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In Echtzeit nach vier Jahren
Mit dem Beginn der Impfkampagne gegen COVID-19 Ende 2020 führte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) das Nebenwirkungsverfolgungsprogramm SafeVac 2.0 für Smartphones (Betriebssysteme iOS und Android) ein. Wer die App heruntergeladen hat, meldete sich zur weiteren Beobachtung möglicher Nebenwirkungen an. Genauer gesagt waren damit „unerwünschte gesundheitliche Ereignisse“ (adverse events - AE) gemeint, die nach einer Impfung auftreten, bei denen aber unklar ist, ob sie tatsächlich eine Folge der Impfung sind.
Die teilnehmenden Personen wurden im Anschluss an die erste Impfung nach 1 Stunde, 6 Stunden, 24 Stunden, 3 Tagen, 1 Woche, 2 Wochen und 3 Wochen daran erinnert, dass sie ihre etwaigen Nebenwirkungen an das PEI melden sollen.
Zusätzlich wurden Ereignisse nach der zweiten Impfung nach 4 und 8 Wochen abgefragt, nach der Booster-Impfung hingegen nur nach 7 Tagen. Die Antwort (wie auch die Studienteilnahme) war freiwillig.
Bei jeder Erinnerung wurden 13 mögliche Nebenwirkungen abgefragt:
- Schmerz an der Injektionsstelle,
- Schmerz an der Seite der Injektion,
- Anschwellung an der Seite der Injektion,
- Müdigkeit,
- Kopfweh,
- Muskelschmerzen,
- Unwohlfühlen,
- Schwindel,
- Schüttelfrost,
- Fieber,
- Übelkeit (Brechreiz),
- Gelenkschmerzen,
- Durchfall.
Diese abgefragten Nebenwirkungen wurden in den Begriffen von Symptomen, nicht möglicher Diagnosen, formuliert, weil die Teilnehmer i. d. R. keine Mediziner waren und sich mit den Diagnosen nicht auskennen mussten. Darüber hinaus konnte jeder Teilnehmer weitere Nebenwirkungen frei eintragen.
Bei der Datenanalyse wurden die sogenannten „speziellen“ Nebenwirkungen (nicht abgefragt, auf Englisch adverse events of special interest, AESI) separat erfasst, und zwar:
- Akute Hirnentzündung
- Akute Hirnhautentzündung
- Akute Rückenmarkentzündung
- Akute disseminierte Hirn- und Rückenmarkentzündung
- Akutes Atemnotsyndrom (ARDS)
- Akute aseptische Arthritis
- Anaphylaxie
- Fazialisparese
- Generalisierte Krämpfe
- Guillain-Barre-Syndrom
- Hautvenenentzündung
- Herzmuskelentzündung
- Herzhautentzündung
- Auf ein Organ begrenzte kutane Vaskulitis
- Multisystemisches Entzündungssyndrom
- Sensorineuraler Hörverlust
- Thrombosen und Thromboembolien
- Thrombozytopenie
- Vakzininduzierte Kombination von Thrombosen und Thrombozytopenie
Diese unerwünschten Ereignisse wurden anhand der Angaben der Teilnehmer mithilfe des medizinischen Klassifikationssystems MedDRA entsprechenden diagnostischen Kategorien zugeordnet. Eine systematische ärztliche Überprüfung oder Bestätigung der Diagnosen erfolgte dabei nicht.
Die Rekrutierung für die Studie wurde nach knapp zwei Jahren am 30.09.2022 abgeschlossen. Seither gab es seitens der Öffentlichkeit mehrere Nachfragen zur Auswertung. Daraufhin wurde die App erklärt als eine Technik zur Verfolgung von Nebenwirkungen quasi in Echtzeit. Doch auch nach vier Jahren hat man von den Daten weiter nichts gehört – außer den Beschwerden des PEI über technische und datenschutzrechtliche Auswertungsprobleme. Deshalb wurde eine Publikation wie die nun von Kopp et al. (2026) mit Spannung erwartet.
Nur begrenzte Untersuchung der Impfstoffsicherheit
Diese Erwartung wird gleich zu Beginn enttäuscht: Die Autoren erklären, dass sie lediglich eine „Machbarkeitsstudie“ (feasibility study) veröffentlichen. Der Schwerpunkt liegt damit auf der Bewertung der eingesetzten Methode und einer Übersicht über die erhobenen Daten, nicht auf einer umfassenden Untersuchung der Impfstoffsicherheit. Angesichts der großen Zahl an Teilnehmern und dokumentierten Ereignissen stellt sich deshalb die Frage, warum die vorliegenden Daten nicht ausführlicher ausgewertet wurden.
Insgesamt haben 732.864 Personen teilgenommen, was mehr als 1 % aller in Deutschland geimpften Personen (ca. 64,8 Millionen) ist. Im Durchschnitt wurden 5,4 Nebenwirkungen pro Person (Median = 4) und 2,8 Nebenwirkungen pro Impfung (Median = 2) angegeben. 88 % der gemeldeten Nebenwirkungen waren die 13 abgefragten Symptome.
Dass insgesamt 1.460 Datensätze aufgrund fehlender oder unplausibler Angaben zu Alter, Körpergröße oder Körpergewicht ausgeschlossen werden mussten, wirft die Frage auf, inwieweit auch Angaben zu unerwünschten Ereignissen fehlerhaft oder möglicherweise bewusst falsch gemacht wurden. Solche Angaben dürften sich anhand einfacher Plausibilitätsprüfungen deutlich schwerer erkennen lassen.
Widersprüchliche Zahlen
Hinzu kommen weitere Unstimmigkeiten. Einige Daten werden im Artikel nur als absolute Zahlen dargestellt, andere als Prozentzahlen, dritte in beiden Formaten. So lieferten 25,4 % der Teilnehmer die Information nur zu ihrer ersten, aber nicht zur zweiten Impfung. „Interessanterweise lieferten 2,82 % von ihnen (N = 4242) später die Daten über die Booster-Impfung” (S. 3, linke Säule). Aber 25,4% von 732.864 Teilnehmern sind 186.147 und 2,82 % davon sind 5.249, nicht 4.242.
Oder andersherum: Würde man die Angabe von 2,82 % als korrekt voraussetzen, müsste die Anzahl der Teilnehmer ohne Angaben zur zweiten Impfung etwa 150.426 betragen. Dies würde rechnerisch einer Gesamtstichprobe von rund 592.227 statt 732.864 Teilnehmern entsprechen, sofern die genannte Bezugsgruppe weiterhin 25,4 % der Gesamtstichprobe ausmachen sollte. Eine solche Annahme wird jedoch durch die Angaben in Abbildung 1 der Studie nicht gestützt. Die Diskrepanz deutet daher auf eine fehlerhafte Prozentangabe hin.
Die möglichen speziellen Nebenwirkungen, die insgesamt wesentlich schwerwiegender waren als die abgefragten, erschienen mit einer durchschnittlichen Häufigkeit von 1 pro 400 Impfungen (für die 1. Dosis 1 pro 555 Impfungen, für die 2. Dosis 1 pro 263 Impfungen, für den Booster 1 pro 588 Impfungen).
Hochgerechnet fast eine halbe Million spezielle Nebenwirkungen?
Da in Deutschland 192,2 Millionen Impfdosen verabreicht wurden, könnte dies, unter der hypothetischen Annahme, dass die Daten zuverlässig und repräsentativ seien, rein rechnerisch 480 Tausend spezielle Nebenwirkungen bedeuten. Diese Annahmen sind allerdings mit erheblichen Unsicherheiten verbunden und stellen keine belastbare Schätzung der tatsächlich aufgetretenen Impfnebenwirkungen dar. Denn: Die Stichprobe könnte nicht für alle Bevölkerungsgruppen repräsentativ sein, die Ereignisse waren nicht ärztlich validiert und wie üblich spielen Selektions- und Meldeverzerrungen eine Rolle. Diese Hochrechnung dient daher ausschließlich der Veranschaulichung der Größenordnung von gemeldeten Nebenwirkungen.
Besonders häufig unter den unerwünschten Ereignissen von besonderem Interesse (AESI) traten Herzrhythmusstörungen auf (1.946 Meldungen). Die Autoren beschreiben diese überwiegend als kurzzeitig und nicht persistierend, wobei in über 90 % der Fälle kein ärztlicher Kontakt dokumentiert wurde. Die meisten Ereignisse wurden lediglich unspezifisch als Herzrhythmusstörung klassifiziert. Da eine systematische ärztliche Überprüfung der gemeldeten Ereignisse nicht erfolgte, bleibt unklar, welche tatsächlichen Erkrankungen oder Symptome diesen Meldungen zugrunde lagen.
Insgesamt geben die Autoren 0,36 Impfungen mit dokumentierter ärztlicher Versorgung pro 100 Impfdosen an (Tabelle 3). Im Ergebnisteil berichten sie dagegen, dass bei 0,36 % der sonstigen unerwünschten Ereignisse und bei 15,85 % der unerwünschten Ereignisse von besonderem Interesse (AESI) ein ärztlicher Kontakt dokumentiert wurde. Leider bleibt unklar, wie die ereignisbezogenen Angaben zu den Arztkontakten in die impfungsbezogene Häufigkeit in Tabelle 3 überführt wurden. Da nach einer Impfung mehrere unerwünschte Ereignisse auftreten können, die möglicherweise zu einem gemeinsamen Arztkontakt führen, lassen sich die genannten Häufigkeiten nicht unmittelbar miteinander vergleichen. Eine genauere Erläuterung der Berechnung und der zugrunde liegenden Bezugsgrößen wäre daher wünschenswert.
An anderer Stelle finden sich Unstimmigkeiten zwischen Text und Tabellen. So berichten die Autoren im Ergebnisteil von insgesamt 3.617 unerwünschten Ereignissen von besonderem Interesse (AESI), während in Tabelle 4 insgesamt 3.627 Ereignisse ausgewiesen werden. Woher diese Differenz von zehn Ereignissen stammt, wird nicht erläutert.
Autoren: Studie bestätigt hohe Sicherheit der Impfstoffe
In der Diskussion erwähnen die Autoren korrekt die wichtigsten Limitationen der Studie: u. a. die fehlende Repräsentativität der Stichprobe (Teilnehmer waren Menschen mit Vorliebe für Smartphone-Nutzung); die einfachere Meldung leichter (vorgegebener) Nebenwirkungen im Vergleich zu schwereren, die man selbst formulieren musste; starke Abhängigkeit von der Motivation und in diesem Zusammenhang der Verlust von späteren Daten (nur rund 27 % der Studienteilnehmer dokumentierten eine Booster-Impfung gegenüber 62,1 % in der geimpften Bevölkerung, wobei die Erfassung von Booster-Impfungen in der App erst im November 2021 ermöglicht wurde).
Trotz dieser schwerwiegenden Einschränkungen behaupten die Autoren, dass ihre Daten die hohe Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe bestätigen. Sie vergleichen jedoch die in ihren Daten gefundenen Nebenwirkungshäufigkeiten weder mit der Rate derselben Komplikationen in der Baseline (vor dem Beginn der Impfkampagne) noch mit deren Auftrittswahrscheinlichkeit in einem relativ „sicheren“ Intervall (z. B. im 3.-4.Monat nach der Impfung, vorausgesetzt dass die meisten Nebenwirkungen relativ akut sind), ebenso wenig mit den Nebenwirkungsprofilen, die in hochwertigen, großangelegten Studien festgestellt wurden.
Auch die deutliche Abnahme der gemeldeten unerwünschten Ereignisse mit zunehmendem Alter wird zwar statistisch untersucht, mögliche Ursachen wie altersabhängige Unterschiede im Meldeverhalten werden jedoch nicht näher diskutiert.
Fazit
„Findet sich niemand, dich zu loben, so lobe dich selbst“, sagte (angeblich) Erasmus von Rotterdam. Das tun auch die Autoren, indem sie erklären: “The systematic and continuous data collection process of this CEM study enabled near real-time monitoring of adverse events” (Der systematische und kontinuierliche Datenerfassungsprozess in dieser Kohortenstudie machte ein Monitoring der Nebenwirkungen in nahezu Echtzeit möglich).
Aber die Echtzeit liegt schon vier Jahre zurück und in dieser Zeit konnte das personalstarke und ressourcenreiche Paul-Ehrlich-Institut lediglich eine sehr selektive und oberflächliche Analyse durchführen. Nicht einmal die Zahlen wurden sorgfältig überprüft, damit wenigstens der Text mit den Tabellen übereinstimmt.
Wenn nun ein naturwissenschaftlich versierter Leser sagt: „Halb so schlimm, wir fragen die primären Daten an und werten sie einfach selber aus“, so wartet am Ende der Studie eine letzte Enttäuschung: Die Originaldaten werden von „German authorities“ (sprich: dem Bundesgesundheitsministerium, BMG) geprüft, ob sie den Kollegen zur Verfügung gestellt werden dürfen, weil man die Möglichkeit der Identifizierung von Teilnehmern ausschließen will. Dabei hatte man schon im Studienprotokoll 2021 festgelegt, dass „eine Re-Identifizierung von Teilnehmer/innen nicht möglich“ sein werde.
Das bedeutet im Klartext: Nunmehr liegt eine hemdsärmelige Auswertung spontan gemeldeter Daten mit keinem ernstzunehmenden Ergebnis vor. Vor der neuen Publikation wusste die Öffentlichkeit nicht, was die mit SafeVac 2.0 erhobenen Daten zeigen. Auch nach dieser Veröffentlichung bleiben zahlreiche Fragen zur Häufigkeit und möglichen Ursächlichkeit der gemeldeten unerwünschten Ereignisse zu den COVID-19-Impfstoffen offen.
Über Jahre wurde und wird weiterhin der Bevölkerung in Zeitlupe viel Sand in die Augen gestreut, was die Nebenwirkungen der COVID-19-Impfung betrifft. Damit gerät die mit viel Brimborium angekündigte SafeVac-2.0-Studie zu einem Sinnbild für die verschleppte Aufklärung der Corona-Krise in Deutschland.
Weitere Informationen:
Originalstudie: Kopp, L., Hofner, B., Mentzer, D. Mobile-app-based cohort event monitoring study (CEM) of COVID-19 vaccines. Vaccine, 2026, 93, 129219
https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2026.129219
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