubt, Jobverlust hing in jedem Augenblick wie ein Damoklesschwert über ihnen. Die entscheidenden Monate nach dem Beginn der Studie lebten sie in einem dauernden Stress ohne zu wissen, welche Schikane die Regierung morgen für sie erfinden würde. In der Studie vergleicht man diese absoluten Outcasts mit den anderen, als ob dies einfach zwei ähnliche Kohorten wären, die sich, wenn nicht ausschließlich, so doch vor allem in ihrem Impfstatus unterschieden.
Zahlreiche Analysen aus verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass strenge Anti-COVID-Maßnahmen ernsthafte negative Gesundheitskonsequenzen hatten, möglicherweise sogar schwerere als die Pandemie selbst (vgl. hier, hier oder hier). Während im Jahr 2020 diese Faktoren die gesamte Bevölkerung beeinflussten, konnte später die harte Diskriminierung von Ungeimpften eine starke selektive Wirkung auf deren Gesundheit haben. Heutzutage wird jeder ernstzunehmende gesellschaftliche Diskurs mit einem Bezug auf die konkrete soziale Lage verschiedener Gruppen geführt (Stichwort Antidiskriminierung). Erstaunlich ist es daher, dass in dieser Studie die sozialen Faktoren so stark heruntergespielt werden.
Das spekulative Argument, dass die Impfung nicht nur auf COVID-19, sondern indirekt auch auf andere Erkrankungen eine biologische Wirkung haben könnte, ist zwar nicht vollständig aus der Welt zu schaffen, aber aus quantitativen Gründen extrem unplausibel. Jede indirekte Wirkung von A auf C über B ist schwächer als die direkten Wirkungen von A auf B und von B auf C. Je länger die kausale Kette, umso schwächer der Endeffekt im Vergleich mit direkten Effekten.
Es ist zwar nicht völlig ausgeschlossen, dass z. B. das Virus die Herzfunktion von chronisch Herzkranken zusätzlich schwächen und dass die Impfung deshalb die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduzieren könnte; aber diese Reduktion müsste deutlich geringer ausfallen als die Reduktion der COVID-19-Sterblichkeit. Dass die in der Studie beobachtete Sterblichkeitsabnahme für völlig unterschiedliche Todesursachen sehr ähnlich war, macht die indirekten Erklärungen höchst unwahrscheinlich.
Rosinenpicken beim Zusammenhang von Impfquote und Sterblichkeit
Zusätzlich zu diesen prinzipiellen Überlegungen lassen sich weitere kritische Punkte anführen, die ebenfalls zu erheblichen Verzerrungen führen können:
Die Forscher schreiben, dass einige Studien beim Vergleich zwischen geographischen Regionen einen negativen Zusammenhang zwischen Impfquote und Sterblichkeit feststellten: Je höher die Impfquote, desto niedriger die Sterblichkeit. Das jedoch ist Rosinenpickerei. Es gibt zwar solche Studien tatsächlich, aber erstens wurde die wichtigste davon aus methodischen Gründen stark kritisiert; zweitens wurde in anderen Studien auch der genau entgegengesetzte positive Zusammenhang (je höher die Impfquote, desto höher die Sterblichkeit) mehrmals berichtet (vgl. hier und hier); drittens fanden sehr umfangreiche Studien keine Korrelation zwischen Impfquote und der Verbreitung des Virus (vgl. hier).
In der ersten Hälfte der französischen Impfkampagne (bis 12. Juli 2021) erreichte die Reduktion der Allgemeinsterblichkeit 31 %, in der zweiten Hälfte aber lediglich 7 %. Für diesen gewaltigen Unterschied scheint es keine andere Erklärung zu geben als die bevorzugte Impfung von (gesünderen) Vertretern der wohlhabenden Klassen, die die Einschränkungen der Reisefreiheit vermeiden wollten.
Für die wichtige Rolle der wirtschaftlichen Faktoren spricht auch der große und hochsignifikante (p < .00001) Unterschied auf der Skala, die das Ausmaß der sozialen Wohlstandssituation messen soll: Die meisten Geimpften gehörten zu der minimal deprivierten Klasse (d. h. zu der bestsituierten von den insgesamt fünf Klassen), die meisten Ungeimpften dagegen zu der maximal deprivierten Klasse.
Fehlende Rohdaten
Es gehört heute zum guten Ton in der empirischen Wissenschaft, dass die Autoren veröffentlichter Studien entweder die Rohdaten archivieren und frei zur Verfügung stellen, oder erklären, dass diese Daten den Kollegen, die die Analysen replizieren wollen, nach Anfrage zur Verfügung gestellt werden. Bei Semenzato et al. findet sich weder der eine noch der andere Hinweis.
Hintergrund ist der Umstand, dass die Studie auf SNDS-Daten (Système National des Données de Santé – Nationales System der Gesundheitsdaten) basiert, die den Autoren im Rahmen einer behördlichen Sondergenehmigung zugänglich waren, externen Forschern jedoch nicht zur Verfügung stehen. Eine unabhängige Replikation der Analysen ist daher praktisch nicht möglich.
Fazit: Im Gegensatz zur Meinung Karl Lauterbachs und Medienberichten wie denen des Focus beweist die Studie von Semenzato et al. nicht, dass die Impfung sicher ist. Die Autoren selbst behaupten dies zwar in der 90 Wörter kurzen Zusammenfassung des Artikels (womöglich das Einzige, was Lauterbach gelesen hat), im Haupttext relativieren sie jedoch diese Behauptung erheblich.
Im besten Fall lässt sich aus der Studie der Schluss ziehen, dass die möglichen Impfschäden geringer sind als die negativen Auswirkungen der in der Studie nicht (oder nicht hinreichend) berücksichtigten Faktoren, v. a. des extremen politischen Drucks auf Ungeimpfte und der sozial-ökonomischen Differenzen zwischen Geimpften und Ungeimpften. Ob dies eine gute oder schlechte Nachricht ist, liegt im Auge des Betrachters.
Weitere Informationen:
Originalstudie: Laura Semenzato et al. (2025)
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