Impfstrategien

Die offiziellen Impfempfehlungen werden immer umfangreicher, gleichzeitig wird die Auswahlmöglichkeit von zur Verfügung stehenden Impfstoffen immer geringer - welche Alternativen gibt es überhaupt noch zum Vorgehen gemäß der offiziellen STIKO-Empfehlung?

Möglichkeiten einer Impfentscheidung

Vorbemerkung: Die nachfolgenden Überlegungen stellen eine Übersicht über zur Zeit in Deutschland umsetzbare Möglichkeiten für eine individuelle Impfentscheidung dar. Sie zeigen Optionen auf, können und sollen aber keinesfalls das unerlässliche persönliche Beratungsgespräch mit einer kompetenten Ärztin oder einer kompetenten Ärztin ersetzen. Die hier geteilten Inhalte sind ausdrücklich nicht als Impfempfehlung des Vereins „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.“ zu verstehen.

Da nur eine begrenzte Auswahl an Impfstoffen und Impfstoffkombinationen auf dem deutschen und europäischen Markt verfügbar sind, gibt es für die tägliche Praxis nur wenige Alternativen zu den offiziellen Impfempfehlungen der STIKO.

(Bezüglich der Verfügbarkeit von Impfstoffen und aktueller Lieferengpässe informiert das Paul-Ehrlich-Institut hier)

  • STIKO-Empfehlung

    Die Ständige Impfkommission (STIKO) besteht aus 12 bis 18 Experten und erstellt auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen aktualisierte Impfempfehlungen. Alle Mitglieder sind ehrenamtlich tätig und legen potentielle Interessenkonflikte offen. Das Gremium hat seinen Sitz am Robert Koch-Institut in Berlin.

    Die STIKO sieht in ihren Empfehlungen geeignete Zeitpunkte für bestimmte Impfungen vor. Die verschiedenen Teilimpfungen sowie Auffrischungsimpfungen werden in einem „Impfkalender“ aufgezeigt.

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    Die Kosten für Impfungen, die von der STIKO empfohlen werden, übernehmen die Krankenkassen vollständig. Reiseimpfungen müssen meist selbst bezahlt werden.

    Wann Impfungen anstehen

    Bei Kindern werden Impfungen im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen (U1-U9) standardmäßig angeboten. Zumeist findet ein Gespräch über Impfungen ab U3 statt. Hier haben Eltern die Wahl, ob Sie dem Impfplan der STIKO folgen wollen oder eine andere Impfstrategie wählen. Dies ergibt sich immer aus der individuellen Situation der Betroffenen.

    Leider kommt es noch viel zu selten zu einer umfassenden Nutzen-Risiko-Aufklärung. Dies liegt häufig daran, dass es in der ärztlichen Praxis zu wenig Zeit gibt und eine Impfberatung nicht vergütet wird. Die meisten Ärztinnen und Ärzte verlassen sich vermutlich auch deshalb auf die Empfehlungen der STIKO und geben diese ohne individuelle Beratung an die Eltern weiter.

    ÄFI setzt sich auch deshalb für eine informierte und freie Gesprächssituation beim Thema Impfungen ein.

  • Individuelles Vorgehen

    Eine Impfempfehlung und -entscheidung besteht immer aus mindestens drei Komponenten, die Sie für sich individuell überprüfen und ggf. anpassen können:

    – Die Empfehlung/Entscheidung über den verwendeten Impfstoff und seine Zusammensetzung

    – Die Empfehlung/Entscheidung über den Zeitpunkt des Impfbeginns

    – Die Empfehlung/Entscheidung über die Anzahl der Impfungen, eventuelle Wiederholungen und Auffrischungen

    Auswahl des Impfstoffs und seiner Zusammensetzung

    Um sich in der Fülle der verfügbaren Impfstoffe für die Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr zu orientieren, hat sich der von Martin Hirte entwickelte "Entscheidungsbaum" in der Praxis bewährt.

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    Ausgehend von dem Wunsch der meisten Eltern für eine Wundstarrkrampf/Tetanus-Impfung ist die erste, dann weiterführende Frage die nach der

    Keuchhustenimpfung

    Wird auch diese gewünscht, ist die nächste Entscheidung die über die

    HiB-Impfung

    – Möchten Eltern ihr Kind sowohl gegen Keuchhusten, als auch gegen HiB impfen, stellt sich abschließend die Frage nach der Hepatitis B-Impfung, welche dann zwischen einem Fünffach- und einem Sechsfach-Impfstoff entscheidet.

    – Ist keine HiB-Impfung gewünscht, bleibt die Möglichkeit der Grundimmunisierung mit einem zugelassenen Dreifach- oder einem für die Grundimmunisierung nicht zugelassenen Vierfachimpfstoff ("off-label").

    Wünschen die Eltern zwar eine Tetanusimpfung, aber keine Keuchhustenimpfung, stellt sich als nächste, sinnvolle Frage die nach der

    Diphtherieimpfung

    – Fällt die Entscheidung für eine Tetanus- und eine Diphtherieimpfung bleibt die Option, Kombinationsimpfstoffe zu verwenden, die in Deutschland regulär auf dem Markt und zugelassen sind, allerdings nicht für die Grundimmunisierung in den ersten Lebensjahren. Ihre Verwendung ist jedoch nach dem deutschen Arzneimittelrecht mit einer entsprechenden Aufklärung völlig legal und auch wenn wissenschaftliche Studien fehlen, zeigt die Erfahrung, dass spätestens ab dem zweiten Lebenshalbjahr hier eine Grundimmunisierung erfolgreich möglich ist (s. hier).

    – Soll das Kind zwar gegen Tetanus, aber nicht gegen Diphtherie geimpft werden, bleibt die Möglichkeit verschiedener Einzelimpfstoffe, die allerdings teilweise in Deutschland schwer verfügbar sind, und deren Verfügbarkeit mittel- und langfristig nicht gesichert ist.

    Der Zeitpunkt des Impfbeginns

    Die STIKO empfiehlt die erste der oben genannten Nicht-Lebendimpfungen (Fünffach, Sechsfach, ...) in der neunten Lebenswoche, um einen Schutzeffekt so früh zu erzielen, wie das Immunsystem überhaupt in der Lage ist, diesen aufzubauen.

    Es gibt Hinweise darauf, dass dieser frühe Impfbeginn (der so auch bei weitem nicht von allen europäischen Impfkommissionen empfohlen wird, s. hier) durchaus problematisch sein könnte (s. hier).

    Eine ausführliche und fundierte Diskussion dieses Aspekts finden Sie auch in Martin Hirtes Buch „Impfen - Pro und Contra”.

    Für Lebendimpfungen (Masern, Mumps, ...), vor allem für die Masernimpfung, gibt es noch wesentlich belastbarere Daten und international (auch von der WHO) überwiegend von der STIKO-Empfehlung abweichende empfohlene Zeitpunkte für die erste und zweite Impfung (s. hier).

    Die Häufigkeit der Impfdosen

    Auch hier gibt es auffallende Unterschiede zwischen erstens dem Stand des Wissens, zweitens den Empfehlungen anderer europäischer Länder und drittens der Empfehlung der STIKO.

    Dies betrifft vor allem die Masernimpfung und wird hier ausführlich diskutiert.