Kostenlos: Der ÄFI-Newsletter

Bleiben Sie bei den Themen Impfungen und Impfentscheidung auf dem neuesten Stand!

Per E-Mail: aktuell, evidenzbasiert, verständlich

Jetzt anmelden

  • Impfaufklärung
  • STIKO
  • Wissenschaft

Die STIKO sollte ihre Standardvorgehensweise ändern

ÄFI hat seinen Fachbeitrag zur Arbeitsweise der STIKO aktualisiert und dort die neue Studie des RKI und WHO, nach der mehr als 9 von 10 Übersichtsarbeiten zu Impfstoffen hinsichtlich ihrer Berichterstattung wenig vertrauenswürdig sind, einfließen lassen. Für die Standardvorgehensweise der STIKO ergibt sich Handlungsbedarf: Künftig sollte die STIKO nur solche Arbeiten heranziehen, die vorab festgelegte Kriterien und Standards erfüllen. Weitere Themen: die unkritische Haltung des RKI zu den COVID-19-Impfempfehlungen der Kommission sowie die Ansicht des STIKO-Vorsitzenden zur partizipativen Entscheidungsfindung.

Die Anfang 2026 veröffentlichte Querschnitt-Studie von Mitarbeitern des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt die Dinglichkeit auf: Etwa 92 % der systematischen Übersichtsarbeiten (systematische Reviews) zu Impfstoffen weisen nach AMSTAR-2 eine „kritisch-niedrige“ Vertrauenswürdigkeit hinsichtlich der Berichtsqualität auf (Pilic et al., 2026). AMSTAR-2 ist ein validiertes Verfahren, um Verzerrungsrisiken in Studien (insbesondere den Publikationsbias) aufzudecken.

Heißt im Klartext: Nur der allerkleinste Teil dieser Studientypen berücksichtigt wichtige methodische Aspekte – wie das Vorhandensein eines vorabveröffentlichten Protokolls, eine Liste mit Begründungen über den Ausschluss von Studien oder eine Analyse des Publikationsbias.

AMSTAR-2 wird zur Bewertung der Berichtsqualität von systematischen Übersichtsarbeiten laut Standardvorgehensweise (SOP) der STIKO nur von Fall zu Fall angewandt. Sind diese Studientypen vorhanden, sollte dies nach Einschätzung von ÄFI jedoch zwingend vorgeschrieben werden. ÄFI hat dies bereits angemahnt und nun seinen Fachbeitrag zur Methodik der STIKO entsprechend angepasst.

Außerdem sollte die STIKO grundsätzlich nur systematische Reviews einbeziehen, die mindestens mit „moderat“ gewichtet werden. Systematische Reviews, die mit „niedrig“ bewertet wurden, könnten im Einzelfall ebenfalls einbezogen werden, wenn das Verzerrungsrisiko diskutiert würde. Das würde zu einer besseren Kontrolle der Qualität und Biasrisiken von Übersichtsarbeiten führen und das Vertrauen in die Evidenzbasis stärken.
 

RKI: COVID-19-Impfempfehlungen der STIKO waren evidenzbasiert

Auch bei dieser Aktualisierung ihres Fachbeitrags zur Methodik der STIKO hat ÄFI einige Studien analysiert und nicht aufgenommen. Dazu zählt eine Studie von Mitarbeitern des RKI (Vygen-Bonnet et al., 2022). Sie beschreibt die Arbeitsweise und Ergebnisse der STIKO während der COVID-19-Pandemie.

In der Studie wird gefolgert: „Selbst unter Zeitdruck hielt die STIKO an den Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin fest und erarbeitete evidenzbasierte Impfempfehlungen“ (Übersetzung ÄFI).

Mit keinem Wort wird erwähnt, dass die STIKO bei den COVID-19-Impfempfehlungen nicht nach ihrer Standardvorgehensweise (SOP) vorgegangen ist. Die STIKO veröffentlichte keine Hintergrundpapiere zu den Impfempfehlungen gegen COVID-19. Auch ansonsten war kein Vorgehen erkennbar, das einer systematischen Literaturrecherche mit Auswertung glich.

Zwar mag man hier auch mit dem Zeitdruck argumentieren – „evidenzbasierte Impfempfehlungen“ lassen sich der STIKO während der COVID-19-Pandemie trotzdem nicht zuschreiben. Auch deshalb nicht, weil sie entgegen der Evidenz Impfempfehlungen für Kinder und Jugendliche aussprach und sie so zum Werkzeug für den Schutz von Erwachsenen machte.

Da die Studie überdies keine ausreichende Darstellung der Stärken und Schwächen der STIKO während der COVID-19-Pandemie aufzeigt (und damit kaum einen Anspruch auf Differenziertheit erheben kann), wurde sie nicht in den ÄFI-Fachbeitrag integriert.
 

STIKO-Vorsitzender: Partizipative Entscheidungsfindung wünschenswert

Interessant ist auch ein Interview in der Fachzeitrschrift MMW (Springer Medizin) mit dem STIKO-Vorsitzenden Prof. Reinhard Berner, in dem es auch um die Bedeutung der STIKO-Impfempfehlungen geht.

In Anspielung auf die personelle Einflussnahme der US-Politik auf Impfentscheidungen wird Berner gefragt: „Einige geschasste Experten raten den US-Bürgern nun, sich künftig eher auf die eigene Hausärztin zu verlassen als auf offizielle Empfehlungen. Wie sehen Sie das?“

Antwort Berner: „Grundsätzlich wünschen wir uns das natürlich auch in Deutschland: Der Arzt soll beraten und mit dem Patienten eine gemeinsame Entscheidung treffen. Der Arzt hat aber nicht die Zeit, selbst wissenschaftliche Empfehlungen zu entwickeln, daher kann und soll er sich bei uns auf die sehr sorgfältig und umsichtig entwickelten STIKO-Empfehlungen beziehen.“

Aus Perspektive von ÄFI ist dieser Wunsch sehr begrüßenswert und sollte zukünftig noch stärker von Herrn Berner betont werden, damit die partizipative Entscheidungsfindung größeren Einfluss in der Impfberatung erhält. Zumal sich Berners Wunschdenken nicht mit der in Deutschland gültigen Rechtspraxis deckt: Die STIKO wird immer wieder als medizinischer Standard hervorgehoben und die Beratung des Hausarztes demgegenüber als nachrangig betrachtet. Wird von der STIKO-Empfehlung abgewichen, wird dafür eine besondere Rechtfertigung notwendig.

Darüber hinaus enthält das Interview aber keine Äußerungen zur STIKO-Methodik und fand deshalb keine Aufnahme in den ÄFI-Fachbeitrag. Weitere Informationen zur ausgeschlossenen Literatur, auch zum Berner-Interview, finden sich im wissenschaftlichen Hintergrundpapier.

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?