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Kommunikative Tricks statt evidenzbasierter Empfehlungen

Im März kommt die neu formierte Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) erstmals zusammen. Insgesamt 19 Mitglieder umfasst das Gremium, das vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) und den obersten Länder-Gesundheitsbehörden berufen wurde. Ein Blick auf die Mitgliederliste zeigt: Von einer Patientenvertretung fehlt weiterhin jede Spur. Dafür rückt das Marketing von Impfempfehlungen in den Fokus.

Wenn sich die neue STIKO am 12. und 13. März 2024 zu ihrer konstituierenden Sitzung trifft, sind aus der bisherigen Runde nur noch vier Köpfe dabei. Dafür wurde das Gremium von bisher 17 auf nun 19 Mitglieder erweitert. Ausgerechnet Gesundheitsminister Karl Lauterbach lobt die politische Unabhängigkeit der Kommission, deren Mitglieder sein Haus federführend berufen hat.

Wer sich von der Neubesetzung auch die Berufung von Patientenvertretern erhofft hatte, wurde wieder einmal enttäuscht. Seit vielen Jahren gefordert, hat es die Politik bisher jedoch abgelehnt, Vertreter von Patienteninteressen in die STIKO aufzunehmen – nicht einmal in beratender Funktion, von einer Stimmberechtigung ganz zu schweigen. Diese Ignoranz nährt den Verdacht, dass sich auch die Arbeit der neuen STIKO weniger am Patientenwohl als an den Interessen anderer orientieren wird.

Kommunikationsexpertin in der neuen STIKO

Die neue STIKO versammelt stattdessen Fachleute aus den Bereichen Immunologie, Virologie, Mikrobiologie, Pädiatrie, Gynäkologie, Allgemein- und Rechtsmedizin. Generell scheint bei der Besetzung klinischer Erfahrung und Praxiskenntnis eine geringere Bedeutung zugekommen zu sein als experimenteller Laborforschung. In der Liste finden sich immerhin zwei niedergelassene Ärztinnen, von denen eine Kinder- und Jugendärztin ist. Ebenfalls zwei Vertreter kommen aus Gesundheitsämtern, vier weitere sind Spezialisten im Bereich Reise- und Tropenmedizin.

Weiterhin STIKO-Mitglied bleibt die Wiener Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt. Bei den Corona-Impfungen empfiehlt sie Risikogruppen eine Auffrischungsimpfung alle vier bis sechs Monate – wohingegen sich die STIKO für eine jährliche Auffrischung ausspricht. Ihre Einlassung „Impfgegner haben kein Vertrauen in den Staat“ offenbart eine zweifelhafte Einstellung.

Neu hinzugekommen sind die Bereiche Modellierung und Kommunikation. Für letztere wurde Prof. Dr. Constanze Rossmann vom Institut für Kommunikationsforschung und Medienforschung an der LMU München berufen. Von 2014 bis 2021 war Rossmann Professorin an der Uni Erfurt – am gleichen Institut wie Cornelia Betsch, ihrerseits Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung. Neben Betsch gehörte Rossmann zu den Initiatoren des Masterstudienganges Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt.

Die Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation Betsch wurde in der Corona-Pandemie einer breiten Öffentlichkeit als Regierungsberaterin bekannt, die höchst fragwürdige Aussagen über „Impfgegner“ oder „Verschwörungstheoretiker“ präsentierte oder einer Herdenimmunität durch die Corona-Impfstoffe das Wort redete. Besonders heikel: ihr Jitsuvax-Projekt zur Erforschung psychologischer Techniken, die es Ärzten erleichtern sollen, in der Kommunikation mit Patienten deren Impfskepsis zu überwinden. Betsch verfolgt offensichtlich das Ziel, um jeden Preis die Impfbereitschaft im Land zu erhöhen – mit Techniken aus der Kommunikationsforschung fernab medizinischer Argumente.

Um u. a. die Impfbereitschaft der Deutschen auszuloten, rief sie das COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) ins Leben. In einem Fachgespräch des Gesundheitsausschusses des Bundestages „zur Arbeitsweise und geplanten Neuausrichtung“ (!) der STIKO berichtete Betsch vor einem Jahr über das seit Corona gewandelte Impfverhalten der Deutschen: So hätten im Juli 2020 noch 60 Prozent das Impfen allgemein befürwortet, im Dezember 2022 seien es nur noch 40 Prozent gewesen. Bei der Wiedergewinnung von Vertrauen in Impfungen – vor allem in modRNA-Impfungen – sei die STIKO ein „wesentlicher Player“.

Das Feld bereiten für kritiklose Zustimmung zu Impfempfehlungen

Betsch plädierte auch dafür, die Geschäftsstelle der STIKO künftig mit Experten aus den sozialen Verhaltenswissenschaften zu unterstützen, die sich mit Kommunikation und Maßnahmenakzeptanz auskennen. Die neuartigen mRNA-Impfstoffe stellten „in Bezug auf Mythen in der Bevölkerung eine Herausforderung dar“. Gebraucht werde eine unabhängige Struktur, die für Gesundheitskommunikation zuständig sei. Das Ziel: Neue Impfempfehlungen der STIKO sollen für die Öffentlichkeit keine Überraschung mehr sein.

Mit Constanze Rossmann scheint man nun die passende Figur in der neuen STIKO platziert zu haben. Es steht zu befürchten, dass die STIKO-Geschäftsstelle künftig dahingehend arbeiten wird, die Arbeit der Kommission und somit die Einstellung der Öffentlichkeit hin zu einer weitgehend kritiklosen Befolgung von (modRNA-)Impfempfehlungen zu lenken.

Politik- und pharmafreundliche Impfempfehlungen

In der Vergangenheit haben die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) wiederholt die STIKO kritisiert für ihre politik- und pharmafreundlichen Empfehlungen, zum Beispiel bei der Frage der COVID-Impfempfehlungen für Kinder („Die STIKO hat fertig“, Video Teil 1 und Teil 2).

Auch bei der neuen STIKO befürchtet ÄFI ein Agieren fernab von Patienteninteressen. „Offensichtlich bestand bei der Neubesetzung der STIKO kein Interesse, die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten wirklich ernst zu nehmen. Stattdessen baut man jetzt auf kommunikative Tricks, um darüber hinwegzugehen. Beeinflussung mittels Nudging tritt an die Stelle von evidenzbasierter Aufklärung und individueller Beratung“, sagt der ÄFI-Vorstandssprecher Dr. med. Alexander Konietzky. „Die Bevölkerung und die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sollten sich endlich von der Vorstellung verabschieden, bei der STIKO handele es sich um eine Einrichtung, die unabhängig agiere und vorrangig das Patientenwohl im Auge habe.“

Angesichts des erklärten Ziels der globalen Impfallianz CEPI, künftig „Impfstoffe in 100 Tagen“ entwickeln zu wollen, erscheint die Berufung von Constanze Rossmann wie eine folgerichtige Maßnahme auf nationaler Ebene.

Ein Blick auf die Pläne der Pharmaindustrie bestätigt das. In der Sitzung des Gesundheitsausschusses von Februar 2023 gab der Vertreter des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller zu Protokoll, dass die Impfstoffhersteller in den nächsten Jahren 100 Impfstoffe für die Zulassungen vorbereiteten – fast die Hälfte dieser Impfstoffe gegen Erkrankungen, für die es noch überhaupt keine Impfung gebe.

Auf die neue STIKO-Expertin für Gesundheitskommunikation und die übrigen STIKO-Mitglieder scheint eine Menge Arbeit zuzukommen, der Bevölkerung neue Impfstoffe zu verkaufen. Da trifft die Neubesetzung genau ins Schwarze.

 

Quellen:

BMG, 2024
CEPI, 2024
Der Standard, 2020
Deutscher Bundestag, 2011
Deutscher Bundestag, 2023
ÖAW, 2023
Uni Erfurt, 2022
Uni Erfurt, 2024
Wikipedia, 2024

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