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FSME-Impf-Empfehlung weiterhin ohne Klärung von Nutzen und Risiko
Rechtzeitig zur warmen Jahreszeit haben die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung. (ÄFI) ihren Impf-Fachbeitrag mitsamt dem wissenschaftlichen Hintergrundpapier zur Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) aktualisiert.
Dabei fällt auf: Das Robert Koch-Institut (RKI) hat die Anzahl der Risikogebiete für Deutschland mal wieder erhöht. Im Vergleich zu 2025 sind zwei hinzugekommen, die Gesamtzahl beläuft sich nun auf 185 Gebiete. Im Gegensatz dazu zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hierzulande nur 55 Risikogebiete, vier weniger als im Vorjahr.
Ursächlich für die unterschiedliche Zählweise ist die Definition eines Risikogebietes, wie sie das RKI in seinem aktuellen Epidemiologischen Bulletin ausweist:
„Ein Kreis wird als FSME-Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl der übermittelten FSME-Erkrankungen in mindestens einem der Fünfjahreszeiträume 2002–2006, 2003–2007 usw. bis 2021–2025 im Kreis ODER in der Kreisregion (bestehend aus dem betreffenden Kreis plus allen angrenzenden Kreisen) signifikant (p < 0,05) höher liegt als die bei einer Inzidenz von einer Erkrankung pro 100.000 Einwohner erwartete Fallzahl.“
Am Beispiel der Zahlen für Kinder und Jugendliche wird deutlich: Es gibt wenig Grund für Handlungsbedarf. Nur in 44 von 185 Risikogebieten, also weniger als einem Viertel der vom RKI ausgewiesenen Risikogebiete, gab es überhaupt Fälle von FSME in dieser Altersgruppe. In 33 dieser 44 Risikogebiete (75 %) trat wiederum nur ein einziger Fall auf.
FSME-Studien: Von Pfizer finanziert
Grundlage für die Aktualisierung des ÄFI-Fachbeitrags war eine umfangreiche Suchstrategie für den Zeitraum von Januar 2024 bis März 2026. Sie erbrachte nur vier relevante Studien, die jedoch allesamt einen wesentlichen Makel tragen: Alle vier wurden von Pfizer finanziert und/oder von Pfizer-Mitarbeitern verfasst, die Aktien von Pfizer halten.
Eine dieser Studien fand als Negativ-Beispiel bereits Erwähnung im FSME-Fachbeitrag:
„Eine Anfang 2025 in scientific reports (nature) veröffentlichte Studie zeigt durch wenig aussagekräftige Methoden und starke Interessenskonflikte, welche Daten zu FSME-Impfstoffen unbrauchbar sind. Die Durchimpfungsquote in Schweden wurde mittels Bevölkerungsumfragen aus den Jahren 2019–2022 erhoben und anhand dessen die Impfstoffwirksamkeit geschätzt. Dementsprechend fehleranfällig sind auch die Ergebnisse, nach denen 2018–2022 etwa Tausend FSME-Fälle in Schweden durch die Impfung verhindert werden konnten (wovon die meisten laut Studie angeblich hätten hospitalisiert werden müssen). Der Absatz der Interessenskonflikte liest sich wie ein Eingeständnis: ‚Konkurrierende Interessen: Pfizer hat die Studie gesponsert und war an der Konzeption der Studie, der Analyse, der Interpretation der Daten, der Abfassung des Berichts und an der Entscheidung, den Artikel zur Veröffentlichung einzureichen, beteiligt. Alle Autoren (AP, FJA, PZ, AP, JS, JCM und LJ) sind Mitarbeiter von Pfizer Inc. und halten Aktien und Aktienoptionen von Pfizer Inc.‘" |
Zwei weitere der vier Studien weisen dieselbe mangelhafte Methodik auf. Die verbleibende Studie hat eine bessere Methodik und zeigt, dass Pfizer auch in der Lage ist, robustere Studien durchzuführen. In einem 25-Jahreszeitraum (2000–2024) wurden die in Österreich landesweit 2.260 hospitalisierten, laborbestätigten FSME-Fälle – immerhin 93 % aller Fälle – auf den Zusammenhang zum FSME-Impfstatus überprüft. Die relative Wirksamkeit der Impfung wurde hier mit bis zu 99 % bzw. > 90 % bei regelmäßig bzw. unregelmäßig geimpften Personen berechnet.
Dennoch handelt es sich um eine retrospektive Kohortenstudie und die Verzerrungsrisiken sind nicht zu unterschätzen: Wesentliche Limitationen sind neben den Interessenskonflikten auch die Beschränkung auf hospitalisierte (also schwerere) Fälle und mögliche nicht erfasste Störfaktoren (wie Änderungen im Test- und Meldeverhalten sowie klimatische Einflüsse).
Nicht zu vergessen ist auch, dass die relative Wirksamkeit nur Aufschluss über das Verhältnis von Erkrankungen zwischen geimpften und ungeimpften Personen bietet und nicht das generelle Risiko einbezieht. Wie viel kleiner das Risiko ist, überhaupt mit FSME im Krankenhaus zu landen, ergibt sich aus der absoluten Wirksamkeit. Diese lag pro Jahr und Altersgruppe in der Studie zwischen 0,0040 % (Kinder) und 0,0096 % (ältere Erwachsene).
STIKO-Argumente pro Impfung ohne Angaben zu Wirkung und Sicherheit
Um ein vollständiges Bild der Pro- und Kontra-Argumente für eine evidenzbasierte Impfentscheidung zu erhalten, wurde der FSME-Fachbeitrag um die relevanten Argumente der STIKO ergänzt. Diese stellt die Kommission in ihren Epidemiologischen Bulletins dar.
Die erste Erwähnung der FSME-Impfempfehlung für Risikogruppen in Deutschland findet sich im Epidemiologischen Bulletin 15/98 von April 1998. Dort gab die STIKO aber keine wissenschaftliche Begründung ab, sondern nur die Indikation, wer wie geimpft werden soll. Eine wissenschaftlich, mit 2 DIN-A4-Seiten jedoch recht knappe Begründung lieferte die STIKO im Juli 1998 im Epidemiologischen Bulletin 27/98.
Spätere epidemiologische Bulletins (wie auch die zuletzt veröffentlichten 9/2025 und 9/2026) stellen vor allem die epidemiologische Situation dar und widmen sich der Aktualisierung der Risikogebiete – deren Zahl stetig ansteigt.
Außerdem lässt sich feststellen: Die STIKO nimmt primär eine epidemiologische Situationsbeschreibung vor und beschränkt sich darauf, die relevanten Begrifflichkeiten wie „FSME-Kontrollgebiet“, „FSME-Endemiegebiet“ oder „FSME-Hochrisikogebiet“ zu erklären.
Dagegen vermeidet sie Angaben zur Wirksamkeit und Sicherheit der FSME-Impfung. Stattdessen entscheidet die STIKO lediglich auf Basis der Risikodefinition, dass „der Infektionsgefahr in diesen Risikogebieten durch Empfehlung entsprechender präventiver Maßnahmen für exponierte Personen Rechnung getragen werden“ müsse.
Es gibt weder eine systematische noch eine umfangreichere explorative Erörterung des Nutzens und der Risiken der FSME-Impfung durch die STIKO. Den Nutzen der Impfung „belegt“ die STIKO vor allem durch sehr vereinzelte Literaturangaben und die Angaben zum Impfstatus der übermittelten FSME-Fälle.
Auf all diese Aspekte geht der aktualisierte ÄFI-Fachbeitrag zu FSME ein und bietet zudem ein ausführliches Quellenverzeichnis. Das ebenfalls aktualisierte Hintergrundpapier weist die aktuell vorgenommenen Änderungen konkret aus.
Weitere Informationen:
Aktualisierter Fachbeitrag zu FSME, 24. März 2026
Wiss. Hintergrundpapier zu FSME, 24. März 2026
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