Hochwertige systematische Übersichtsarbeiten (systematische Reviews) gelten gemeinhin als der Goldstandard in der evidenzbasierten Medizin (ebM) und für die öffentliche Gesundheit, da sie eine quantitative Auswertung von vorhandenen Primärstudien (Beobachtungsstudien und Interventionsstudien) in einem Fachgebiet vornehmen [1][2][3]. Die meisten medizinischen Fachgesellschaften in den USA nutzen Bewertungssysteme wie GRADE, die systematische Reviews als höchste Evidenz einstufen [4]. Gleiches gilt für deutsche Fachgesellschaften und Gremien wie die Ständige Impfkommission (STIKO). Dass validierte Bewertungsinstrumente zu systematischen Reviews verfügbar sind, ist jedoch auch deshalb wichtig, weil Studien zeigen, dass die Zahl dieser Studientypen immer weiter ansteigt, während die Qualität sehr unterschiedlich und meist niedrig ist.
Eine Pionierarbeit des Forschers John P. A. Ioannidis von 2016 kam sogar zu dem Ergebnis, dass bei steigender Anzahl nur 3 % der systematischen Reviews gut gemacht und klinisch nützlich sind [5]. Eine 2024 veröffentlichte Querschnittstudie mit einer zufälligen Stichprobe von 100 systematischen Reviews, die im November 2021 in der Datenbank MEDLINE indexiert waren, zeigte, dass nur ein einziges systematisches Review (1 %) vollständig reproduzierbar war. Die Studienautoren folgern, dass die Berichterstattung über die Recherche dieser Studientypen grundsätzlich unzureichend ist [6].
Eine neue Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die im Januar 2026 im Fachjournal Systematic Reviews (BMC) erschienen ist, bestätigt nun die Ergebnisse bisheriger Studien explizit für das Thema Impfungen [7]. Die Querschnitt-Studie „Methodological quality of systematic intervention reviews on vaccination“ entstand unter Mitarbeit von Ole Wichmann, der auch als Ko-Projektleiter der IMPRESS-Studie des RKI zur Steigerung von Impfquoten fungiert (ÄFI berichtete).
Die Autoren werteten eine Stichprobe von 120 systematischen Reviews zu Impfstoff-verwandten Themen aus dem SYSVAC-Register aus – dabei handelt es sich um eine Datenbank zu systematischen Reviews über impfbezogene Themen, die in Zusammenarbeit zwischen dem RKI, der WHO und der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM) entstanden ist. Pilic et al. (2026) führten eine Block-Randomisierung in ihrer Studie durch. Das bedeutet, dass vorab Themen für die jeweiligen Blöcke definiert wurden und die darin enthaltenen Studien zufällig aber thematisch passend aus allen verfügbaren Studien ausgewählt wurden. Der erste Block enthielt systematische Reviews zur HPV-Impfung, der zweite Block zur Influenza-Impfung und der dritte Block zu weiteren Impfungen. Es wurden nur Übersichtsarbeiten zwischen 2011 und 2023 einbezogen und verschiedene statistische Verfahren angewandt, um die Unterschiede im AMSTAR-2-Score (AMSTAR-2-Erläuterung siehe weiter unten) hinsichtlich der Abhängigkeit von bestimmten Merkmalen der systematischen Übersichtsarbeit zu untersuchen (beispielsweise Publikationsjahr, Cochrane-Review).
Die Ergebnisse sehen wie folgt aus:
| AMSTAR-2-Bewertung | Anzahl (n) / Prozent (%) der systematischen Reviews |
| Kritisch-niedrig | 110 / 91,7 |
| Niedrig | 4 / 3,3 |
| Moderat | 0 / 0,0 |
| Hoch | 6 / 5,0 |
Tabelle 2: AMSTAR-2-Gesamtbewertung der untersuchten systematischen Reviews von Pilic et al. (2026)
Außerdem sind folgende Daten und Zahlen zu den untersuchten systematischen Reviews interessant:
Folgende Abbildung von Pilic et al. (2026) zeigt Muster bei den kritischen Fragen nach AMSTAR-2 auf:
Abbildung 1: Muster bei den untersuchten systematischen Reviews mit „kritisch-niedriger“ Bewertung (n=110). Besonders häufig waren die kritischen Fragen Nr. 2 (Studienprotokoll) und Nr. 7 (Liste mit Begründungen über den Ausschluss von Studien) nicht erfüllt. Zur Vergrößerung auf das Bild klicken.
Um zu überprüfen, ob die Autoren eines systematischen Reviews tatsächlich über alle relevanten Aspekte in ihrer Forschungsarbeit berichtet haben, wird häufig AMSTAR-2 herangezogen. AMSTAR-2 (A Measurement Tool to Assess Systematic Reviews 2) ist ein validiertes Instrument, um die Vertrauenswürdigkeit der Berichterstattung von systematischen Reviews zu bewerten.
Die Gesamtbewertung der Vertrauenswürdigkeit wird in vier Stufen eingeteilt: „hoch“, „moderat“, „niedrig“ und „kritisch-niedrig“. Die Checkliste umfasst 16 Fragen, wovon 7 (Nr. 2, Nr. 4, Nr. 7, Nr. 9, Nr. 11, Nr. 13 und Nr. 15) als kritisch gelten. Kritisch deshalb, weil schon eine nicht erfüllte kritische Frage zur Abstufung der Bewertung in „niedrig“ führt, zwei oder mehr in „kritisch-niedrig“. Die nicht-kritischen Fragen führen dementgegen nur bei Nicht-Erfüllung zur Herabstufung von „hoch“ auf „moderat“.
Folgende Tabelle zeigt eine zusammenfassende und übersetzte Version der 7 kritischen Fragen nach AMSTAR-2:
| Nr. | Kritische Frage | Anmerkungen |
| 2 | Gibt es ein vorabveröffentlichtes Studienprotokoll? | Registrierung bei Prospero? Abweichungen vom Protokoll? |
| 4 | Ist die Literatursuche umfassend genug? | Mehrere Datenbanken, Referenzlisten, Studienregister durchsucht und Angaben zu Suchstrategie, Restriktionen, grauer Literatur, Expertenkonsultation und Zeitraum vorhanden? |
| 7 | Liste mit ausgeschlossenen Studien im Anhang eingefügt? | Sind Begründungen vorhanden? |
| 9 | Wurde das Verzerrungsrisiko (RoB) ausreichend untersucht? | Verwendung standardisierter Tools wie Newcastle-Ottawa-Scale und Risk of Bias 2 von Cochrane? |
| 11 | War die Meta-Analyse angemessen? | Beschreibung des Vorgehens (Modell, Heterogenität) vorhanden? |
| 13 | Wurde das Verzerrungsrisiko bei der Interpretation diskutiert? | Wurden nur Studien mit geringen Risiken einbezogen und eventuell zusätzlich Sensitivitätsanalysen durchgeführt? |
| 15 | Wurde der Publikationsbias untersucht? | Wurden der Egger-Test oder Funnel-Plots durchgeführt? |
Tabelle 1: Kurzversion der kritischen Fragen nach AMSTAR-2, eigene Darstellung
Zahlreiche Studien zeigen den Nutzen von AMSTAR-2 hinsichtlich der Einschätzung von Verzerrungsrisiken, beispielsweise des Publikationsbias, und nur minimale Unterschiede hinsichtlich anderer etablierter Instrumente zur Bewertung von systematischen Reviews wie etwa ROBIS auf [8][9][10][11][12]. Sowohl die STIKO als auch ÄFI (einsehbar über die Hintergrundpapiere) nutzen AMSTAR-2 in ihren Bewertungen der Studienlage.
Es gibt inzwischen einige Querschnitt-Studien, die mittels AMSTAR-2 hohe Raten an kritisch-niedriger und niedriger Vertrauenswürdigkeit in die Berichterstattung von systematischen Reviews verschiedener Fachbereiche feststellen:
Insgesamt zeigt sich, dass ein Großteil der systematischen Reviews über verschiedene medizinische Fachdisziplinen hinweg von geringer Vertrauenswürdigkeit in die Berichterstattung ist. Konsistent und für AMSTAR-2 sprechend ist zudem, dass Cochrane-Reviews meist eine höhere Bewertung erhalten haben. Das stimmt insofern mit der Beobachtung von Studien überein, wonach die Methoden von Cochrane-Reviews hochwertiger sind als die anderer systematischer Reviews [17][18][19].
Positiv hervorzuheben ist, dass die Studie eine rigorose Methodik mittels Block-Randomisierung an einer großen Stichprobe angewandt hat, wodurch die Ergebnisse eine starke Validität erhalten. 120 systematische Reviews hört sich vielleicht im ersten Moment nach wenig an, die Methodik ist aber sehr zeitaufwändig und die Stichprobe ist größer als bei den meisten anderen Studien.
Für die Ergebnisse spricht auch, dass sie in dieselbe Richtung zeigen wie bisherige Studien zu anderen Fachbereichen (wie eingangs dargestellt). Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Häufigkeit von kritisch-niedrigen Bewertungen bei systematischen Reviews und der methodischen Überlegenheit von Cochrane-Reviews.
Wichtig ist, dass die Bedeutung von AMSTAR-2 selbst nicht missverstanden wird: AMSTAR-2 sagt nichts über die tatsächliche methodische Validität einer Studie aus, sondern nur darüber, wie die Autoren über ihre Studie berichtet haben. Eine Studie kann durchaus statistisch gut gemacht sein, aber schlecht berichtet worden sein. Beides geht aber selbstverständlich Hand in Hand und kann deshalb schwer voneinander getrennt werden. Externe Personen, die sich ein systematisches Review anschauen, können schließlich nur mit dem arbeiten, was zur Verfügung steht.
Weiterhin ist AMSTAR-2 nicht das einzige Instrument zur Bewertung von Verzerrungsrisiken in systematischen Reviews. Wie bereits angesprochen lässt sich hierfür auch ROBIS nutzen, wobei bisherige Studien vergleichbare Ergebnisse zwischen AMSTAR-2 und ROBIS feststellen. Nicht direkt als Schwäche zu nennen, aber immerhin berichtenswert ist, dass Pilic et al. (2026) ROBIS erwähnen, aber keine Analyse mit diesem Instrument durchgeführt haben. Zukünftige Studien sollten für detailliertere Einblicke in die Qualität von systematischen Reviews zu Impfungen auch vergleichend ROBIS in die Analyse einbeziehen.
Zur tiefergehenden statistischen Analyse haben Pilic et al. (2026) einen AMSTAR-2-Score berechnet, bei dem jede Frage abhängig von der Antwort einen Wert erhält (Ja = 1, teilweise Ja = 0,5 und Nein = 0). Damit kann ein systematisches Review einen maximalen Score von 16 erhalten. Einschränkend ist hierbei festzuhalten, dass die Erfinder von AMSTAR-2 dieses Vorgehen selbst nicht empfehlen. Es ist nicht klar, ob ein solcher Score tatsächlich eine Vergleichbarkeit zwischen systematischen Reviews herstellt (da die verschiedenen Fragen durchaus einen ungleichen Wert für die Gesamtbewertung haben können) oder womöglich sogar Schwächen verschleiert.
Insgesamt ist es lobenswert, dass das Robert Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation Interesse daran haben, die Qualität von systematischen Reviews im Fachbereich Impfungen zu überprüfen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen leitet sich für ÄFI ein dringender Handlungsbedarf ab:
Insgesamt bestätigt die RKI/WHO-Studie von Pilic et al. (2026) ein systematisches Qualitätsproblem bei systematischen Übersichtsarbeiten zu Impfstoffen: Über 91,7 % bzw. mehr als 9 von 10 erfüllen nicht die Standards für methodische Vertrauenswürdigkeit. Dies wirft ein kritisches Licht auf die Evidenzbasis, auf die sich STIKO und andere bei der Erstellung von Impfempfehlungen stützen.
Die Ergebnisse bestätigen auch die Erfahrung der Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) bei der Erstellung der wissenschaftlichen Hintergrundpapiere zu den Aktualisierungen ihrer Impf-Fachbeiträge: Die meisten systematischen Reviews sind „kritisch-niedrig“ mit häufigen Defiziten, was die Registrierung eines Protokolls (Nr. 2) und das Vorhandensein einer Liste mit Begründungen über den Ausschluss von Studien (Nr. 7) betrifft.
ÄFI sieht einen dringenden Handlungsauftrag: Statt auf eine Masse methodisch schwacher Reviews zu setzen, müssen hochwertige Primärstudien (insbesondere große randomisierte kontrollierte Studien), Cochrane-Reviews und transparente, reproduzierbare Übersichtsarbeiten in den Vordergrund rücken und Limitationen klar kommuniziert werden.
[1] Murad et al., 2016
[2] Lhachimi, 2020
[3] South & Lorenc, 2020
[4] Qureshi et al., 2025
[5] Ioannidis, 2016
[6] Rethlefsen et al., 2024
[7] Pilic et al., 2026
[8] Shea et al., 2017
[9] Lorenz et al., 2019
[10] Pieper et al., 2019
[11] Lunny et al., 2026
[12] Storman et al., 2026
[13] Bojcic et al., 2024
[14] Matthias et al., 2020
[15] Kamioka et al., 2023
[16] Almeida et al., 2020
[17] Jadad et al., 1998
[18] Moseley et al., 2009
[19] Fleming et al., 2013
Quellen und weitere Informationen finden sich auf der ÄFI-Webseite.
Link: https://individuelle-impfentscheidung.de/aktuelles/detail/uebersichtsarbeiten-zu-impfstoff-studien-sind-haeufig-kaum-vertrauenswuerdig.html