Die offiziellen Impfempfehlungen werden immer umfangreicher, gleichzeitig wird die Auswahlmöglichkeit an zur Verfügung stehenden Impfstoffen immer geringer - welche Alternativen gibt es denn überhaupt noch zum Vorgehen gemäß der offiziellen STIKO-Empfehlung? 

Möglichkeiten für ein alternatives Impfvorgehen

 

Vorbemerkung: Die nachfolgenden Überlegungen stellen lediglich eine Übersicht über zur Zeit in Deutschland praktisch umsetzbare Möglichkeiten für eine individuelle Impfentscheidung dar. Sie zeigen mithin Optionen auf, können und sollen aber keinesfalls ein in unseren Augen unerlässliches persönliches Beratungsgespräch mit einer kompetenten Ärztin/einem kompetenten Arzt ersetzen und sind ausdrücklich nicht als Impfempfehlung des Vereins „Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.“ zu verstehen.

Da nur eine begrenzte Auswahl an Impfstoffen und Impfstoffkombinationen auf dem deutschen und europäischen Markt verfügbar sind, gibt es für die tägliche Praxis nur wenige Alternativen zu den offiziellen Impfempfehlungen der STIKO.

(Bezüglich der Verfügbarkeit von Impfstoffen und aktueller Lieferengpässe informiert das Paul-Ehrlich-Institut hier)

Möglichkeiten einer individuellen Impfentscheidung

 

Eine Impfempfehlung und -entscheidung besteht immer aus mindestens drei Komponenten, die Sie für sich individuell überprüfen und ggf. anpassen können:

  1. Die Empfehlung/Entscheidung über den verwendeten Impfstoff und seine Zusammensetzung

  2. Die Empfehlung/Entscheidung über den Zeitpunkt des Impfbeginns

  3. Die Empfehlung/Entscheidung über die Anzahl der Impfungen, eventuelle Wiederholungen und Auffrischungen

 

Auswahl des Impfstoffs und seiner Zusammensetzung

 

Um sich in der Fülle der verfügbaren Impfstoffe für die Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr zu orientieren, hat sich der von Martin Hirte entwickelte "Entscheidungsbaum" in der Praxis bewährt.

Hirte Entscheidungsbaum 2019

(Klicken Sie auf die Graphik, um sie größer zu sehen)

Ausgehend von dem Wunsch der meisten Eltern nach der Wundstarrkrampf/Tetanus-Impfung ist die erste, dann weiterführende Frage die nach der

Keuchhustenimpfung

Wird auch diese gewünscht, ist die nächste Entscheidung die über die

HiB-Impfung

  • Möchten Eltern ihr Kind sowohl gegen Keuchhusten, als auch gegen HiB impfen, stellt sich als abschließende Frage die nach der Hepatitis B-Impfung, die dann entscheidet zwischen einem Fünffach- und einem Sechsfach-Impfstoff.

  • Ist keine HiB-Impfung gewünscht, bleibt die Möglichkeit der Grundimmunisierung mit einem zugelassenen Dreifach- oder einem für die Grundimmunisierung nicht zugelassenen Vierfachimpfstoff ("off-label").

Wünschen die Eltern zwar eine Tetanusimpfung, aber keine Keuchhustenimpfung, stellt sich als nächste, sinnvolle Frage die nach der

Diphtherieimpfung.

  • Fällt die Entscheidung für eine Tetanus- und eine Diphtherieimpfung (aber - siehe die erste Weggabelung - gegen eine Keuchhustenimpfung) bleibt die Option, Kombinationsimpfstoffe zu verwenden, die in Deutschland regulär auf dem Markt und zugelassen sind, allerdings nicht für die Grundimmunisierung in den ersten Lebensjahren. Ihre Verwendung ist jedoch nach dem deutschen Arzneimittelrecht mit einer entsprechenden Aufklärung völlig legal und auch wenn wissenschaftliche Studien fehlen, zeigt die Erfahrung, dass spätestens ab dem zweiten Lebenshalbjahr hier eine Grundimmunisierung erfolgreich möglich ist (s. hier).

  • Soll das Kind zwar gegen Tetanus, aber nicht gegen Diphtherie geimpft werden, bleibt die Möglichkeit verschiedener Einzelimpfstoffe, die allerdings teilweise in Deutschland nicht mehr ohne weiteres verfügbar sind, und deren Verfügbarkeit mittel- und langfristig nicht gesichert ist.

Der Zeitpunkt des Impfbeginns

 

Die STIKO empfiehlt die erste der oben genannten Nicht-Lebendimpfungen (Fünffach, Sechsfach, ...) in der neunten Lebenswoche, um einen Schutzeffekt so früh zu erzielen, wie das Immunsystem überhaupt in der Lage ist, diesen aufzubauen.

Es gibt Hinweise darauf, dass dieser frühe Impfbeginn (der so auch bei weitem nicht von allen europäischen Impfkommissionen empfohlen wird, s. hier) durchaus problematisch sein könnte (s. hier).

Eine ausführliche und fundierte Diskussion dieses Aspekts finden Sie auch in Martin Hirtes Buch "Impfen - Pro und Contra".

Für Lebendimpfungen (Masern, Mumps, ...), vor allem die Masernimpfung, gibt es noch wesentlich belastbarere Daten und international (auch von der WHO) überwiegend von der STIKO-Empfehlung abweichende empfohlene Zeitpunkte für die erste (vor allem aber auch für die zweite) Impfung (s. hier).

 

Die Häufigkeit der Impfdosen

 

Auch hier gibt es auffallende Unterschiede zwischen erstens dem Stand des Wissens, zweitens den Empfehlungen anderer europäischer Länder und drittens der Empfehlung der STIKO.

Dies betrifft vor allem die Masernimpfung und wird hier ausführlich diskutiert.

 

Bei den Nicht-Lebendimpfungen empfehlen viele mit Deutschland vergleichbare europäische Länder (Frankreich, Italien, Dänemark, Schweden, Norwegen, ...)  seit vielen Jahren die Grundimmunisierung mit der Fünf- oder Sechsfachimpfung nach dem so genannten 2 + 1-Schema, also mit einer Impfung weniger als die STIKO, die unverändert am so genannten 3 + 1-Schema festhält.

Die Gleichwertigkeit beider Vorgehensweisen in Bezug auf den entstehenden Impfschutz ist wissenschaftlich längt unumstritten. Einem STIKO-Protokoll aus dem Jahre 2017 zufolge (88. Sitzung, 14./15. November 2017), soll dieses Vorgehen zwar grundsätzlich überprüft werden, die STIKO-Geschäftsstelle hatte zumindest 2017 dafür aber offensichtlich keine Kapazitäten (was ausdrücklich nicht der STIKO oder der Geschäftsstelle angelastet werden darf, sondern denen, die über die finanzielle und personelle Ausstattung von STIKO und Geschäftsstelle entscheiden....).