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Aktuelle Informationen zur Effektivität der Masernimpfung
Die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Masernimpfung sinnvoll ist, bewegt seit Langem die wissenschaftliche Diskussion. Bezüglich des Impfzeitpunktes ergibt sich ein grundsätzliches Abwägungsdilemma:
Eine sehr frühe Impfung vor Ende des ersten Lebensjahres soll die Schutzlücke im Säuglingsalter zwischen (abnehmendem) Nestschutz und eigener Immunantwort verkleinern, führt aber zu einer schwächeren Immunantwort – immunologisch wie auch epidemiologisch relevant. Manche Studien gehen von einem langfristig schlechteren Schutz aus, der auch durch eine spätere Zweitimpfung nicht vollständig korrigiert werden kann.
Die Wirksamkeit der ersten Masernimpfung steigt hingegen signifikant nach dem ersten Geburtstag. Eine Impfung zwischen dem vollendeten 12. und 15. Lebensmonat erscheint als möglicher Kompromiss zwischen Erkrankungsrisiko und möglichst guter Immunantwort. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die erste Masernimpfung mit 11 Monaten erfolgt, wird sie in den allermeisten europäischen Staaten erst später durchgeführt.
Zweite Masernimpfung ist eine Auffangimpfung
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage der Sinnhaftigkeit der zweiten Masernimpfung. Hierbei handelt es sich nicht um eine klassische Auffrischimpfung, sondern um eine Auffangimpfung für diejenigen, die auf die erste Impfung nicht reagiert haben. Nach einer ersten Impfung im zweiten Lebensjahr entwickeln etwa 95 % der geimpften Kinder eine Immunantwort. Die nicht immunisierten 5 % möchte man mit der zweiten Impfung aller Kinder erreichen.
Im Rahmen des Masernschutzgesetzes (MSG) lässt sich als Alternative zur pauschalen zweiten Impfung auch eine Antikörperbestimmung drei Monate nach der ersten Dosis durchführen. Eine weitere Alternative wäre, die zweite Impfung erst nach der Einschulung durchzuführen, wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen und in vielen europäischen Ländern praktiziert.
Darüber hinaus stellt der Fachbeitrag nun aktuelle Entwicklungen zur epidemiologischen Situation der Masern dar: Es gibt unterschiedliche Bewertungen der deutschen (NAVKO) und der europäischen Verifizierungskommission (RVC) über den Masern-Eliminierungsstatus. Während die deutsche Kommission das Geschehen 2024 weiterhin überwiegend auf zeitlich und räumlich begrenzte Virusimporte zurückführt, stellt die europäische Kommission wieder erhebliche Masernaktivität fest. Vorausgegangen waren zwei Jahre, in denen RVC und NAVKO sich über die unterbrochene Übertragung einig waren. Ist dies drei Jahre in Folge der Fall, wird einem Land der Masern-Eliminierungsstatus zugesprochen. Aufgrund der Daten von 2024 ergibt sich mit der Bewertung der RVC eine Verschiebung der Anerkennung der Elimination in Deutschland auf frühestens 2028.
Neu hinzugefügte Abbildungen zeigen Masern-Fälle nach Altersgruppe und die aktuelle Impfquote für Deutschland und die WHO-Region Europa. Auffällig hier ist der leichte Rückgang durch die Corona-Zeit, in der offenbar viele Eltern weniger Schutzimpfungen für ihre Kinder in Anspruch genommen haben als zuvor.

Abbildung: Impfquote (1. Impfung) in Deutschland und Europa von 2000 bis 2025 laut WHO Immunization Data Portal, eigene Darstellung. Quellen im ÄFI-Fachbeitrag zu Masern.
Masern-Impfstoff: Zur Effektivität und Sicherheit
Für die Aspekte der Impfstoffeffektivität und Impfstoffsicherheit wurde eine ausführliche Literatursuche durchgeführt. Zwei Studien fanden Eingang in den ÄFI-Fachbeitrag:
1. Ein systematisches Review des Swedish Council on Health Technology Assessment von 2009, das für sämtliche untersuchten Sicherheitsaspekte der Masern-Impfung eine „limitierte“ wissenschaftliche Evidenz fand. Nach MMR-Impfungen wurden hierbei häufiger Fieber und Fieberkrämpfe innerhalb der ersten beiden Wochen entdeckt. Für Epilepsie, Typ-1-Diabetes, schwere Infektionen mit Krankenhausbehandlung sowie Autismus beziehungsweise Autismus-Spektrum-Störungen fand sich kein Zusammenhang.
2. Ergänzend zu bisherigen Informationen über das primäre Impfversagen wurde ein dänisches RCT in den Masern-Fachbeitrag integriert, wonach MMR-geimpfte Kinder im Alter von 5-7 Monaten nur in 47 % der Fälle ausreichende Seroprotektionsraten entwickelten (gemessen anhand des Goldstandardtest PRNT). In Dänemark wird die Impfung regulär erst mit 15 Monaten verabreicht.
Die Studienautoren vermuten, dass das kindliche Immunsystem in dem untersuchten Alter noch zu unreif ist und mütterliche Antikörper die durch Impfung erzeugten Antikörper blockieren. Dies spricht erneut für eine Impfung nach dem ersten Geburtstag, schränkt aber auch bisherige Vermutungen ein, nach denen eine frühe Impfung auch die Entwicklung von Antikörpern nach allen weiteren Impfungen beeinträchtigt (wie oben erklärt).
Zur Bedeutung non-spezifischer Effekte
Eine umfassende Literaturrecherche wurde auch für non-spezifische Effekte (NSE) durchgeführt, die manche Forscher von der Masernimpfung erwarten. Non-spezifische Effekte der Masern- beziehungsweise MMR-Impfung werden nun erstmals ausführlicher aufgearbeitet. Beobachtungsstudien aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sowie aus Industrieländern berichten teilweise weniger generelle Infektionen, Antibiotikabehandlungen oder infektionsbedingte Krankenhausaufenthalte nach einer Masern- bzw. MMR-Impfung. Die Ergebnisse sind jedoch anfällig für Verzerrungen.
Randomisierte Studien und systematische Auswertungen liefern bislang keinen überzeugenden Nachweis eines klinisch relevanten Zusatznutzens. Zugleich bestehen gerade bei den systematischen Reviews auch methodische Unsicherheiten und eine geringe Vertrauenswürdigkeit in die Berichterstattung der Autoren. Insgesamt sind NSE plausibel, benötigen aber weitere Forschung, um ihren Effekt in Industrieländern zu bestätigen oder zu widerlegen.
Durch die Aktualisierung ist der Masern-Fachbeitrag nun insgesamt straffer und verständlicher zu lesen. Weitere Schwerpunkte der neuen Fassung und des wissenschaftlichen Hintergrundpapiers betreffen das primäre und sekundäre Impfversagen. Auch die Informationen zum Masernschutzgesetz und die wesentlichen Argumente gegen diese Nachweispflicht wurden neu und verständlicher dargestellt.
Weitere Informationen:
Fachbeitrag Masern, 7. Aug. 2026
Wissenschaftliches Hintergrundpapier, 7. Aug. 2026
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