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Keuchhusten-Einzelimpfstoff: Zugelassen, aber nicht verfügbar
Für ÄFI stellen sich damit folgende Fragen: Für welche Personengruppen ist der Impfstoff zugelassen? Wie sicher und wie wirksam ist er? Warum kommt jetzt wieder ein Einzelimpfstoff? Ab wann wird er verfügbar sein?
Nicht zur Grundimmunisierung für Kinder unter 12 Jahren zugelassen
VacPertagen® ist nur als Auffrischungsimpfung zum Schutz gegen Keuchhusten bei Jugendlichen ab 12 Jahren und Erwachsenen zugelassen sowie bei Schwangeren zum Schutz ihrer Säuglinge gegen Keuchhusten als Nestschutz in den ersten Monaten nach der Geburt. Als empfohlenes Impfschema wird eine Impfdosis angegeben, die intramuskulär (i. d. R. in den Oberarm) injiziert werden soll.
Nicht zugelassen ist VacPertagen® dagegen zur Grundimmunisierung von Kindern. Der Grund: Laut EMA sind „die Sicherheit, Immunogenität und Wirksamkeit von VacPertagen® bei Kindern unter 12 Jahren bisher noch nicht erwiesen“. Damit ist die Anwendungsmöglichkeit von VacPertagen® deutlich geringer als die des letzten Keuchhusten-Einzelimpfstoffs PAC MÉRIEUX von Sanofi Pasteur. Dieser war für alle auch zur Grundimmunisierung zugelassen und bis 2005 in Deutschland marktverfügbar.
Wie wirksam und sicher ist der neue Einzelimpfstoff?
Zum Impfstoff wurden lediglich zwei randomisierte kontrollierte Phase-III-Studien (RCTs) zur Bestimmung der Immunogenität an insgesamt 223 Probanden durchgeführt: Einmal erhielten 148 Jugendliche von 12 bis 17 Jahren VacPertagen® (Studie TDA202), in der anderen Studie 75 Erwachsene ab 18 Jahren (TDA206).
Die Immunantwort wurde auf Basis der geometrischen mittleren Konzentration (GMK) vor und 28 Tage nach der Impfung bestimmt. Es handelt sich dabei um einen statistischen Wert, der in Impfstoffstudien verwendet wird, um verschiedene Antikörperkonzentrationen (z. B. IgG, neutralisierende Antikörper) zusammenzufassen.
Die GMK nach VacPertagen® war durchgängig deutlich höher als bei einem zugelassenen Tdap-Vergleichsimpfstoff: bei Jugendlichen je nach gemessenem Wert 3,8 bis 8,9-fach höher, bei Erwachsenen 2,2 bis 8,6-fach höher. Die Antikörperpersistenz bei Jugendlichen war nach fünf Jahren je nach Wert noch 2,2 bis 2,9-fach höher, bei Erwachsenen nach drei Jahren 1,8 bis 5,1-fach höher.
Zur Prüfung des Nutzens bei Schwangeren wurde lediglich eine randomisierte kontrollierte Phase-II-Studie (TDA207) durchgeführt, bei der nur 40 Probandinnen im Alter von 18 bis 40 Jahren Vacpertagen® erhalten haben. Die Schwangeren erhielten die Impfung im zweiten oder dritten Schwangerschaftstrimenon. Die meisten Schwangeren waren in der Kindheit mit einem Keuchhusten-Ganzkeim-Impfstoff geimpft worden. Wie viele Schwangere genau und welche Auswirkungen dies möglicherweise auf die Schutzwirkung der maternalen Impfung hat, geht aus den Daten der EMA jedoch nicht hervor.
Weiterhin findet sich folgender sehr wichtiger Hinweis in der Fachinformation: „Für VacPertagen® liegen keine Daten zur Wirksamkeit vor. Für Keuchhusten wurde bislang kein Schutzkorrelat bestimmt.“ Ähnliche Hinweise finden sich bereits in Fachinformationen zu anderen Keuchhusten-Impfstoffen. Grundsätzlich ist also davon auszugehen, dass es kein anerkanntes Schutzkorrelat gibt.
Die Sicherheit einer Einzeldosis VacPertagen® wurde auf der Grundlage von Daten aus randomisierten, kontrollierten klinischen Studien bei 2.508 Personen ab 12 Jahren untersucht, darunter 150 Jugendliche, 2.318 nicht schwangere Erwachsene und 40 schwangere Frauen – letztere eine extrem geringe Anzahl an Probandinnen.
Die bisherige Impfstrategie mit Kombinationsimpfstoffen
Die Keuchhusten-Impfung soll bei Kindern frühzeitig eigene Antikörper aufbauen und bei Schwangeren vor allem den passiven Nestschutz für das Neugeborene erzeugen: Über die Plazenta werden in der Schwangerschaft mütterliche IgG-Antikörper übertragen, die das Kind dann in den ersten Lebensmonaten über eine Leihimmunität schützen sollen, bis es selbst geimpft werden kann.
Trotz hoher Impfquoten (ca. 93% aller Schulanfänger sind gegen Keuchhusten geimpft) ist es innerhalb der letzten Jahre zu einer steigenden Anzahl an Keuchhusten-Fällen gekommen. Das liegt einerseits daran, dass die neuen azellulären Impfstoffe im Gegensatz zu den alten (schlechter verträglichen) Ganzzell-Impfstoffen kaum Einfluss auf die Reduktion der Infektionszahlen und somit der Inzidenz haben. Andererseits wird in der Fachwelt eine evolutionäre Weiterentwicklung des Erregers B. pertussis diskutiert, die ebenfalls zu einer geringeren Wirksamkeit der Impfung führen könnte.
Darüber hinaus ist die Wirksamkeit zur Vermeidung von Keuchhusten-Infektionen in ihrer Dauer stark begrenzt. Meta-Analysen kommen unabhängig von Impfstoff und Impfschema (3-5 Dosen) zum Ergebnis einer gerade einmal drei Jahre anhaltenden Schutzwirkung nach der letzten Impfdosis. Diese Analysen schlossen Studien ein, die sowohl Surrogatparameter (die gemessene Immunogenität) als auch tatsächliche Infektionen (die gemessene Wirksamkeit) berücksichtigten, wobei wie bereits erwähnt die Immunogenität nicht für den Schutz vor einer Infektion aussagekräftig ist. Die Impfstoffe vermitteln zudem keine Herdenimmunität. Geimpfte Personen können asymptomatisch den Erreger weitergeben.
Bei der maternalen Impfung in der Schwangerschaft liegen Beobachtungsstudien vor, die je nach Studie eine relative Wirksamkeit gegen Erkrankung zwischen 69–91% angeben. Diese Daten sind jedoch mit großen Unsicherheiten behaftet und randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) fehlen. Der Einfluss auf Hospitalisierungen und Todesfälle bei Säuglingen bleibt unklar. Der Grund hierfür liegt in der Seltenheit der Fälle bei Kindern unter einem Jahr begründet, die man durch die maternale Impfung zu schützen versucht.
Vor diesem Hintergrund ist die Zulassung des neuen Einzelimpfstoffs zu verstehen: Er bietet Schwangeren lediglich eine Alternative zu den Kombiimpfstoffen.
Ungeklärte Marktverfügbarkeit für Deutschland und Europa
Da es sich um ein zentralisiertes Verfahren handelt, ist mit der Zulassung in der EU VacPertagen® automatisch auch in Deutschland zugelassen. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führen keine eigenen zusätzlichen Zulassungsverfahren durch und prüfen die Chargen vor der Marktverfügbarkeit nur auf dem Papier gemäß der europäischen Richtlinie für Arzneimittelkontroll-Labore (OMCL). ÄFI hatte hierüber bereits bei den COVID-19-Impfstoffen berichtet.
Auf der aktuellen PEI-Übersichtsseite zu Keuchhusten-Impfstoffen wird VacPertagen® jedoch nicht gelistet (Stand: Mai 2026). Dies könnte daran liegen, dass der rekombinante, azelluläre Impfstoff bisher nicht marktverfügbar ist – BioNet Europe also (noch) keine Chargenfreigabe für Deutschland beim PEI beantragt hat. Denkbar ist, dass BioNet Europe eine Zulassung in der EU beantragt hat, den Impfstoff aber nur in einigen wenigen EU-Ländern vertreiben möchte.
Nach aktuellem Stand gibt es dazu keine öffentlichen Informationen. Bisher ist der Impfstoff nur in Asien unter dem Namen Pertagen® zugelassen, verfügbar und Teil des Immunisierungsprogramms für Schwangere in Thailand.
Eine Presseanfrage der Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) an BioNet Europe zur Marktverfügbarkeit des Impfstoffes in Europa und Deutschland blieb bislang unbeantwortet. Sollte der Impfstoff nicht in Deutschland, aber in einem anderen EU-Land vermarktet werden, würde zumindest die Möglichkeit bestehen, diesen zu importieren. Da der Impfstoff regulär in der EU zugelassen ist, würde dies (bei regulärer Anwendung) auch nicht in die Kategorie des Off-Label-Use fallen.
Kritik
Normalerweise werden für ein Zulassungsverfahren Phase-I- bis Phase-III-Studien benötigt. Während Phase-I- und Phase-II-Studien aufgrund von geringeren Teilnehmerzahlen und kürzeren Beobachtungszeiten eher als erste Hinweise hinsichtlich der optimalen Dosis, Wirksamkeit und möglicher Sicherheitssignale dienen, sind Phase-III-Studien die für das Zulassungsverfahren relevanten und komplexeren Untersuchungen: Sie untersuchen die Wirksamkeit und Sicherheit anhand von größeren Teilnehmerzahlen und längeren Beobachtungszeiten.
- Die geringen Probandenzahlen von 223 Jugendlichen und Erwachsenen sowie 40 Schwangeren lassen keine valide Aussage über Wirksamkeit und Sicherheit zu.
- Die Zulassung eines Impfstoffs für eine so vulnerable Personengruppe wie Schwangere auf Basis von nur gut drei Dutzend geimpften Probandinnen ist nicht akzeptabel.
- Die Schwangeren waren fast alle in ihrer Kindheit mit dem Ganzzell-Impfstoff gegen Keuchhusten geimpft worden, den es in Deutschland seit den 1990er-Jahren nicht mehr gibt. Welchen Einfluss dies auf die Ergebnisse der Studie hat, lässt sich nicht einschätzen.
- Immerhin hat die EMA selbst erkannt, dass die Daten zu Schwangeren begrenzt sind. Zudem „… bestehen Unsicherheiten hinsichtlich des Ausmaßes und der Dauer des Schutzes bei Neugeborenen“. Deshalb hat die EMA den Zulassungsinhaber dazu verpflichtet, weitere Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit bei Schwangeren durchzuführen. Damit stellt sich die Frage, warum VacPertagen® überhaupt eine Zulassung zur Impfung Schwangerer erhalten hat. Jedenfalls reichen die vorliegenden Daten nicht aus, um von einer sicheren und wirksamen Impfung sprechen zu können.
- Es ist insgesamt nach wie vor verwunderlich, warum die EMA Hersteller nicht zu klinischen Wirksamkeitsstudien verpflichtet, welche die reale Verringerung der Erkrankung messen. Zumal dann, wenn die gemessene Immunantwort ohnehin und von der EMA selbst anerkannt wenig bis keine Aussagekraft besitzt.
- Nicht von der EMA in der Fachinformation zu VacPertagen® erwähnt, aber nicht vergessen werden sollte auch der Blunting-Effekt, der von allen bisherigen Keuchhusten-Impfstoffen bekannt ist. Dabei handelt es sich um eine Abstumpfungswirkung durch die maternale Impfung. Wahrscheinlich kommt es nach der Impfung der Mutter zu einer verringerten immunologischen Reaktion, wenn dann das Kind geimpft wird. Das Ausmaß des Bluntings ist nicht ganz klar – einige Forscher schätzen dieses auf 10-20 % weniger relative Schutzwirkung. Außerdem kommen Meta-Analysen zu dem Ergebnis, dass dies für mindestens ein Jahrzehnt anhält. Unklar ist auch, ob die immunologisch stärkere Reaktion von VacPertagen® durch die höhere geometrische mittlere Konzentration (wie oben beschrieben) auch zu einem stärkeren Blunting führt.
Fazit
Einerseits ist es erfreulich – und die ÄFI begrüßen diese Bestrebungen von Herstellern –, die inzwischen sehr monoton auf Kombipräparate ausgelegte Impfstoff-Landschaft aufzuweichen. Die Verfügbarkeit von Einzelimpfstoffen ist in jedem Fall ein Gewinn für die individuelle Impfentscheidung.
Andererseits bleiben derzeit viele Fragen ungeklärt. Wie wirksam und sicher ist das Präparat bei Schwangeren tatsächlich, da bisher nur Phase-II-Studien vorliegen? Ist der Effekt des Bluntings bei diesem Impfstoff möglicherweise stärker als bei anderen?
Außerdem bleibt das Nutzen-Risiko-Profil der Impfung für Schwangere völlig unklar: Die wenigen vorliegenden Studiendaten liefern kaum ausreichende Daten und lassen Qualität, Wirksamkeit und vor allem die Sicherheit des Impfstoffs (bei nur 40 einbezogenen Schwangeren) höchst fraglich erscheinen.
Und last but not least: Wann wird der Impfstoff marktverfügbar?
Bei der Beratung zu diesem Impfstoff sollten Ärztinnen und Ärzte in jedem Falle die Zielgruppe von Jugendlichen, Erwachsenen und insbesondere Schwangeren über das begrenzte Wissen bezüglich VacPertagen® in einem individuellen Beratungsgespräch aufklären. Basierend auf den Informationen der EMA hat ÄFI seinen Fachbeitrag zu Keuchhusten um die Inhaltsstoffe, die postulierte Wirksamkeit sowie Nebenwirkungen ergänzt. Die Angaben über Impfstoffe in den ÄFI-Fachbeiträgen spiegeln die Zulassungs-, nicht die Marktsituation (Verfügbarkeit) wider.
Sollte sich BioNet Europe noch zu unseren Fragen äußern, werden wir an dieser Stelle darüber informieren.
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