Der Impfstoffhersteller Moderna, der während der COVID-19-Pandemie den COVID-19-Impfstoff Spikevax® entwickelt hat, verkündete am 21. April 2026 die Zulassung des modRNA-Impfstoffes mCombriaX® durch die EU Kommission. Auf der Webseite der EMA ist bisher nur das positive Voting des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) vom 26. Februar 2026 einzusehen, auf das in der Regel nach wenigen Wochen bis Monaten die Entscheidung der EU-Kommission folgt. Es ist jedoch aufgrund der Darstellungen von Moderna zu erwarten, dass die Webseite zeitnah aktualisiert wird, sodass dann auch eine Fachinformation zum Produkt verfügbar wird.
Der Impfstoff, der den Entwicklungsnamen mRNA-1083 trägt, soll Erwachsene ab 50 Jahren vor den beiden Atemwegserkrankungen schützen. Dafür wird eine Dispersion in Fertigspritzen angeboten, die modRNA-Moleküle des vollständig membrangebundenen Hämaglutinin von Influenza A (H1N1, H3N2) und Influenza B (Victoria- und Yamagata-Linie) sowie Teile des SARS-CoV-2-Spikeproteins enthält. Warum der Impfstoff auch modRNA-Moleküle gegen Influenza B/Yamagata-Linie enthält, ist für die Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. (ÄFI) nicht klar, da die Linie seit der COVID-19-Pandemie praktisch nicht mehr vorkommt. Die Hersteller haben daher zunehmend ihre quadrivalenten Impfstoffe auf trivalente Impfstoffe umgestellt.
Die Zulassungsgrundlage für mCombriaX® bildet eine große randomisierte, beobachterverblindete Phase-III-Studie mit 8.015 Teilnehmern ab 50 Jahren. Die Ergebnisse wurden schon im Mai 2025 im Fachjournal JAMA Network veröffentlicht – einer Fachzeitschrift, die 1883 durch die amerikanische American Medical Association (AMA) gegründet wurde.
Die Probanden wurden in zwei Alterskohorten aufgeteilt (≥65 Jahre und 50–64 Jahre) und erhielten jeweils zwei Injektionen:
Nur so war die Verblindung möglich, denn mCombriaX® wird nur einmalig verabreicht und bisher gab es noch keine Kombinationsimpfstoffe, die Influenza und COVID-19 abgedeckt haben. Der Impfstoff mCombriaX® wurde somit nicht gegen Placebo getestet, sondern aktiv gegen einen anderen Impfstoff kontrolliert.
Die gesamte Phase-III-Studie wurde ausschließlich an 146 Studienzentren in den USA durchgeführt. Es liegen keine Bridging-Daten vor, die zeigen würden, dass die Ergebnisse auf die europäische Bevölkerung übertragbar sind. Die Zulassung in der EU erfolgt damit allein auf Basis einer rein US-amerikanischen Studie.
Der primäre Endpunkt war die Messung der Immunogenität 29 Tage nach verabreichter Impfung – es gibt somit keinen Nachweis einer klinischen Wirksamkeit des Impfstoffes (zur Verringerung von Infektionen, Erkrankungen, Hospitalisierungen und Todesfällen). mCombriaX® erfüllte die Nicht-Unterlegenheitskriterien für alle vier Influenza-Stämme und den SARS-CoV-2-Stamm (Omicron XBB.1.5). In der Studie wurden zwei Laborwerte miteinander verglichen:
Der Impfstoff mCombriaX® war hinsichtlich dieser Werte nicht nur nicht unterlegen, sondern überlegen: in der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen allen vier Influenza-Stämmen, bei den ≥65-Jährigen bei drei von vier (A/H1N1, A/H3N2, B/Victoria). Auch gegen SARS-CoV-2 fiel die Antikörperantwort höher aus. Das klingt zunächst nach vielversprechenden Ergebnissen – dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass es sich ausschließlich um Surrogatmarker (HAI-Titer für Influenza, pseudovirale Neutralisationsassays [PsVNA] für COVID-19) handelt.
Neben HAI-Titern sind andere Faktoren wie T-Zell-Antworten, Stamm-spezifische Antikörper oder Schleimhaut-Immunität (IgA in Nase/Rachen) für die Immunität gegen Influenza ebenfalls von Bedeutung. Eine Studie, die im Journal of Infectious Diseases publiziert wurde, kommt etwa zu dem Ergebnis, dass lediglich 20-37 % der Impfwirksamkeit (je nach Stamm) auf Basis von HAI-Titern erklärt werden kann.
Bei COVID-19 ist PsVNA zwar praktisch, korreliert aber vor allem bei älteren Varianten mit einem Schutz. Studien zeigen, dass bei Omikron-Subvarianten und mehrfachen Expositionen zunehmend T-Zellen und weitere Immunkomponenten als Schutzfaktoren eine Rolle spielen.
Heißt also: Inwiefern sich das relative oder absolute Risiko nach einer Impfung gegen Influenza oder SARS-CoV-2 verringert, ist nicht klar und auch die gemessene Immunogenität ist wenig aussagekräftig. Zudem handelt es sich bisher nur um eine Interim-Analyse. Die vollständigen Langzeitdaten zur Sicherheit und Dauer der Immunantwort (bis Tag 181) stehen noch aus und sollen separat veröffentlicht werden.
Die Rate an lokalen und systemischen Reaktionen lag bei mCombriaX® numerisch leicht höher als bei den Vergleichsimpfstoffen:
Typische Beschwerden (meist Grad 1–2, Dauer 3–4 Tage) waren: Injektionsschmerz, Müdigkeit, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Schüttelfrost, Lymphknotenschwellung, Übelkeit und Fieber. Schwere oder schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren selten und in beiden Gruppen vergleichbar. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug jedoch nur 109 Tage (≥65 Jahre) bzw. 112 Tage (50–64 Jahre) – für einen Impfstoff, der künftig jedes Jahr gegeben werden soll, eine sehr kurze Beobachtungsperiode.
Mit mCombriaX® wird die modifizierte mRNA-Technologie nun nach den Impfstoffen gegen COVID-19 und dem Impfstoff gegen RSV auch für die jährliche Grippeimpfung verstetigt. Die Zulassungsbehörden scheinen weiterhin die Augen vor den vielen Studien zu verschließen, die den limitierten und risikobehaften Einsatz der modRNA-Technologie darstellen.
Die ÄFI weisen seit Jahren auf die offenen Probleme hin: sehr kurzfristiger Eigenschutz, fehlender Fremdschutz, Lipid-Nanopartikel als wenig berechenbare und stark entzündliche Trägersubstanzen, mögliche Persistenz des Spike-Proteins, für das Immunsystem nachteiliger IgG4-Klassenwechsel, ungeklärte DNA-Verunreinigungen und potenzielle langfristige Risiken (kardiovaskulär, autoimmun, onkologisch). Weitere Hintergründe dazu finden sich in den Fachbeiträgen zu COVID-19, RSV und Adjuvantien.
Die Studie zeigt zwar eine gute Immunogenität, ersetzt aber keine harten klinischen Endpunkte. Ob der Kombi-Impfstoff die Impfquote bei Risikogruppen tatsächlich nachhaltig steigert oder lediglich die Logistik vereinfacht, ohne den realen Schutz zu verbessern, bleibt abzuwarten.
Die ÄFI stehen für eine informierte, individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Surrogatmarker sind hilfreich, aber kein Ersatz für echte Wirksamkeitsdaten über mehrere Saisons hinweg. Sobald sich detaillierte Anwendungsempfehlungen auf der EMA-Website auffinden lassen, wird ÄFI falls notwendig diesen Beitrag aktualisieren.
Wer sich impfen lassen möchte, sollte dies im Beratungsgespräch mit seinem Arzt oder seiner Ärztin besprechen und die Entscheidung auf Basis der eigenen gesundheitlichen Situation und dem vorhandenen Wissen zu den Impfstoffen treffen – nicht auf Basis von Marketingversprechen einer „Ein-Spritzen-Lösung“. Die ÄFI werden die weiteren Daten (Post-Marketing) kritisch begleiten.
Quellen und weitere Informationen finden sich auf der ÄFI-Webseite.
Link: https://individuelle-impfentscheidung.de/aktuelles/detail/modrna-technologie-wird-weiter-verstetigt.html