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Amerika schreibt das Impfschema für Kinder neu

Gastbeitrag von Maryanne Demasi

Die USA haben die Empfehlungen für Kinderimpfungen zurückgefahren und sich dabei am Vorbild des Impfempfehlungs-Schemas in Dänemark orientiert. Dieser Beitrag untersucht, was sich dadurch geändert hat – und was die heftige Gegenreaktion über die Impfpolitik verrät.

Über Jahrzehnte hinweg wurde das Impfschema für Kinder in den USA stillschweigend erweitert. Was als überschaubare Zahl routinemäßiger Schutzimpfungen begann, entwickelte sich zu einem dichten Geflecht aus Injektionen, Auffrischimpfungen und altersabhängigen Empfehlungen. Diese Ausweitung erfolgte schrittweise, verborgen in den Sitzungen von Verwaltungsgremien und in Richtlinien – weit ab von der öffentlichen Wahrnehmung.

Das hat sich in der ersten Januarwoche 2026 geändert. Die US-Regierung kündigte eine grundlegende Überarbeitung des Impfschemas an (1), bei der die Zahl der Krankheiten, gegen die Impfungen für Kinder „routinemäßig empfohlen“ werden, von 17 auf 11 verringert wurde – ein Schritt, der die Vereinigten Staaten näher an europäische Länder wie Dänemark heranbringt. 

Die Reaktion aus dem medizinischen Establishment ließ nicht lange auf sich warten. Ärzteverbände, Wissenschaftler und ehemalige Gesundheitsbeamte warnten, die Entscheidung gefährde Kinder. Sie bezeichneten den Kurswechsel als verantwortungslos und ideologisch motiviert.

Gegenüber dem Nachrichtenportal STAT erklärte Dr. Daniel Jernigan, ehemaliger Leiter des National Center for Infectious Diseases der CDC [Centers for Disease Control and Prevention], die Änderungen würden für Verwirrung sorgen und es „für die Menschen schwieriger machen, zu wissen, was sie tun sollten“. (2) In der New York Times warf Dr. Demetre Daskalakis, früherer Leiter des CDC-Zentrums für Impfpolitik, der Regierung vor, „heimliche Änderungen an der Impfpolitik“ ohne angemessene wissenschaftliche Prüfung vorzunehmen. (3)

Haben Sie damit recht? Dieser Artikel beleuchtet, was sich tatsächlich geändert hat, warum die Annäherung an den dänischen Impfkalender auf so heftigen Widerstand stößt und was der Vorgang über die Strategien in der Impfpolitik verrät – und wo ihre Schwachstellen liegen.


Was sich tatsächlich geändert hat

Entgegen der alarmistischen Rhetorik verbietet das überarbeitete Impfschema keine Impfstoffe, streicht keinen Versicherungsschutz und hindert Eltern nicht daran, ihre Kinder impfen zu lassen. Stattdessen wurde das Impfschema neu strukturiert und in drei verschiedene Empfehlungskategorien unterteilt (4), anstatt die allgemeine, routinemäßige Verabreichung nahezu jeder Impfung zum Normalfall zu erklären.

Eine Kerngruppe von Impfungen bleibt weiterhin für alle Kinder generell empfohlen. Dazu zählen Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR), Polio, Keuchhusten, Tetanus, Diphtherie, Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Pneumokokken, Windpocken (Varizellen) sowie HPV. Die US-Bundesbehörden beschreiben diese Liste als ein Basis-Schema, das sich weitgehend an internationalen Standards orientiert. Beachtenswert ist, dass die HPV-Impfung zwar weiterhin als Routineimpfung gilt, nun jedoch nur noch als Einmalgabe empfohlen wird.

Andere Impfstoffe werden dagegen nicht mehr automatisch für jedes Kind vorgesehen. (5) Impfungen gegen Hepatitis A, Hepatitis B, Meningokokken, Dengue-Fieber sowie RSV sind nun vor allem für Kinder mit erhöhtem Risiko vorgesehen – etwa für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen oder für solche, die in Regionen mit höherer Krankheitslast leben oder dorthin reisen.

Eine weitere Kategorie sieht eine „gemeinsame klinische Entscheidungsfindung“ vor. In diesen Fällen soll nicht mehr pauschal zu einer Impfung geraten, sondern jeder Einzelfall zwischen Arzt und Patient individuell besprochen werden. Das betrifft die Impfungen gegen Influenza, Rotavirus, Covid-19 sowie unter bestimmten Umständen auch Impfungen gegen Hepatitis A, Hepatitis B und Meningokokken.

De facto bewegt sich das US-Impfschema damit weg von einem alle Impfungen gleich behandelnden Ansatz und hin zu einem Modell, wie es in Ländern wie Dänemark praktiziert wird: Weniger Impfungen gelten automatisch als Standard, mehr Entscheidungen orientieren sich an individuellem Risiko, Kontext und Ermessen.


Warum ausgerechnet Dänemark zum Reizthema wurde

Die Idee, das US-Impfschema für Kinder grundsätzlich zu überprüfen, wurde erstmals öffentlich auf einer Sitzung des Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP) am 5. Dezember 2025 vorgestellt – jenem Beratungsgremium, das die CDC in Impfangelegenheiten berät. (6

Auf dieser Sitzung präsentierte Dr. Tracy Beth Høeg, Direktorin des Center for Drug Evaluation and Research der FDA [Food and Drug Administration], einen Vergleich zwischen dem US-amerikanischen Impfschema für Kinder und den Impfprogrammen in Dänemark sowie anderen wohlhabenden Ländern. Noch am selben Tag unterzeichnete Präsident Trump eine „executive order“ (7), die die Bundesgesundheitsbehörden anwies, das Impfschema für Kinder zu überprüfen und zu prüfen, ob es stärker an die Modelle vergleichbarer Länder wie Dänemark, Deutschland und Japan angeglichen werden sollte.

Dänemark etwa impft gesunde Säuglinge nicht routinemäßig gegen Hepatitis B, Hepatitis A, Influenza, Rotavirus, Varizellen, Meningokokken-Erkrankungen oder Covid-19. Auch eine flächendeckende RSV-Prophylaxe für gesunde Säuglinge gibt es dort nicht. Präventive Maßnahmen richten sich hier gezielt an klar definierte Risikogruppen, wobei die Kriterien öffentlich zugänglich sind.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieser Ansatz zu schlechteren Ergebnissen geführt hätte. Dänemark verzeichnet weder eine höhere Kindersterblichkeit durch jene Krankheiten, gegen die nicht routinemäßig geimpft wird, noch Wellen schwerer pädiatrischer Erkrankungen.


Warum die Reaktion so heftig ausfiel

Gegner der Reform haben eine aggressive Kampagne gegen die Vorstellung gestartet, die Vereinigten Staaten könnten ein Impfschema nach dänischem Vorbild übernehmen. Gegenüber CNBC warnte der frühere FDA-Kommissar Scott Gottlieb: „Wenn wir zum dänischen Modell übergehen … und die Impfungen gegen diese Krankheiten deutlich reduzieren, werden wir ihr Wiederauftreten erleben – und neue Kinderkliniken bauen müssen.“ (8) Bei CNN stellte der Impfstoffentwickler Paul Offit die Änderung als moralisches Versagen dar und warf Dänemark vor, sich „weniger um seine Kinder zu kümmern“, weil dort gegen weniger Krankheiten geimpft werde. (9)

Kritiker entgegnen zudem, der dänische Ansatz funktioniere nur deshalb, weil Dänemark über ein gut funktionierendes Gesundheitssystem verfüge. Das US-amerikanische Gesundheitssystem sei dagegen zu fragmentiert, zu ungerecht und zu unzuverlässig, um sich solche Zurückhaltung leisten zu können. (10) Da die USA keine rechtzeitige medizinische Versorgung, keine frühe Diagnostik und keinen verlässlichen Zugang für alle garantieren könnten, müssten Kinder – so das Argument – intensiver geimpft werden, um diese Defizite auszugleichen.

Daskalakis formuliert diesen Gedanken ausdrücklich, indem er das US-Gesundheitssystem mit einem Düsenjet und das dänische mit einem Spielzeugflugzeug vergleicht. Die schiere Größe und Komplexität Amerikas erfordere demnach mehr pharmakologische Interventionen, nicht weniger. (11) Diese Logik verschiebt jedoch die Verantwortung: Hier werden Versäumnisse des Gesundheitssystems herangezogen, um eine Ausweitung der pharmakologischen Exposition zu rechtfertigen – mehr Impfstoffe, mehr monoklonale Antikörper, mehr Produkte, und das immer früher im Leben.

Die zugrunde liegende Annahme lautet, Impfungen könnten Funktionsstörungen des Systems kompensieren. Das können sie nicht. Der eigentliche Streitpunkt ist daher nicht, ob sich das US-Gesundheitssystem von dem Dänemarks unterscheidet – das tut es ganz offensichtlich –, sondern ob Kinder die Folgen eines dysfunktionalen Systems tragen sollen.


Was Kinder tatsächlich krank macht

Infektionskrankheiten sind in den Vereinigten Staaten nicht die Hauptursache für Krankheit und Beeinträchtigung bei Kindern. Es sind vielmehr die chronischen Erkrankungen. Adipositas, Asthma, Autoimmunerkrankungen, Störungen in der neurologischen Entwicklung und Depressionen prägen heute die Gesundheit von Kindern und verursachen eine weit höhere Krankheitslast und Sterblichkeit sowie einen deutlich höheren Versorgungsbedarf als akute Infektionen.

Impfstoffe zielen nicht auf diese Last chronischer Erkrankungen ab – und könnten sie sogar verschärfen. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat argumentiert, dass diese Möglichkeit einer ernsthaften Untersuchung bedarf. (12)

Dennoch ist die öffentliche Debatte, begleitet von stets wiederholten Warnungen vor einer „Rückkehr der Infektionskrankheiten mit voller Wucht“, von angstmachenden Botschaften geprägt. Diese Angst dient dann als Rechtfertigung dafür, warum eine stetige Ausweitung von Impfprogrammen die selbstverständliche Standardreaktion sein müsse.

Öffentliche Gesundheitspolitik sollte sich daran orientieren, was das Leben von Kindern tatsächlich am meisten verbessert. Stattdessen flossen Dringlichkeit und Milliardenbeträge in den Ausbau von Impfprogrammen, während die Belastung durch chronische Erkrankungen weiter zunimmt.


Die rechtliche Bruchstelle

Das überarbeitete Impfschema legt eine juristische Schwachstelle offen: Impfstoffhersteller und -anwender profitieren seit 1986 von Haftungsprivilegien nach dem National Childhood Vaccine Injury Act. (13) Dieser Schutz ist jedoch an Bedingungen geknüpft. Der auf Impfschäden spezialisierte Anwalt Aaron Siri weist darauf hin, dass die Immunität nach diesem Gesetz „nur für Impfstoffe gilt, die für die ‚routinemäßige‘ Verabreichung an Kinder und/oder Schwangere empfohlen werden“.

In der Praxis fungierte das Impfschema für Kinder als das Instrument, mit dem Impfstoffe als routinemäßig eingestuft wurden. Mit der Ausweitung des Schemas fielen immer mehr Produkte unter diese Kategorie – und damit automatisch unter den Haftungsschutz des Gesetzes. 

Die jüngsten Änderungen dürften diese rechtlichen Grenzen nun auf die Probe stellen. Indem mehrere Impfungen in die Kategorie der gemeinsamen klinischen Entscheidungsfindung verschoben wurden, reduziert das neue Impfschema den Kreis der Impfstoffe, die als „routinemäßig“ gelten. Die rechtlichen Folgen werden nicht sofort spürbar sein, und bestehende Schutzregelungen verschwinden nicht über Nacht. Doch eine Bruchlinie, die jahrzehntelang verborgen blieb, lässt sich nun schwerlich ignorieren.


Meine Einschätzung – und Vorbehalte

Ich habe drei übergeordnete Bedenken.

Erstens verdient die Einordnung der HPV-Impfung in die Kategorie eines „internationalen Konsenses“ eine erneute Prüfung. HPV-Impfstoffe wurden über beschleunigte Zulassungsverfahren genehmigt, gestützt auf Surrogatendpunkte wie die Reduktion präkanzeröser Zervixläsionen. Bislang konnten für sie jedoch keine belastbaren Rückgänge der Gebärmutterhalskrebsraten nachgewiesen werden.

Zudem stützten sich die Zulassungsstudien vorwiegend auf aktive Vergleichspräparate statt auf inerte Placebos, was die Sicherheitsbewertung erschwert. Der Impfstoff ist inzwischen Gegenstand laufender Gerichtsverfahren. Meiner Ansicht nach wäre HPV in der Kategorie der gemeinsamen klinischen Entscheidungsfindung besser aufgehoben gewesen. Diese Einordnung verhindert Impfungen nicht, sondern trägt Unsicherheiten Rechnung und respektiert individuelle Entscheidungen.

Zweitens sind die Änderungen bei der RSV-Immunisierung weitgehend kosmetischer Natur. Zwar wurden RSV-monoklonale Antikörper in die Hochrisikokategorie verschoben, doch Säuglinge, deren Mütter während der Schwangerschaft keine RSV-Impfung erhalten haben, gelten nun ausdrücklich als anspruchsberechtigt – eine Gruppe, die zumindest derzeit noch einen großen Teil aller Neugeborenen umfasst.

In der Praxis bedeutet das, dass sich an der Empfehlung zur RSV-Prophylaxe kaum etwas ändert. Die Verschiebung ist eher konzeptionell als operativ: Sie signalisiert eine Abkehr vom universellen Anspruch, ohne den Kreis der Berechtigten spürbar einzugrenzen.

Das ist relevant, weil die zugrunde liegende Entscheidung auf einer früheren ACIP-Abstimmung beruht, die nicht einstimmig war. Auf der Sitzung im Juni 2025 gehörte der MIT-Professor Retsef Levi zu den wenigen Mitgliedern, die gegen eine routinemäßige RSV-Prophylaxe für Säuglinge stimmten. (14) Seine Sorge galt einem Ungleichgewicht bei den Todesfällen in den randomisierten Studien und der daraus folgenden Frage nach der Sicherheit dieser Produkte. Diese Bedenken wurden nicht erneut aufgegriffen – die Politik wurde lediglich neu etikettiert.

Drittens ist ein ordnungsgemäßes Verfahren entscheidend. Die Überarbeitung des Impfschemas folgte einer präsidialen Anweisung und wurde nach interner Prüfung über die CDC umgesetzt. Sie ging nicht aus einem abwägenden Verfahren von ACIP hervor – jenem unabhängigen Beratungsgremium, das eigentlich dazu dient, die Impfpolitik vor politischen Wetterwechseln zu schützen.

Durch die Umgehung von ACIP hat die Trump-Regierung die Änderungen möglicherweise leichter angreifbar gemacht. Eine künftige Regierung könnte sie ebenso rasch rückgängig machen und sich dabei auf denselben Präzedenzfall berufen. Nachhaltiger wäre es gewesen, ACIP formell den Auftrag zu erteilen, das Impfschema zu überprüfen und seine Empfehlungen auf dem üblichen Weg vorzulegen – und die Reform so in einem unabhängigeren Prozess zu verankern statt im Schwung exekutiver Entscheidungen.

Dennoch hat sich etwas Entscheidendes verschoben: Zum ersten Mal seit Jahren werden Fragen nach Verhältnismäßigkeit, Unsicherheit und Übermedikalisierung bei Kinderimpfungen offen von Entscheidungsträgern gestellt. Die Annahme, dass „mehr Impfungen“ automatisch „besseren Schutz“ bedeuten, wird ernsthaft infrage gestellt. 

Ob dieser Moment zu einem vertrauenswürdigeren System führt oder zu einer tieferen Spaltung, hängt davon ab, was nun folgt.
 


 

Über unsere Autorin

Die Debatte um Impfungen und Impfempfehlungen ist längst keine nationale mehr. Nicht erst seit der Corona-Pandemie arbeiten internationale Organisationen von WHO bis GAVI daran, Impfpolitik zu globalisieren. Daher werden wir künftig an dieser Stelle immer wieder Texte von Autoren auch aus anderen Ländern veröffentlichen, die interessante neue Einblicke in den internationalen Kontext bieten.

Besonders spannend sind die gegenwärtigen Umwälzungen in den USA, angestoßen von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. Kaum jemand beobachtet und kommentiert diese Entwicklungen genauer und treffsicherer als Maryanne Demasi. Die australische Medizinerin und Journalistin arbeitete lange beim australischen Fernsehsender ABC und hinterfragt seit Jahren Narrative in der Gesundheitspolitik, von Statinen bis zur Pandemiepolitik. Sie ist exzellent vernetzt und hat gute Kontakte zu vielen Koryphäen der amerikanischen Gesundheitspolitik.

Jüngst wurde Demasi mit dem diesjährigen „Australians for Science and Freedom Award for Science” für ihre unabhängige und kritische Arbeit ausgezeichnet. Wer an ihren hervorragenden Texten interessiert ist, dem sei ein Abonnement ihres (englischsprachigen) Substack-Blogs empfohlen:

https://blog.maryannedemasi.com
 

Quellen:

MD Reports – Der Blog von Maryanne Demasi

 

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