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Fragliche Wirkung der Gürtelrose-Impfung gegen Herpes-Zoster-Komplikationen
Zunächst ein kurzer Blick auf die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) gegen Gürtelrose. Der Lebendimpfstoff Zostavax® war in Deutschland von 2013 bis 2025 für Personen ab 50 Jahren zugelassen. Aufgrund der eingeschränkten Wirkung und Schutzdauer war der Impfstoff jedoch nur bedingt von der STIKO empfohlen worden. Auf Wunsch des Zulassungsinhabers Merck, Sharp und Dohme hat die EU-Kommission die Marktzulassung am 1. Juni 2025 widerrufen.
In den USA wurde Zostavax® bereits 2020 vom Markt genommen, in Europa also erst fünf Jahre später. Die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) haben seit Längerem auf die Notwendigkeit einer Überprüfung hingewiesen. Die STIKO hielt jedoch bis zur Rücknahme der Marktzulassung an der Indikationsempfehlung des Impfstoffes fest.
Nunmehr empfiehlt die Kommission den Totimpfstoff Shingrix® als Standardimpfung für Über-60-Jährige mit zwei Impfdosen im Abstand von 2 bis 6 Monaten. Shingrix® ist seit 2018 für Personen ab 60 Jahren und bei erhöhtem gesundheitlichem Risiko ab 50 Jahren sowie seit November 2025 für Personen ab 18 Jahren mit erhöhtem Risiko zugelassen.
Äußert geringe Wirksamkeit gegen Herpes-Zoster-Komplikationen
Für die Zulassung von Shingrix® wurden zwei Placebo-kontrollierte (Kochsalz), einfach verblindete Wirksamkeitsstudien (Phase-III-RCTs) mit Erwachsenen im Alter ab 50 Jahren (ZOE-50) und Erwachsenen im Alter ab 70 Jahren (ZOE-70) durchgeführt. Die Studienteilnehmer erhielten zwei Impfdosen im Abstand von zwei Monaten.
Die Wirksamkeit gegen Herpes-Zoster-bedingte Komplikationen wurde durch eine gepoolte Analyse der Studienergebnisse von ZOE-50 und ZOE-70 ermittelt. Das Risiko für Vaskulitis, Dissemination, Augenerkrankung, neurologische Erkrankung (inkl. Schlaganfall) und viszerale Erkrankung wurde bei Personen ab 50 Jahren relativ um 93,7 % reduziert, aber absolut nur um 0,11 %. Die Anzahl der Impfungen, um eine einzige Erkrankung zu verhindern (NNV), lag bei 935. Bei Erwachsenen ab 70 Jahren reduzierte sich das relative Risiko um 91,6 %, das absolute Risiko jedoch um nur 0,13 %. Die NNV lag hier bei 759.
Vorübergehend erhöhtes Risiko für Gürtelrose nach der ersten Impfdosis
Neuere Beobachtungsstudien, insbesondere eine australische selbstkontrollierte Fallserienanalyse aus 2025 (Shetty et al.), zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Gürtelrose-Diagnose in den ersten 21 Tagen nach der ersten Shingrix®-Dosis (relative Inzidenz etwa 11-fach; 95%-KI 10,34–11,62). Dieses erhöhte Risiko trat vor allem in Primärversorgungsdaten auf und betraf vermutlich milde Verläufe, die vom Hausarzt behandelt wurden. Nach der zweiten Dosis sank das Risiko signifikant; die Gesamtwirksamkeit gegen Herpes Zoster lag in der Studie bei etwa 73 %. Die Autoren betonen, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt und die Impfserie insgesamt schützt – dennoch ist dieses Muster ein wichtiger Aspekt für die Aufklärung vor der Impfung.
Die Argumente der STIKO
Neu findet sich nun im Fachbeitrag ein Abschnitt zu den Argumenten der STIKO, welche für die Impfempfehlung sprechen. Dies soll nach und nach für alle Fachbeiträge von ÄFI aufgenommen werden. In dem Epidemiologischen Bulletin 50/2018 beschreibt das Gremium den Gürtelrose-Impfstoff ganz allgemein als effektiv gegen Herpes Zoster und postherpetische Neuralgie (PHN), gleichzeitig aber als sehr reaktogen. Aus diesem Grund erachtet das Gremium es für notwendig, dass Patientinnen und Patienten über das Reaktogenitätsprofil aufgeklärt werden. Einige Aspekte zur Wirksamkeit sind laut STIKO nicht oder unzureichend bekannt:
- Die Notwendigkeit und der optimale Zeitraum für Auffrischimpfungen nach Grundimmunisierung sind laut STIKO nicht bekannt.
- Die Datenlage zur klinischen Wirksamkeit bei der Anwendung des Impfstoffes nach Herpes-Zoster-Erkrankung bezeichnet die STIKO als „begrenzt“.
- Bei immunsupprimierten Patienten rät die STIKO aufgrund von Erfahrungen mit anderen Impfstoffen, die keine ausreichende Immunantwort stimulieren, zur individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung.
Weiterhin hält ÄFI zu Shingrix® eine Klärung des pathophysiologischen Mechanismus für notwendig, über den der Impfstoff potentiell eine Herpes-Zoster-Erkrankung auslösen könnte. Die STIKO sollte hier neue Studien fordern, um mögliche Bedenken gegen eine Routine-Impfung aller über 50-jährigen Personen auszuräumen.
Höhere Herpes-Zoster-Inzidenz aufgrund älter werdender Bevölkerung
Laut einer Studie von 2011 traten 73 % der Todesfälle bei Patienten ab dem Alter von 80 Jahren auf. In der Altersgruppe ab 90 Jahren (0,0386 pro 1.000 Personenjahre) ist die Letalität von Herpes Zoster deutlich höher als in der Altersgruppe 50-54 Jahre (0,0002 pro 1.000 PJ).
Eine US-amerikanische Kohortenstudie von 2016 konnte einen vierfachen Anstieg der Herpes-Zoster-Inzidenz von Mitte des 20. Jahrhunderts an feststellen. Laut den Autoren der Studie ist der Anstieg nicht auf die Einführung der Varizellenimpfung, antivirale Therapien oder immunsuppressive Medikamente zurückzuführen.
Jüngere Studien stützen diesen Befund. Nicht nur in den USA, sondern auch global sind die Inzidenzen in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Gleichzeitig ist die altersstandardisierte Sterberate (ASDR) gesunken. Als Grund für den Anstieg der Inzidenz wird vor allem die immer älter werdende Bevölkerung gesehen.
Die jüngste Studienlage zur Gürtelrose-Impfung und einem Zusammenhang mit Herpes Zoster findet sich ausführlich im aktualisierten Fachbeitrag von ÄFI. Das mitveröffentlichte wissenschaftliche Hintergrundpapier informiert über die Änderungen im Vergleich zur vorherigen Version sowie zur Suchstrategie und -auswertung.
Weitere Informationen:
Aktualisierter Fachbeitrag zu Gürtelrose, 16. Feb. 2026
Wiss. Hintergrundpapier zu Gürtelrose, 16. Feb. 2026
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